Während die beiden über den Grat hinaufstiegen, der die Landesgrenze zwischen Bayern und Tirol bildet, war Friedl wortkarg und zerstreut. Sonst, wenn Benno mit ihm ausgezogen, hatte Friedl ihn auf alles Sehenswerte aufmerksam gemacht, hatte ihm jede Wildfährte, jeden Wechsel und jeden Steig gezeigt. Heute war er schweigsam. Freilich verlor sich seine Zerstreutheit ein wenig, als sie in Wildnähe kamen; gesprächiger wurde er nicht, eher noch stiller; aber das war jetzt jene vorsichtige Stille des Jägers, die das Geräusch eines rollenden Kiesels scheut, das Knarren der Schuhe und das Klirren des Bergstockes.

Mühsam waren sie den steilen Pfad zur Höhe des Stierjoches emporgeklettert. Von hier aus bis hinüber zum Torjoch zieht sich das Luderergewänd, dessen zerrissener Gurt gegen Fall in nackten steilen Felsen abfällt. Diese Wände sind im heißen Sommer ein Lieblingsaufenthalt der Gemsen, die vor der brennenden Sonnenhitze Kühlung finden auf den Schneeresten in den schattigen Klüften.

Langsam pirschten die beiden den Grat entlang, lautlos auf- und niedersteigend über seine Buckeln und Risse. Manchmal legten sie sich an gedeckten Stellen nieder auf die Erde und spähten über die Wände hinunter in die Gräben und Felslöcher. Da sahen sie bald ein größeres Rudel, bald wieder einzelne Gemsen auf den Sandreisen und Latschenhängen äsen. Wenn Friedl einen Bock erkannte, lagen sie auf langer Paß, ob sich das Wild nicht den Wänden und auf Schußweite nähern würde. Diese Hoffnung wurde immer getäuscht; es war noch früh am Tag, die Sonne brannte nicht allzu heiß, und so ästen die Gemsen zwischen den Latschen oder taten sich auf freiem Gehäng zur Ruhe nieder.

Benno begann verdrießlich zu werden, aber Friedl vertröstete ihn auf den heißeren Mittag.

Stunde um Stunde hatten sie mit Passen und Pirschen verbracht, als Friedl, der über eine Felswand hinuntergeblickt hatte, hastig zurückfuhr, sich auf die Erde warf und Benno zuwinkte, ein gleiches zu tun. Vorsichtig schoben sie den Kopf bis zu den Augen über die Felskante hinaus. „Sehen S’ ihn, Herr Dokter?“ flüsterte Friedl. Benno nickte; gleich auf den ersten Blick hatte er den Gemsbock erspäht, der am Fuß der Wand auf einem schmutzigen Schneefleck ruhte. Hastig griff Benno nach seiner Büchse; Friedl flüsterte: „Nur langsam! Lassen S’ Ihnen Zeit und verschnaufen S’ z’erst a bißl!“ Bennos Gesicht glühte vor Erregung, als er an seiner Büchsflinte den Hahn des Kugellaufes spannte. „Schauen S’ ihn nur recht schön sauber zamm“, mahnte Friedl, „am Platz muß er liegenbleiben. Wir haben kein’ Hund net bei uns.“

Da krachte der Schuß. Das Wild sprang auf, und in wilder Flucht ging’s dahin, ein Stück die Wand entlang, dann hinunter über Geröll und Latschen.

„Auweh, Herr Dokter! Den haben S’ aber sauber gfehlt!“ brummte Friedl.

Benno schüttelte den Kopf. „Das ist nicht möglich! Der Bock ist getroffen, gut getroffen!“

„Wann Sie’s glauben! Steigen wir halt abi zum Schußplatz, damit S’ Ihnen überzeugen können.“

Wäre Friedl allein gewesen, er wäre gleich an Ort und Stelle hinuntergestiegen; Bennos Mut und Gewandtheit wollte er ohne Zwang nicht auf die Probe stellen. Sie schritten den Grat entlang einer Stelle zu, wo der Abstieg weniger mühsam und gefährlich war.