Friedl lachte wie ein Berauschter. „Ja? Handschlag! Und gnagelt und gsiegelt! Und morgen in aller Fruh, da renn ich abi nach Lenggries und hol mir’s Kindl auffi nach Fall. Und recht schön grüßen tu ich’s von dir. Gelt, ja? Und wie wär’s denn? Kunntst mir ja gleich a Bußl fürs Kindl mitgeben?“ Er umschlang sie.

Erschrocken wehrte sich das Mädel, konnte sich befreien und sprang in die Sennstube. „Ah na! Wer eh schon an Rausch hat, dem därf man nimmer einschenken.“

Wie eine schwarz und weiß gesprenkelte Säule stand Lenzl im Mondschein. Er lachte leis. „Gut hast anpackt, Friedl! Aber z’ fruh hast auslassen.“

„Macht nix! Morgen is auch wieder a Tag. Und wo ’s Kindl is, muß d’ Mutter nach. Der Doktermartl tät sagen: dös is a Naturgsetz.“ Mit einem klingenden Jauchzer sprang der Jäger zum Steig hinüber. Und der tollende Schweißhund bellte, daß von den silbernen Felsen ein vielfaches Echo kam.

Lenzl stand unbeweglich in dem weißen Licht und raunte wie ein Träumender vor sich hin: „Jetzt glaub ich, daß ich gsunden tu. ’s Glück zieht alles in d’ Höh. So viel licht und lustig is mir’s im Hirnkastl!“ Mit leisem Lachen ging er zum Steig hinüber und spähte in das Licht- und Schattengewirr der Tiefe.

Da drunten, wo sich der Pfad im Mondschein wie ein weißer Silberstreif durch den dunklen Rasen hinzog, klirrten die flinken Schuhe und der Bergstock des Jägers.

Es war eine weite Strecke bis hinunter ins Tal; nie noch war sie dem Jäger so kurz geworden wie heut. Aus der Erfüllung seiner Bitte lachte ihn die Hoffnung an mit freundlichem Gesicht, und frohe Gedanken wanderten mit ihm den stillen Weg.

Als Friedl das Tal erreichte, sah er die Fenster des Wirtshauses hell erleuchtet. Er hörte Gesang, Musik und Lachen. Von der Straße guckte er durch ein Fenster in die Stube. Da saß eine muntere Gesellschaft um einen langen Tisch versammelt: der Förster mit seiner Frau, die Jagdgehilfen, Benno Harlander und der neu nach Fall versetzte, schwerbäuchige Grenzaufseher Niedergstöttner mit seinem ratzenkahlen Dampfnudelkopf, der jeden Einfall, den er hatte, mit flinker Sprudelzunge mehrmals wiederholte, wie nach dem mephistophelischen Rezept: „Du mußt es dreimal sagen!“ Vater Riesch hielt die Geige an das Kinn gedrückt, sein Ältester klimperte auf einer Gitarre, sein schmuckes Töchterchen, das „Wirtsannerl“, hobelte auf einer Mundharmonika, und der lachende Hies, der dem Gesundheitsverlangen der leidenden Punkl unmedizinisch entronnen war, hatte die Zither vor sich stehen und ließ die Saiten schnurren. Da drinnen feierten sie den Vorabend des Scheibenschießens.

Bürschl, der von seinem früheren Herrn her alle Wirtshäuser weitum im Lande kannte, wollte der offenen Tür zulaufen. Friedl rief ihn zurück. Er hatte keine Lust, den fidelen Rummel mitzumachen. Sonst war ihm lustige Gesellschaft immer willkommen. Heut trieb es ihn heim – weil er noch ein Wort mit der Mutter zu reden hatte. Als er die Haustür öffnete, tat er einen schwülen Atemzug. In der Stube, durch deren Fenster nur noch dünn ein Strahl des Mondes fiel, stellte Friedl den Bergstock in eine Ecke, hängte Rucksack und Gewehr an das Zapfenbrett, schob die Schuhe unter den Ofen und richtete mit einem alten Wettermantel dem Hund eine Liegestatt. Dann ging er zur Kammertür und öffnete sie um einen schmalen Spalt. „Mutter, schlafst schon?“

„Na, Bub!“ klang aus dem Dunkel die Stimme der alten Frau. „Wie soll ich denn schlafen, wann ich weiß, mein Bub kommt heim? Aber niederglegt hab ich mich halt a bißl, weil ich gar soviel müd war.“