„An Schwachen hätt’s umgworfen. Gut, daß ich im Bett glegen bin!“
„Jesses, jesses!“ Und auf den Zehen schlich Friedl aus der Kammer, während er immer die Hände schlenkerte, als könnte er den gefährlichen Überschuß an Kraft aus sich herauswerfen.
Leis zog er hinter sich die Tür ins Schloß.
Anderen Tages, am Sonntag
Anderen Tages, am Sonntag, wurde es in Fall mit aller Frühe laut und lebendig. Schon um fünf Uhr morgens knallte der Wirtsknecht mit seiner Peitsche neben dem Wagen her, auf dem er in der Nacht das frische Bier von Tölz gebracht hatte; dann rasselte die Faßleiter, und dröhnend kollerten im Wirtshaus die schweren, vollen Banzen über die Flursteine. Vater Riesch, in großen Pantoffeln und mit winzigem Hauskäppl, einen kalten Zigarrenstummel zwischen den Zähnen, stand dabei, um das Abladen zu überwachen. Benno kam und erkundigte sich angelegentlich nach dem Fäßchen Hofbräu, das er von München mit nach Tölz gebracht und dort in der Post eingestellt hatte. Vater Riesch zuckte die Achseln: davon wisse er nichts, das Fäßchen müsse wohl vergessen worden sein. Benno war außer sich. Da tröstete ihn der Wirt mit Lachen: „Haben S’ kein Angst, es liegt schon drunt im Keller, kalt einschlagen in nasse Tücher!“
Flink sprang Benno die Treppe zum ersten Stock des Wirtshauses hinauf und weckte die drei Holzknechte, die der Förster herbeordert hatte, um die Schießstätte zu richten. Das kleine Sommerhaus des Wirtes, das über der Straße drüben am Ufer der Isar lag, sollte zur „Schützenhalle“ umgewandelt werden. Von da aus wollte man über den Fluß hinüberschießen nach einem etwa hundertfünfzig Schritt entfernten Felsen, der drüben am Ufer kahl aus dem Waldgehäng hervorsprang, eine leichte Aufstellung der Scheibe gestattete und dem Zieler Schutz vor den Kugeln bot. Benno wies an Ort und Stelle den Holzknechten die Arbeit an, rannte zum Forsthaus zurück, in dem er wohnte, und warf sich in festlichen Staat.
Als er wiederkam, war im Sommerhaus die Arbeit schon in vollem Gang. Die Holzknechte hatten sich noch ein paar Leute zur Aushilfe geholt; nun wurde hier gesägt und gehämmert, dort wurden Pfähle eingerammt, hier wurden aus breiten Brettern die Scheiben geschnitten, dort hockte einer auf der Erde und schnitzelte aus Weidenästen kleine Holzklötzchen zum Verschließen der Schußlöcher, und vom Wirtshaus herüber kamen die einen und anderen, um nach den Fortschritten der Arbeit zu sehen. Ganz Fall war Leben und Bewegung; um neun Uhr sollte ja schon das Schießen beginnen. Der Eifrigen Eifrigster war Benno; er zirkelte die Scheiben aus, bemalte die Kreise mit schwarzer und weißer Leimfarbe und gab dem Sohn des Wirtes Anweisung, wie mit Tannenreis die „Schützenhalle“ am hübschesten zu schmücken wäre. Dann nagelte er die seidenen Fahnen, um die er eigens nach München gefahren war, an blau und weiß geringelte, goldbeknaufte Fahnenstangen und steckte sie rechts und links vom Eingang der „Festhalle“ in den Rasen, wo die Tücher lustig im leichten Winde flatterten und ihre Seide in der Sonne schimmern ließen.
Zwischen den klatschenden Hammerschlägen und dem Ächzen der Holzsäge schollen vom Garten des Forsthauses herüber hallende, von rollendem Echo begleitete Schüsse. Da drüben probierten der Förster und die Jagdgehilfen ihre Büchsen. Und draußen an der Scheibenstatt übte sich der Jüngste des Wirtes mit Juhschreien und Purzelbäumen in seinem Beruf als gewissenhafter Zieler.
Als auf dem Schießplatz alles fix und fertig war, ging es mit der Zeit schon knapp auf neun Uhr. Bald war auch die kleine Schützengesellschaft versammelt: der Förster, Hies und die anderen Jagdgehilfen mit ihren Pirschstutzen; Vater Riesch mit seinem Vorderlader alten Kalibers; der „Herr Götz“, ein Elsässer, der an der Isar zwischen Fall und Lenggries eine Papierfabrik stehen hatte, und sein auf Besuch anwesender Bruder, die zusammen mit einem funkelnagelneuen Martinigewehr zu schießen gedachten; und schließlich Benno mit seinem bewunderten Scheibenstutzen. Nur Friedl fehlte noch. Ein paarmal schon hatte Benno nach ihm gefragt; niemand wollte ihn gesehen haben. Und Friedl kam nicht, obwohl der Beginn des Schießens immer näherrückte. Punkt neun Uhr, als der Böller krachte, gab’s auf der Schießstätte einen fidelen Jubel. Benno war mit einer letzten, bis zu diesem Augenblick geheimgehaltenen Überraschung herausgerückt. Während seines Aufenthaltes in München hatte er einen ihm befreundeten Maler aufgesucht, und das Ergebnis dieses Besuches war eine prächtige Ehrenscheibe, deren Bild die Schlußszene von Bennos letzter Gemsjagd darstellte. Über dem Bilde stand in fetten Buchstaben: „Jagdschießen zu Fall, 1881.“ Und am untersten Rande war im Bogen auf die Scheibe geschrieben: „Gewidmet vom freiwilligen Jagdgehilfen Benno Harlander.“
Lang umstand man das hübsche Bild; dann wurde es, bis es seinem Zwecke dienen sollte, in der „Schützenhalle“ aufgehängt.