Das Schießen begann. Benno als Festgeber tat den ersten Schuß, dann knallte und knallte es in ununterbrochener Folge, und das kleine Tal war angefüllt mit Donner und Echo. Doch Benno wollte, so fröhlich es um ihn her zuging, nicht in die richtige Festlaune kommen, weil Friedl noch immer fehlte. Als er wieder einmal geschossen hatte, lief er zum Haus des Jägers hinüber. Die alte Frau machte ihm die Haustür auf. „Was ist denn, Mutter? Ist der Friedl gestern nicht heimgekommen?“ Zu einer Antwort blieb der alten Frau keine Zeit. Hinter den beiden knarrte das Zauntürchen, und als Benno sich umblickte, stand der Jäger vor ihm, auf den Armen ein Kind, das die kleinen Ärmchen fest um seinen Hals geschlungen hielt.
„Friedl?“ fragte Benno. „Bei wem bist denn du als Kindsmädel eingestanden?“
„Seit gestern bei mir selber!“ lachte Friedl.
„No, wenn auch das Kindsmädel ein bißl massiv geraten ist, so ist das Kindl um so netter und feiner! Geh, du kleines Kerlchen mit deinen Haselnußaugen, gib mir ein Patscherl!“ Das Kind löste einen Arm von Friedls Hals und streckte Benno das Händchen hin. „Schau, wie schön du das kannst!“ scherzte Benno, während er dem Bübchen freundlich die Wange streichelte. Dann sagte er zu Friedl: „Jetzt mach aber, daß du nüberkommst, sonst schießen dir die andern die schönsten Preise vor der Nase weg!“
„Ja, ja! Von aller Weiten hab ich’s schon krachen hören. Lassen S’ Ihnen net aufhalten, Herr Doktor! Ich komm gleich.“
Benno ging und hörte die alte Frau noch sagen „Geh, komm zu mir, Schatzerl!“ Sie nahm den Kleinen von Friedls Arm. „Na, so was Liebs! Gelt, Herzerl, jetzt bleibst bei uns, und so gut sollst es haben, so gut –“
Als Benno wieder in die Schützenhalle trat, klang ihm lauter Jubel entgegen. Vater Riesch hatte einen Punkt geschossen. „So an alter Kalfakter!“ brummte der Förster. „Sehen und hören tut er bloß halb. Aber beim Scheibenschießen wackelt er’s allweil noch eini. In der Schußlisten steht ein Dreier um den andern drin.“
Nun, der Förster selbst, ebenso wie jeder andere, war auch zufrieden mit seinem Erfolg. Und als Friedl kam und den ersten Schuß mitten hinein ins Schwarze brannte, war ihm das eine gute Verheißung für den weiteren Verlauf. Nur der „Herr Götz“ – du mein Gott – der hatte ein Kreuz mit seinem funkelnagelneuen Martinigewehr. Bald versagte ein Schuß, dann wollten die Patronen nicht in den Lauf, dann wieder wollten sie nicht aus dem Lauf. Und krachte der Schuß, so ging das Gewehr bald zu hoch, bald zu tief, bald zuviel rechts, bald zuviel links. Der „Herr Götz“ wurde ärgerlich und klagte: „Heiliger Chrischtof! Jetzt macht mi aber die Sach mit dem Schtutze schon bald e bissele schtutzig!“
Die Schützen lachten, und es lachten auch die Bauern und Burschen, die den Eingang der Schützenhalle umdrängten. Da stand der Lenggrieser Bauer, der seine Alm besuchen wollte, der Flößer, der von Tölz zurückgewandert kam, nachdem er seinen Floß gut an den Mann gebracht, da stand der eine und der andere Bursch, den auf die Nacht sein Schatz in der Sennhütte oder in einem fernen Dorf erwartete, da stand auch ein Tiroler Hausierer, den Warenkasten auf dem gekrümmten Rücken – und alle lachten sie. Besonders einer lachte so laut, daß man ihn aus allen heraushörte, ein rohes, hölzernes Lachen.
Hastig drehte Friedl den Kopf. Alles Blut wich ihm aus dem Gesicht – der Lacher war der Huisenblasi! Breit stand er unter der Tür, den Hut schief gesetzt, den Schnurrbart aufgedreht und die Daumen in die gestickten Hosenträger eingehakt. Den Augen Friedls begegnete ein stechender Blick, und ein spöttisches Lächeln zuckte um den Mund des Burschen.