In Friedl kochte das Blut, seine Hände zitterten und krampften sich um den Gewehrschaft. Mit Gewalt mußte er sich zur Ruhe zwingen, um nicht auf den Burschen loszustürzen. Auch in seiner glühenden Erregung sah er ein, wie widersinnig und nutzlos das wäre. Auf frischer Tat muß der Jäger den Wilddieb fassen, mit dem Gewehr in der Hand, wenn seine Anklage Wert und Kraft haben soll. Jede Unvorsichtigkeit des Jägers hätte den Blasi nur zur Vorsicht gemahnt oder ihn veranlaßt, die räuberische Büchse für lange Zeit wieder an den Nagel zu hängen, während sie wohl jetzt noch droben in der Grottenbachklamm versteckt lag unter Moos und Steinen.
Auch der Förster und die anderen Jagdgehilfen hatten Blasi bemerkt und waren von seiner Gegenwart unerquicklich berührt. Sie dachten jener Geschichte, die sich vor Jahren an der Isar abgespielt hatte. Wenn sie auch vermuteten, daß Blasi vom Wildern nicht völlig kuriert war, so hatten sie doch nicht die leiseste Ahnung von dem, was Friedl wußte: daß die beiden Füße dort in den sauberen Feiertagsschuhen auf den Bergen droben jene langen, breiten Spuren traten, jene Spuren mit den neun Nägelköpfen. Friedl hatte, was er wußte, vor dem Förster verschwiegen wie vor den anderen Jagdgehilfen. Er allein wollte mit dem Blasi Abrechnung halten. Da hatte er keinen Helfer nötig. Und als ihn am Schießstand wieder die Reihe traf, als er die Büchse zum Schuß an die Wange legte, schwamm es ihm vor den Augen – das Rauschen der Isar wurde zum Rauschen des Bergwaldes, statt der Scheibe sah er Bäume und ragende Felsen, und dort im Schatten einer überhängenden Wand lag ein verendender Hirsch. Über das Wild gebeugt, mit schiefgesetztem Hut und aufgedrehtem Schnurrbart, stand ein schwarzhaariger Bursch, der in Schreck das Gesicht hob, hineinspähte zwischen das Dunkel der Bäume, dann in langen Sätzen hinunterflüchtete über Geröll und Latschenbüsche – nun krachte Friedls Schuß – und der Jäger sah nur noch die Scheibe da draußen und den Zielerbuben, der vergeblich den Treffer des verhallten Schusses suchte.
„Aber Friedl“, brummte der Förster, „jetzt sollst dich aber doch schamen! A Jager, und d’ Scheiben fehlen!“
Friedl hörte das Gelächter nicht, das sein schlechter Schuß bei allen Schützen hervorgerufen hatte. Und als er, das rauchende Gewehr in der Hand, seinem Platz am Ladetisch zuschritt, sah er nur wieder den Huisenblasi und sein spöttisches Lächeln.
Es war ihm, als vermöchte er keinen Augenblick länger auf dem Fleck Erde auszuharren, auf dem auch jener andere stand. Verjagen konnte er den andern nicht. Drum wollte er selber gehen. Er nahm die Büchse auf den Rücken und sagte zu Benno, daß er heim müsse, um den Lauf, in dem sich, nach dem schlechten Schuß zu schließen, wohl ein „Brand“ angesetzt hätte, mit heißem Wasser wieder sauber zu wischen.
Als er zur Türe kam, sah er, daß Blasi verschwunden war. Und hörte noch, wie Hies dem Förster zuflüsterte: „Wann der Blasi die ganze Zeit nimmer gangen is, so geht er heut – wo er gsehen hat, daß keiner von uns im Revier is!“ Dem Jäger fuhr eine Sorge durch den Kopf, doch er wurde ihrer nicht recht bewußt, weil hinter ihm ein fideles Gebrüll von der Schießstätte herüberscholl. Hier war der schwerbäuchige Grenzaufseher Niedergstöttner, der alles dreimal sagte, mit seinem ratzenkahlen Dampfnudelköpfl und seiner fiskalischen Kugelspritze als Scheibenschütz erschienen. Das weckte ein Gelächter ohne Ende. Und wenn die Zwerchfelle im Dutzend wackeln, kann sich in einem Menschen, der das hört, eine Sorge nicht bedrohlich auswachsen.
Aufatmend, halb erlöst von einer drückenden Last, trat Friedl in den Flur seines Hauses und hängte die Büchse an das Zapfenbrett. In der Stube, vor dem blankgescheuerten Tisch, der zwischen den beiden Eckfenstern stand, kniete seine Mutter auf den Dielen. Über die eine Hand hatte sie ein weißes, an drei Enden geknüpftes Taschentuch gezogen und ahmte am Rand des Tisches die Bewegungen einer Marionette nach, während sie dazu mit tiefer Stimme eine selbsterfundene Rede sprach. Auf dem Tisch saß Modeis Bübchen und guckte auf das bewegliche Spiel der drei weißen Tuchzipfeln, jauchzend vor Freude und mit den nackten Ärmchen zappelnd.
Wohltuend legte sich der Anblick des heiteren Bildes auf das erregte Gemüt des Jägers. Als er näher trat, streckte ihm das kleine Franzerl die Ärmchen entgegen und jubelte: „Att, Atti!“[2] Und deutete nach dem weißleinenen Theaterhelden, als wollte es den Jäger einladen, an seiner Freude teilzunehmen.
[2] Vater.
Schon am Morgen, auf dem Heimweg von Lenggries, hatte Friedl ein frohes Staunen darüber empfunden, mit welch rascher Zärtlichkeit das Kind sich an ihn anschloß. Und da es ihm jetzt so herzlich entgegenlachte und den kindlichen Liebesnamen rief, erwachte in ihm ein warmes Gefühl. Er hob das Kind an seine Brust und küßte ihm Mund und Wangen. Doch ein Schatten fiel über seine Freude, als die Mutter sich erhob und fragte: „Was is denn, Bub, warum kommst denn heim? Bist schon fertig mit’m Schießen?“