„Es hat mich drüben nimmer glitten!“ Verstummend sah er an dem Kind vorüber auf das irdene Schüsselchen, in dem ein paar Fliegen von dem spärlichen Rest einer Milchsuppe naschten. Als seine Mutter den Napf in die Küche trug, setzte Friedl sich auf die Bank. Während das Kind mit den runden, grübchenübersäten Fingerchen in seinem Bart wühlte, spähte er forschend in die von kindlicher Freude überhauchten Züge. Er mühte sich, darin eine Ähnlichkeit mit jenem anderen zu finden. Das gelang ihm nicht. Wohl war das Haar des Kindes dunkel und gelockt, aber das war nicht jene schwarze krause Wolle, es waren die gleichen dunkelglänzenden, seidenweichen Löckchen, wie sie unter Modeis Flechten sich hervorstahlen und um ihre Schläfen ringelten. Mit linder Hand strich Friedl dem Kind über das Köpfchen und hielt das liebe, frische Gesichtl neben das Bild, das er lebendig in seinem Herzen trug. Und als ihm aus den Zügen des Kindes immer nur die Züge der Mutter entgegenblickten, stieg in seinem Herzen eine dürstende Sehnsucht nach der Geliebten auf, die er lange Tage nimmer sehen sollte. Warum nicht? Erst der kommende Morgen rief ihn wieder zu seinem Dienst. Den heutigen hatte er frei. Er wollte ihn nützen.

Was kümmerte ihn da drüben die Schießstätte, von welcher Schuß um Schuß herüberhallte! Um Modei zu sehen, hätte er noch anderes geopfert als die Hoffnung auf eine seidene Fahne für einen guten Schuß.

Ob Modei sich freuen würde über seinen unerwarteten Besuch? Was hinderte ihn, sich diese Freude zu erzwingen, wenn er der Geliebten nicht nur einen Gruß von ihrem Kind – wenn er ihr das Kind selbst brachte, das sie seit Monaten nicht mehr an ihr Herz hatte drücken können!

Friedl sprang auf und rief in den Flur hinaus: „Mutter! Gschwind! Komm eini!“

„Was is denn?“ Die Mutter kam gelaufen und guckte verwundert auf ihren Sohn, der in Hast seine gute Feiertagsjoppe gegen die mürbe Dienstjoppe vertauschte.

„Mutter, sei so gut und zieh dem Franzerl a bißl ebbes an!“ Friedl brachte flink seinen Rucksack in Ordnung. „Ich will zur Modei auffi und will ihr ’s Büberl auf a Stündl mitbringen. Jetzt geht’s auf elfe, um zwei bin ich droben, und wann ich bis um fünfe abschieb von der Alm, da bin ich gut wieder herunten, eh d’ Nachtkühlen da is!“

„Aber Bub! Was fallt dir denn ein! Du bist ja net gscheid!“

Friedl ließ sich sein Vorhaben nimmer ausreden. Für jede Besorgnis hatte er eine Widerlegung in Bereitschaft, so daß seine Mutter schließlich das kleine Kittelchen und die gestrickten Schuhe des Kindes holte.

Noch war Franzerl nicht völlig angekleidet, als Friedl schon wegbereit vor dem Tische stand, Bergsack und Büchse hinter dem Rücken; den Bergstock mußte er daheim lassen, um beide Arme zum Tragen des Kindes frei zu haben. Auch Bürschl, der freudig winselnd an Friedl hinaufsprang, wurde zu Stubenarrest verurteilt. „Wann ich ’s Kind hab, kann ich net auch auf den Hund noch aufpassen!“

Nun hob die Mutter selber das Kind auf den Arm ihres Buben und steckte ihm noch für den kühlen Abend ein seidenes Tuch in die Joppentasche. Und bei der Stubentür besprengte sie die beiden so ausgiebig mit Weihwasser, daß Franzerl vor diesem Getröpfel das Gesicht versteckte.