Friedl, um nicht am Wirtshaus vorüber zu müssen, machte einen Umweg, so daß er erst eine gute Wegstrecke hinter Fall auf den richtigen Fußpfad wieder einbog. Gemütlich wanderte er unter dem Schatten des Jungholzes dahin, immer mit dem Kinde schwatzend, dem er jede bunte Blume zeigte, die am Wege stand, und jeden schillernden Falter, der umhergaukelte in der sonnigen Luft. Als mit dem Weg auch die Hitze stieg, unter der das Kind schläfrig wurde, zog Friedl die Joppe aus und deckte sie zum Schutz gegen die Sonne über das Franzerl, dessen glühendes Gesicht an seiner Schulter ruhte. Vorsichtig machte er Schritt für Schritt, um den Schlummer des Kindes nicht zu stören.
Gegen zwei Uhr war die Alm erreicht. Von dem Rasenfleck, der hinter der Hütte im Schatten lag, hörte Friedl schwatzende Stimmen und Gelächter. Das vernahm er nicht gern, er hätte Modei lieber, wenigstens beim ersten Gruß, allein gefunden. Durch die offene Hüttentür sah er, daß Modei in der Almstube war. Als er zur Tür wollte, hörte er in der Stube auch die Stimme des alten Lenzl. Rasch duckte er sich hinter das aufgeklafterte Scheitholz, um zu warten, ob sich Lenzl nicht entfernen würde. Und da hörte er, was die beiden Geschwister da drinnen sprachen.
„Meinst net, heut kommt noch wer?“ fragte Lenzl.
„Die da draußen sind schon alle da“, klang Modeis Antwort, „wer soll denn sonst noch kommen?“
„Ich kunnt mir schon ein’ denken, der kommt.“
„Geh, du! Heut hat er ja dienstfrei und is beim Scheibenschießen.“
Dem Jäger in seinem Versteck begann das Herz zu hämmern; lauschend streckte er den Hals, um keinen Laut zu überhören.
„Was, Scheibenschießen?“ staunte Lenzl. „Wen meinst denn du?“ Ein spottendes Lachen. „Ich hab den alten Veri gmeint. Höi, Schwester, was bist denn auf amal so fuirig übers ganze Gsicht? Bis in Hals eini?“
Eine Weile blieb’s in der Sennstube mäuschenstill. Dann grollte Modei: „Lenzl, tu mich net plagen! So a Hitz, wie’s heut hat! Da wär’s kein Wunder, wann eim ’s Blut a bißl auffisteigt. Aber jetzt mach weiter und trag mir d’ Schüssel mit die Schucksen aussi! Die hungrigen Gäst müssen ebbes kriegen.“
Kichernd trat Lenzl aus der Tür und ging um die Hüttenecke, ohne den Jäger zu gewahren. Rasch erhob sich Friedl und sprang über die Stufen hinauf: „Grüß dich, Modei!“