Sie schlug die Hände vor das Gesicht.
„Ich bitt Euch, Herr Heinrich, quälet das Kind nicht!“ sagte Desertus mit schwankender Stimme. „Ich glaube den Grund zu kennen, der sie hierher geführt. Gestern in der Nacht starb im Haus ihres Bruders ein Kind.“
„Ein Kind des Wolfrat?“ Herr Heinrich ging auf das Mädchen zu. „Du wolltest Schneerosen holen? Zum Engelkränzlein? Und da hast du den wunden Mann gefunden und bist bei ihm geblieben Tag und Nacht und hast alles für ihn getan, was nur zu tun war?“ Er strich die Hand über Gittlis Haar. „Du bist ein braves, tapferes Mädchen. Ich will es dir und deinem Bruder danken.“
Gittli wandte sich ab und wankte zur Tür hinaus. Draußen fiel sie auf die Bank und weinte in heißem Kummer vor sich hin.
Walti kam herbei, zog ihr die Hände herab und schaute ihr ins Gesicht. „Jeh, du bist es? Warum heulst du denn?“
Sie riß sich los und schluchzte noch lauter.
„Flennst du wegen dem da drin? Geh, du bist dumm! Der hat einen Gesund wie ein Trumm Eisen. Und wenn’s auch ihm ein bißl weh tut, du spürst es ja nit!“ Er lehnte sich an die Hüttenwand und gähnte. Da sah er dicken Rauch aus der Herrenhütte qualmen. „Da schau! Der Frater feuert schon. Du! Da werden gute Sachen gekocht. Weißt, beim Heraufsteigen bin ich allweil hinter den Kraxen hergegangen. Du! Das hat gerochen! Aaah! Fein!“ Er schnalzte mit der Zunge. „Meinst du, wir kriegen auch was?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schlich er zur Herrenhütte und spähte durch die offene Tür.
Der Eingang führte in eine geräumige Küche mit offenem Herd; daneben lag eine kleine Herrenstube, deren einfaches Gerät aus rötlichem Zirbenholz gefertigt war, und die Schlafkammer mit zwei Heubetten. Von der Küche stieg man über eine Leiter zum Bodenraum, auf welchem Bergheu in genügender Menge aufgeschüttet war, um für ein halbes Dutzend Schläfer weiche Liegerstatt zu bieten.
Neben dem Herd, auf dem ein helles Feuer brannte, stand Frater Severin; er hatte die Ärmel der weißen Kutte aufgestülpt, eine blaue Schürze vorgebunden und war damit beschäftigt, ein ‚Spießchen Schwarzreiter‘ zu putzen, die, mit Eiern übergossen und am Feuer rasch gebacken, für den Abendtisch einen köstlichen Imbiß gaben.
Auf den Stufen vor der Tür der Herrenstube saß Herr Schluttemann, nachdenklich, mit gesträubtem Schnauzbart, grimmig die Augen rollend. Die Geschichte mit Haymo war eine Nuß, die zu beißen gab. Des zwecklosen Grübelns müde, schüttelte er schnaubend das Haupt, fuhr mit den Fäusten durch die Luft und platzte los: „Teufel! Teufel! Wenn ich denke, daß ich jetzt drunten im Kellerstübl sitzen könnt!“