Immer näher kamen sie dem Kreuz. Aus dem Gesicht des Sudmanns war jeder Tropfen Blut gewichen, seine Augen glühten, und die Kanne, die er auf der Schulter trug, zitterte, daß das Wasser über den Rand schwankte. Als sie die Höhe erreichten, sagte Herr Heinrich: „Komm her, Wolfrat!“ Er deutete auf die Blutspuren an dem Schnitzwerk. „Sieh nur diese häßlichen Flecken! Komm, nimm das Wasser und wasche sie weg!“ Dem Kreuz gegenüber, das vom Glanz der Sonne umschimmert war, setzte er sich auf einen Stein und entblößte das Haupt. „Nun, warum zögerst du?“
Wolfrat stellte die Kanne nieder, schöpfte Wasser mit der hohlen Hand und wusch und wusch.
„Sie wollen nit weichen, Herr!“ sagte er nach einer Weile mit dumpfer Stimme. „Sie haben sich eingefressen in das Holz.“
„Ja, Sünde frißt sich ein! Wie hier in das Holz, so in die Herzen. Das ist wie Rost auf Stahl. Laß du nur erst den bösen Flecken und tilg ihn nicht zur rechten Zeit, so frißt er weiter, und die gute Waffe ist zerstört, unbrauchbar für alle Zeit, und du kannst sie ins alte Eisen werfen —“ Herr Heinrich blickte auf, „oder ins Feuer! Wasche, Wolfrat, wasche! Tu es dem Unglücklichen zulieb, der das heilige Bild so schwer entweihte. Denk nur, da läuft er umher unter den Menschen, und keinem wagt er mehr ins Auge zu schauen. Jeder Schritt, den er hört, macht ihn zittern. Jedes Wort, das sein Ohr vernimmt, weckt seine Furcht. Das raschelnde Laub, der flüsternde Wind, das murmelnde Wasser, die stille Nacht, wie der lärmende Tag, alles ist sein Feind geworden. Was er hört, alles klingt wie der Seufzer, mit dem sein Opfer zusammenbrach. Was er sieht, alles hat einen blutigen Schein. Und in seiner einsamen Not nicht Trost noch Hoffnung! Sein Herz möchte aufschreien zum Himmel, doch er sieht nur immer Gottes Bild vor sich, das er befleckt hat und entweiht, und seine Lippen haben kein Gebet mehr! — Nun? Wollen die Flecken weichen?“
„Nein, Herr!“ Die Worte klangen, als läge eine würgende Hand an Wolfrats Kehle, und die Arme sanken ihm wie gelähmt.
„Mußt nur nicht ablassen! Plag dich nur noch ein lützel! So! So! Du tust es für einen, der sich selber doppelt straft, weil er meint, er könnte der Strafe entlaufen, die nun einmal gesetzt sein muß auf alles, was bös und unrecht ist. Laß ihn nur! Gottes zürnende Gerechtigkeit hat noch flinkeren Gang. Da läuft er, und die Strafe ist ihm schon an die Füße gehängt wie eine lange Kette, und er läuft und läuft und schlägt dabei mit der Kette nach allen Seiten und reißt noch andere mit sich in seinen Fall! Warum hörst du zu waschen auf? So! Laß nur nicht nach! Und sag mir, hast du ein Kleefeld?“
„Ein halbes Gras,“[23] stammelte der Sudmann, „für meine Geißen.“
„Hast du schon einmal den Kleefraß[24] im Feld gehabt?“
Wolfrat nickte.
„Gelt, da hast du’s halt übersehen, wie der Krank das erste Stäudl angepackt hat? Hättest du es nur gleich ausgerissen! So aber hast du es stehen lassen, und wie du nach einer Woche wieder hingekommen bist, da war das halbe schöne Feld schon aufgefressen! Gelt, ja? Und schau! Der das getan hat —“ Herr Heinrich deutete nach den Flecken, an denen Wolfrat mit zitternden Händen rieb, „der trägt jetzt auch einen Schaden in sich herum. Zuerst frißt es in ihm alles auf, was noch gut und gesund ist, und dann kriecht es aus ihm heraus, und hat er Vater und Mutter, so frißt es an denen, und hat er Weib und Kind — — Wolfrat? Ist dir nicht wohl?“