20.
Es war später Nachmittag geworden, als Herr Heinrich mit seinem Geleit den See erreichte. In den weiten Felsenkessel fiel keine Sonne mehr, aber die hohen Almen und Kuppen funkelten noch in goldenem Glanz. Hier unten im Schatten waren alle Farben tief und satt. An den bleigrauen Felswänden hingen die steilen Nadelwälder wie dunkler Sammet, in den das frische, kräftig sprossende Grün der Buchen und Ahornbäume mit leichter Zeichnung sich einstickte. Glanzlos und durchsichtig dehnte sich der See. Weit draußen schwammen einzelne Wildenten langsam umher. Drüben auf der flachen Landzunge, auf der die Bartholomäer Klause stand, dampfte ein feiner Nebel aus den feuchten Wiesen. Überall schönes Schweigen; die an Wasser schon verarmenden Gießbäche rauschten so eintönig zusammen, daß ihre gleichmäßige Stimme das Ohr wie Stille berührte.
Haymo stieg vom Saumpferd. Der lange Ritt hatte ihn schwer ermüdet. Während er das Gebüsch suchte, in dem der Einbaum verborgen lag, gab Herr Heinrich dem Knechte den Auftrag, das Saumpferd um das Ende des Sees herum über die Salletalpe nach der Bartholomäer Klause zu führen, von wo die Fischerknechte das Pferd in einem größeren Kahn nach dem Seedorf schaffen könnten.
Wolfrat schob den Einbaum ins Wasser, und unruhig winselnd sprang die Hel in den Nachen; sie war keine Freundin von solchen Fahrten; da sie aber merkte, daß es sein mußte, war sie auch die erste im Kahn.
„Wo ist der Knecht hin?“ fragte Haymo. „Er hat mein Schießzeug.“
„Laß es ihm nur, es geht dir nicht verloren,“ lächelte Herr Heinrich, „heut brauchst du deine Waffen nimmer.“
„Mir fehlt was, ich hab keine Ruh!“
Die Hel hatte sich auf dem Schnabel des Einbaums ein möglichst unbequemes Plätzchen ausgesucht. Auf dem Brett in der Mitte saß Haymo neben Herrn Heinrich, der das Wehrgehenk abnahm und mit dem Griesbeil auf den Boden legte. Wolfrat führte, im Spiegel des Schiffes stehend, das Ruder. Er trieb den Nachen mit so kräftigen Stößen, daß die Hel mit jedem Ruck ins Wasser zu plumpsen drohte; Herr Heinrich rief sie vor seine Füße; sie kam auch, aber gleich wieder schlich sie zum Schnabel des Fahrzeuges zurück, winselnd nach dem Lande spähend. Leise plätschernd glitt der Einbaum durch das Wasser. Niemand sprach. Immer näher rückte das flache Ufer des Felsentals, in dem die Seeklause stand. Plötzlich richtete die Hel sich auf, zitternd, die Nase windend vorgestreckt.