Heulend machte die Hel einen Sprung, dann hing sie verbissen am Gehör des Bären, der auf den Hinterpranken aufgerichtet im schäumenden Wasser sich schüttelte, daß der Hund wie eine lebende, zappelnde Quaste um ihn herbaumelte.
„Der Hund ist hin, ist hin!“ jammerte Haymo. Da wankten sie alle im Kahn. Der Einbaum war auf einen im Wasser liegenden Wurzelstock geraten. Noch im Wanken schwang sich der Jäger aus dem Nachen.
„Haymo! Bist du von Sinnen?“ schrie Herr Heinrich; seine Arme erreichten den Jäger nicht mehr. „Zurück, Haymo! Mag der Hund hin sein! Zurück!“
Haymo hörte nicht; die Erregung, die Sorge um den Hund machte ihn taub. Den blitzenden Fänger in der erhobenen Faust, warf er sich durch das aufklatschende Wasser gegen den Bären. Bevor Haymo ihn erreichte, hatte das Raubtier den Hund schon abgeschüttelt, und als die Hel wieder aufsprang, schlug der Bär mit der Tatze. Lautlos, ein blutiger Klumpen, fiel der Hund ins Wasser.
„Meine Hel!“ schrie Haymo und sprang auf den ans Ufer kletternden Bären zu. Er hörte nicht den zornigen Ruf seines Herrn, hörte nicht das warnende Wort, das Pater Desertus, der zwischen den Bäumen waffenlos herbeisprang, ihm zuschrie mit gellender Stimme; er stürzte dem fliehenden Bären nach, verklammerte sich mit der Hand in das zottige Fell und führte im Lauf mit dem Fänger einen Stoß gegen die Flanke des Raubtiers. Das Eingeweide quoll hervor, dumpf brummend machte der Bär einen flüchtenden Satz. Felsklötze versperrten ihm den Weg. Blitzschnell wandte er sich; in die nachschleifenden Gedärme tretend, richtete er sich empor und ging auf den Jäger los.
Ein Schrei vom Schiffe, ein Klatschen im Wasser, ein Schrei von den Lippen des Paters. Unerschrocken stand Haymo, und als das Raubtier die Tatzen zur Umarmung breitete, fiel der Jäger vor mit sicher gezieltem Stoß. Der durch die Wunde und die kranken Tage entkräftete Arm versagte, der Stahl glitt zwischen den Rippen des Bären ab. Haymo wollte zur Seite springen, ein Griff des Raubtiers machte ihn straucheln und stürzen — er war verloren. Doch ehe der Bär noch über ihn herfallen konnte, war Wolfrat durch das Wasser herbeigesprungen, und mit eisernem Griff schlug er dem Raubtier von rückwärts beide Arme würgend um den Hals. Aber was waren die Hünenkräfte dieses Menschen gegen die wilde Kraft des gewaltigen, um sein Leben ringenden Tieres. Der Bär schüttelte sich, er war befreit; gegen den neuen Feind sich wendend, führte er einen Hieb nach Wolfrats Schulter, und ihn mit den Zähnen an der Brust fassend, klammerte er die blutigen Tatzen um ihn her, daß Wolfrat erbleichend stöhnte, während ihm der Kopf in den Nacken fiel. Ehe Haymo sich aufraffen konnte, war Pater Desertus herbeigestürmt, hatte den Fänger von der Erde gerissen und stieß ihn bis ans Heft in das Herz des Raubtiers; ein dicker Blutstrahl schoß hervor; und die Tatzen des Bären lösten sich von seinem Opfer.
Als Herr Heinrich das Ufer gewann, und Walti mit dem Griesbeil kam, war alles vorüber. Schwer atmend und bleich stand Haymo, verendet lag der Bär, und Wolfrat taumelte ins Moos, mit den Händen ins Leere greifend, mit lallender Zunge nach Worten ringend.
Unter lautem Schreckensruf eilte Herr Heinrich auf ihn zu. Das Grauen, das den Propst erfaßte — wie sah diese Brust und diese Schulter aus! — machte ihn einen Augenblick zögern. Dann warf er sich auf die Knie, und während er Wolfrats Haupt auf seinen Schoß hob, rief er: „Walti! Hinauf zur Klause und zieh die Glocke, daß die Knechte vom Seedorf kommen. Und du, Haymo? Kannst du noch das Ruder führen?“
„Es muß sein, Herr! Was soll ich?“
„Fahr hinüber nach Bartholomä! Pater Eusebius soll kommen, er soll Verbandzeug bringen,“ die Stimme des Propstes dämpfte sich zum Flüstern, „und das heilige Sakrament.“