„Gittli, Gittli! Dirn! Ich tu dich bitten um Gottes willen! Gittli! Gittli!“ klang die Stimme des Bruders hinter ihr.

Sie schlug ihre Hände vor die Ohren, um nimmer zu hören. So rannte sie und rannte.

Es war nur eines in ihr, und dieses eine schrie: zu ihm, zu ihm! Sie fragte sich nicht, was so plötzlich in ihr erwachte, allen Schmerz der vergangenen Stunden in ihr erstickte, um ein noch tieferes Weh über sie zu bringen, und sie losriß von ihrem Bruder, um sie unaufhaltsam zu jenem andern zu treiben, der vor wenigen Tagen für sie noch ein Fremder war. Sie fragte sich nicht: ob er tot läge in seinem Blut? Ob er noch lebe? Wie sie ihm helfen wollte? Ob sie auch helfen könnte, allein, mit ihrer schwachen Kraft? Sie fragte und sagte sich nichts, als immer nur das eine: zu ihm, zu ihm!

Was in ihr lebendig geworden, was sie trieb und jagte, ohne Denken und Besinnen, war entfesselte Natur, die in diesem sechzehnjährigen Kinde nicht anders wirkte als in einem tausendjährigen Stein, der auf steilem Berghang liegt, ruhig, bedeckt von Moos; der Tritt eines Wildes, der Fuß eines Wanderers, das Wasser eines jähen Regens, ein Stoß des Zufalls setzt ihn in Bewegung, und unaufhaltsam geht seine Reise, nicht zur Rechten, nicht zur Linken, nur fort und immer fort, dem unbekannten Ziel entgegen, keine Schranke messend, keine Tiefe scheuend, keinem Halt gehorchend; nur immer fort und fort, bis sein Weg vollendet ist, bis am Fuß des Berges ein sonniger Rasen ihn empfängt, oder bis ihn der dunkle See verschlingt, auf dessen tiefem Grund er den Ort der Ruhe findet, den die Natur ihm vorbestimmte.

Die Leute, denen Gittli auf der Straße begegnete, blieben stehen, blickten ihr nach und schüttelten die Köpfe. Ein Mädel, das mit wehenden Bändern im Haar zum Tanze ging und von Gittli überholt wurde, rief ihren Namen. Gittli sah und hörte nichts. Sie rannte und rannte. Als sie, nahe den Bauernhöfen am Unterstein, von der Straße zu einem Fußpfad ablenkte, vernahm sie plötzlich von der Taferne her das Klingen der Geigen und Pfeifen. Dort wurde der Ostertanz gehalten. Da mußte sie an die Botschaft denken, die Walti der Klosterbub ihr gebracht hatte. Tags zuvor, nach der Auferstehungsfeier, hatte der Bub sie vor dem Tor der Kirche erwartet: „Du, der Jäger schickt mich. Ich soll dich fragen, warum du geweint hast, droben beim Vogt. Und morgen, wenn er herunterkommt zum Ostertanz, soll ich’s ihm wieder sagen.“

Er hatte an sie gedacht. Er hatte sich gesorgt um ihren Kummer. Und zum Tanz hatte er kommen wollen, zum Tanz mit ihr! Und jetzt? Jetzt?

„Haymo! Haymo!“ schrie sie und rannte weiter, während drüben in der Taferne die Stimmen der Geigen und Pfeifen übertönt wurden von einem wirren Jauchzen und Gejohl.

Ein Tanz war eben zu Ende. Mit brennendem Gesicht, aber wenig fröhlichen Augen trat Zenza aus der Tür der Taferne. Suchend schaute sie umher, ging bis in die Mitte der Straße und spähte mit verdrossenem Blick den leeren Weg entlang.

Von der entgegengesetzten Seite kam ein junger, schmächtiger Bursch gegangen, mit freundlichem Gesicht und gutmütigen Augen. Seine leichtgebeugte Haltung und die weißen, schwielenlosen Hände verrieten den Bildschnitzer. Als er das Mädel gewahrte, leuchtete sein Blick. Lächelnd schlich er sich an Zenza heran und drückte ihr die Hände über die Augen. „Rat!“ sagte er mit verstellter Stimme. „Wer bin ich?“

Zenza kicherte und griff nach seinen Armen. „Einer, auf den ich gewartet hab!“