V.
Bedürfnisfrage.

»Das Volk steht auf, der Sturm bricht los,
Wer legt noch die Hände jetzt feig in den Schoß,
Pfui, über dich Buben hinter dem Ofen,
Unter den Schranzen, und unter den Zofen –
Bist doch ein ehrlos, erbärmlicher Wicht!«

Körner.

Viel wichtiger als der Befähigungsnachweis ist die Bedürfnisfrage. Als Bismarck ging, war Frankreich isoliert, heute ist es Deutschland. Der Dreibund hat seine Bedeutung verloren. Darin stimmen alle unsere Politiker, die ein freies Wort wagen, mit bedauerlicher Einstimmigkeit überein. Da man mich als Politiker vielleicht nicht anerkennen wird, so lasse ich andere sprechen, deren Urteil mir am schwersten wiegt, deren Voraussagen ihr Urteil bisher am besten bestätigt haben. Ein solcher ist nach meinen Beobachtungen Carl Peters. Ich lese regelmäßig seine wertvollen politischen Aufsätze, die »Die Finanz-Chronik«, Wochenschrift für finanzielle und wirtschaftliche Interessen, in London erscheinen läßt, und bedauere stets von neuem, daß unserem Staatsdienste seine bedeutende Kraft entzogen ist.

Er schreibt am 1. September: – »Der Schwerpunkt der großen Entscheidungen hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr von Berlin nach London verlegt. In der europäischen Politik ist die englisch-französische Entente cordiale jetzt der Rocher de bronze. – – Sie ist heute fester als je. – – Die vereinten Westmächte planen, zurzeit wenigstens, keinen Angriffskrieg gegen uns. Aber sicherlich ist es unbequem für die deutsche Politik, daß wir gegen Westen das alte gute ›divide et impera‹ so gar nicht mehr anwenden können. Die Algeciras-Konferenz ist ein kleines Vorspiel für das, was wir in der kommenden Zeit von internationalen Kongressen zu erwarten haben: ›Einer gegen alle‹ ist stets ein gefährliches Spiel. – – Eine Umwandlung der konservativ-slawischen Großmacht in einen liberalen oder gar republikanischen Staat wäre eine direkte Gefahr für unsere internationale Stellung. – – Erst ein konstitutionelles Rußland wird Ernst machen mit der französischen Allianz und mit der britischen Entente. Deshalb war das Wort des britischen Premierministers: ›la Douma est morte; vive la Douma!‹ kein bloßer Einfall, sondern ein wohlüberlegter staatsmännischer Akt. – – Damit wäre dann die Isolierung Deutschlands eine vollendete Tatsache; und unsere Feinde könnten anfangen, von einem Angriffskrieg gegen uns zu träumen. – –

Diesen Möglichkeiten und Gefahren gegenüber haben wir im wesentlichen nur unsere eigene Wehrkraft. Fortdauernd bleibt der alte Friedericianische Grundsatz für uns bestehen: ›toujours en vedette‹; oder, wie Kaiser Wilhelm es faßte: ›Wir müssen unser Pulver trocken halten‹. Das Deutsche Reich, solange es sich selbst treu bleibt, ist so stark, daß selbst das vereinigte Europa es sich zweimal und dreimal überlegen wird, darüber herzufallen. Und wenn das Germanentum (?) einer Koalition aller Weltmächte gegenüber treten müßte: unter allen Umständen würde das Ende stolz und ruhmvoll sein. Und was will eine Nation schließlich mehr! Das Dasein als solches ist nicht gerade ein absolutes Gut, für die Völker ebensowenig wie für die einzelnen.«

All dem muß man leider als richtig zustimmen, nur dem Schlußgedanken nicht, daß Deutschland nicht mehr zu wollen habe, als ein stolzes und ruhmvolles Ende.

Soviel aber ist gewiß. Unsere Zukunft hängt allein von unserer Kraft ab. Wir stehen allein, und nur Eintracht und Mannhaftigkeit können uns beschützen. Damit ist auch die Bedürfnisfrage für eine Erziehung zur Mannhaftigkeit schon beantwortet. Man könnte höchstens sagen, es geschähe schon alles Notwendige, es könne sich nur um eine gewissenhafte Beibehaltung unserer »altbewährten« Praxis handeln. Darauf ist zu antworten, daß sich diese Praxis eben zu unserem Herzeleid nicht bewährt, jedenfalls nicht in vollem Umfang bewährt.

Es kommt nicht allein darauf an, daß wir im Kampfe auf Leben und Tod unseren Mann stehen, sondern viel wünschenswerter ist es, daß wir es als ein starkes Volk gar nicht so weit, zu einer solchen nationalen Pferdekur, kommen lassen. Mit dem »rühmlich Untergehen« hat es noch Zeit, das pressiert nicht. Wir wollen doch lieber rühmlich leben. Tun wir das, dann wird uns und anderen der Gedanke an einen Niedergang oder Untergang gar nicht kommen. Der Starke will vom Sterben nichts hören. Erst wenn es einem hier und da zu zwicken anfängt, stellen sich die Todesgedanken ein.