Weshalb waren wir denn zu Bismarcks Tagen so lebensfroh und lebenszuversichtlich? Wir hatten damals kein größeres Heer, keine größere Flotte, keine besseren Waffen, von allem das Gegenteil, aber wir hatten dafür etwas, was alles andere aufwiegt, wir hatten große Männer an der Spitze. Jetzt erkennen wir am eigenen Staatsleibe, was ein Mann vermag, was wahrer Manneswert bedeutet: die Geschichte enthüllt es immer deutlicher, daß das Deutsche Reich die Schöpfung fast des einen Bismarck ist und lehrt uns wieder mit eindringlicher Sprache, daß es nicht die Massen, nicht Konferenzbeschlüsse und politische Organisationen sind, sondern daß es vor allem der klare Wille einzelner Männer ist, der die Welt vorwärts bringt.
Wichtiger noch als Anschaffung neuer Gewehre und neuer Kriegsschiffe ist tatsächlich eine Erziehung der Jugend zur Mannhaftigkeit. Darin hat unser Kaiser recht. Zur Mannhaftigkeit aber in dem Sinne, daß sie freidenkende, selbständig handelnde und mutvoll ihre Überzeugung wagende Männer werden. Wir haben in Deutschland zuviel »Jasager«, zu viele in ihrer Jugend schon gebrochene Existenzen, zu viele treue Diener, zu viele »brave« Beamte, zu wenig Männer.
Hätte Bismarck sich mit dem Ruhme begnügt, ein gehorsamer Fürstendiener zu sein, so hätten wir kein Deutsches Reich. Alle großen Fortschritte der preußisch-deutschen Entwicklung hat er seinem mit Hingabe geliebten königlichen Herrn abtrotzen müssen. Wir haben die Überzeugung, daß heute kein Mann in Deutschland lebt, der ihm in gleicher Stellung einen solchen Mannesstolz nachleben würde. Das ist der springende Punkt! Im Felde versagt kaum einer.
Es leben im deutschen Heere »Leonidasse« und »Pelopidasse« zu Dutzenden, zu Hunderten, ja, ich glaube, zu Tausenden. Sprechen wir doch nicht weiter von einer Tugend, die auch den Mamelucken ziert! Es handelt sich um etwas viel Höheres, als um brutale Gewalt, als um den Mut der Verzweiflung eines in seiner Existenz bedrohten großen Volkes.
Wer in dieser Hinsicht eine Kraftprobe mit unserem Volke wagen will, der wird sein blaues Wunder erleben. Aber bei Hof, in den »Ämtern« und in den Parlamenten vermißt man immer schmerzlicher, mit immer lauteren Klagen die Bismarck-Naturen, ja, selbst solche Leute, die Männer wachsen lassen.
Er hat leider wenig Schule gemacht. Genie läßt sich freilich nicht vererben, aber er selbst meinte, daß man in seinem Hause doch wenigstens ein »bißchen Vornehmheit« hätte lernen müssen. Was er darunter verstand, ist leicht ersichtlich: vor allem eben doch Mannhaftigkeit, ein offenes, ehrliches, freimütiges, tapferes Wesen, nicht etwa jene glatte gesellschaftliche Politur, jenes gleißende Nichts, das Walther von der Vogelweide sehr treffend als »geliehene Zucht« bezeichnete.
Man führt uns immer wieder auf den Wahn, als ob sich der Mannhafte nur mit Flinte und Säbel bewähren könne. Ich habe so manchen Ritter des Eisernen Kreuzes als Subalternbeamten kennen gelernt, der nichts mehr von einem Helden an sich hatte, wohl aber jenen Blick und jenes Benehmen, das uns an einen homerischen Vers erinnert (Il. I, 225). Es ist viel leichter, einen Befehl ausführen, dem Willen eines anderen folgen, als sich seine eigenen Gesetze schreiben und mit diesen zur Not einem höheren Willen auch trotzen. Wir finden viele Tausende, die ohne Zögern eine feindliche Stellung stürmen helfen, aber nur wenige darunter, die ihrem Chef offen ihre Überzeugung ins Gesicht sagen. Ja, was gäbe mancher Subalterne dafür, wenn er seinen Geheimrat einmal vor die Pistole laden dürfte! – Ihm aber widersprechen? Lieber nicht. Man hat Weib und Kind, ein Avancement steht in Aussicht, nächstes Jahr ist man mit dem Kronenorden an der Reihe, man mag sich doch nicht von allen Kollegen verachten lassen. Also, – nieder mit dem Ärger, und wenns eine Gallenkolik gibt! Lieber nichts merken lassen, still seinen Dienst tun, Zufriedenheit und Zustimmung heucheln. »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.« Man tut halt seine sog. Pflicht und sieht nicht nach rechts und links … Oller tüchtiger Beamter!
Ein Fabrikarbeiter kündigt und geht seiner Wege. Wohin soll der entlassene Beamte gehen? Es gibt für ihn kaum einen anderen Weg als den ins Elend.