Derselbe Geist herrscht überall, wo der Staat der dienstgebende Herr ist. Also auch in der Schule für Lehrer und Schüler.
»Das ist ja eben«, wird man mir zurufen »die hohe, sittliche, bildende, erziehliche Kraft des Staates! Wehe dem, der daran rüttelt! Das sind die Säulen, die unser Reich tragen, das ist die hohe Schule der Zucht und Ordnung. Dadurch ist Preußen und Deutschland groß geworden: das allein kann uns auch in Zukunft erhalten. Das ist unsere Macht, unser Stolz, darum beneiden uns alle Nachbarstaaten, das ist der Fels, an dem alle Bemühungen der Wühler, Nörgler, Aufhetzer, all der gewissenlosen offenen oder versteckten Vaterlandsfeinde elend scheitern werden.«
Ich kenne all diese Behauptungen so gut, weil ich sie selbst lange vertreten habe und sie jetzt von den »Stützen von Thron und Altar« ja täglich wieder hören muß – in allen Tonarten vom freundlich-belehrenden Piano bis zum polternden Furioso, selbst in erregt vibrierendem Prophetentone mit dem Posaunenklang des jüngsten Gerichtes.
»Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.«
Ob unsere nationale Erziehungspraxis im weitesten Sinne gefaßt eine Reform braucht, darüber ist allein unser Volk in seiner Gesamtheit Richter. Und dieses unser Volk spricht immer lauter, immer vernehmlicher seine Unzufriedenheit über den herrschenden Geist unseres öffentlichen Lebens aus, fordert immer lebhafter, daß auch die Schule eine geistige Verjüngung herbeiführen helfe.
Dagegen begnügten sich bisher viele mit der wohlfeilen Auskunft, daß die Unzufriedenheit nur ein Kunstprodukt sei, erzeugt durch Verhetzung der urteilslosen Massen von selten gewissenloser Agitatoren. So denkt vielleicht noch heute der ostelbische Agrarier, so denken unsere »korrekten« Behörden, so denkt der Adel und die ihm verbündete orthodox-konservative Partei. Diese lernen auch aus der Geschichte nichts und wollen aus ihr nichts lernen, selbst wenn sie eine so eindringliche Sprache spricht wie jetzt in Rußland.
Es wird also gut sein, sie über das aufzuklären, was unser Volk – und nicht gerade die Schlechtesten unseres Volkes – jetzt beunruhigt, und was zu Reformen an Haupt und Gliedern immer unaufhaltsamer drängt.
Wir beobachten mit steigender Sorge das Anwachsen der Menge von wirtschaftlich und auch innerlich gebrochenen Menschen, die nicht mehr die Kraft, den Mut und den Trieb haben, nach eigener Bestimmung, eigener Überzeugung, eigenen Idealen zu leben. Wir sehen trotz aller Fortschritte im wirtschaftlichen Leben »eine ungeheure Rückständigkeit, sehen in Kirche und Schule eine schlimme Geistesverkrüppelung«, im Rechtswesen das Gegenteil von dem, was Geheimrat Prof. Dr. Gierke unserem Kaiser vortrug, daß nämlich »in der Tiefe des Volksgemütes ein felsenfestes Vertrauen auf die Gerichte unerschüttert« sei, wir sehen, daß die aufrechten und wahrhaften Männer immer weniger zu Wort kommen, daß auch in der Presse Überzeugungstreue und Mannhaftigkeit immer mehr schwinden, um einer glatten und bequemen Gesinnungslosigkeit das Feld zu räumen; sehen eine unheilvolle Trennung des im Formalismus und Bureaukratismus versinkenden amtlichen Lebens vom Privatleben; sehen eine gerade von den herrschenden Kreisen ausgehende Verflachung des Daseins, die unsere Offizierkreise und das feudale Korpsleben zuerst erfaßte und dann immer tiefer auch in die Beamtenkreise und in das begüterte Bürgertum eindrang, sehen eine von den Regierungen begünstigte Klassenwirtschaft, eine gefährlich anwachsende Zersplitterung unseres Volkes nach Konfessionen, Ständen und Kasten, sehen ein unheilvolles Regiment des Buchstaben und der Paragraphen eifrig bei der Arbeit, alles geistige Leben zu nivellieren, alle Persönlichkeit zu erdrücken. Die Menschen werden zu Maschinen herabgewürdigt, werden als Nummern in zahllosen Akten und Listen geführt, werden herz- und geistlos nach »Schema F« abgefertigt. Ein Wald von Vorschriften engt unser Leben ein und wir drohen unter Aktenpapier und in Tintenfluten zu ersticken. Alles das ertragen wir mit wachsendem Unwillen.
Wir sehen, um mit Tacitus zu sprechen, unser Volk in die Knechtschaft hinabgleiten. Byzantinismus, unmännliche Ergebenheit Würden und Titeln gegenüber, Bewunderung des äußeren Scheines, protzenhaftes Verachten aller tiefliegenden geistigen und ethischen Schätze und bei allem großtuerischen Gebahren in entscheidenden Stunden doch Verzagtheit und Feigheit. Wir haben den Eindruck, daß unsere Kultur krank, zumal daß jene berühmten »Stützen« innerlich hohl sind, wir sehen, daß dem Rechtsbewußtsein, dem Wahrheitsbedürfnisse, dem Entwicklungstriebe unseres Volkes von seiten der Regierungen und Behörden entgegengearbeitet wird. Wir beklagen es bitter, daß die Regierung das Volksempfinden unausgesetzt verletzt.
Während unser Volk nach Aufklärung, nach Befreiung aus überlebten Geistesfesseln ringt, wird ihm von der Regierung und einem Klassenparlamente ein reaktionäres Schulgesetz aufgenötigt, das »unsere Lehrer durch die mittelalterlichsten Verordnungen zu besseren Drahtpuppen macht«. Wir sehen, daß ein Kultusminister, den man ohne Widerspruch in der Presse »den Feind jeden Fortschrittes, den König der Dunkelmänner, den unvolkstümlichsten und volksfeindlichsten aller Minister« (Das Blaubuch 1906 Nr. 34) nennt, von unserem Kaiser sogar in den Adelstand erhoben wird.