Immer weniger kommt in einem Parlamente, das nur den Großgrundbesitzern und der Geistlichkeit zu Willen ist, der Wunsch unseres Volkes zum Ausdruck. Es ist, als triebe man »oben« geflissentlich das, was man in Österreich als »Justement-Politik« bezeichnet: »Ihr wollt für das Abgeordnetenhaus eine Wahlreform? Wollt darin auch den Mittelstand, den Arbeiterstand, die Intelligenz vertreten sehen? An die Gewehre! Laßt Kanonen auffahren!«

»Die Studenten rufen nach akademischer Freiheit? Gut, aber auch die katholischen Korporationen sollen die Freiheit haben, den Geist der Freiheit zu zerstören. »Ihr Lehrer wollt Aufklärung? Nun gerade nicht! Zurück in eure Seminare und unter geistliche Zucht!«

Nirgends beobachten wir einen Fortschritt unseres Volkes zu politischer Selbständigkeit. Im Gegenteil, wir entwickeln uns rückwärts auf einer Bahn, die zum Absolutismus führt. Immer lauter wird deshalb der Ruf nach Männern, die uns erlösen sollen.

Gibt es in Deutschland denn nur noch Hofschranzen, Ordensjäger, Karrieremacher, Streber, Gedankenlose und Untertanen? Haben wir keinen freien Bürgerstand mehr? Aber das Unerträglichste wird schon schweigend hingenommen. Paraden, Gedächtnisfeiern und anderes Schaugepränge müssen uns ein Glück vorgaukeln, das unserem Herzen fremd ist. In den wichtigsten Fragen, die unser Volk im Innersten seines Wesens treffen, versagt die Mitarbeit der sog. Intelligenz. Man ist angeblich zu guter Patriot, um der Regierung Schwierigkeiten zu machen, in Wahrheit fehlt es an Überzeugungen und an Mannhaftigkeit; es fehlt an dem Willen zur Macht.

Unser gutes deutsches Volk ist schon in Grund und Boden regiert. Das sind die Früchte unserer sog. guten Erziehung, die man so ehrend gar nicht benennen dürfte. Nicht Erziehung, sondern Abrichtung! Abrichtung zu stillen Untertanen und untertänigen Beamten. Von Kindheit an zum Schweigen erzogen, zum sog. Anstand, der zumeist gleichbedeutend mit Charakterlosigkeit ist, zur Botmäßigkeit, zur Bewunderung der »vorgesetzten« Einsicht, zum Gehorsam gegen all die staatlichen Machthaber in den Schulen, im Heere, auf dem Amte und der Polizei, und stets geduckt vor Höherstehenden, die den Bestand des Geldbeutels, die soziale Stellung, die öffentliche Wertschätzung des Mannes durch Gunst oder Ungunst eigenmächtig bestimmen! Dazu kommt dann die Kirche, die unter Berufung auf: Römer Kap. 13, 1 (»Eine jegliche Seele sei den höheren Gewalten untergeben; denn es gibt keine Gewalt, außer die von Gott. Die es aber gibt, die sind von Gott geordnet. Wer demnach der Gewalt widersteht, widerstehet Gottes Ordnung.« Vgl. Rußland!) stillen Gehorsam gegen die »Obrigkeit« predigt und die Feigheit noch mit einem Glorienschein umstrahlt.

Als Bismarck das stolze Wort sprach: »Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts in der Welt«, gab er der Tatsache wahren Ausdruck, daß wir keinem äußeren Feinde im Felde weichen würden.

Nach seinem Rücktritte aus dem Amt wird er seine Meinung wohl eingeschränkt haben. Wir Deutschen fürchten außer Gott, ja oft mehr als Gott, unsere Vorgesetzten und das Urteil unserer Umgebung. Wir fürchten Konflikte mit den Behörden, mit den Gerichten, mit der Polizei, fürchten die Ungnade der »Maßgebenden«, fürchten die Kritik unserer Berufs- und Standesgenossen, fürchten uns sogar vor der Konsequenz unserer eigenen Gedanken und ziehen uns lieber scheu in das Faulbett des Herkommens zurück, als daß wir den Kampf in dem Staube der Arena wagten.

Die notwendigsten Schlachten auf dem Gebiete des Geisteslebens bleiben deshalb ungeschlagen, weil sich nicht genug Kämpfer dazu bereit finden. Uns erschreckt die Riesenaufgabe, daß wir uns eine neue Welt der Gedanken aufrichten müssen. Wir flicken lieber ängstlich an dem alten Bau, als daß wir beherzt zu einem Abbruch und zu dem Neubau des neuen Hauses schritten. Uns hält die Scheu vor der Tradition, die Rücksicht auf alte, zu alte »Ideale« und ihre alten Vertreter, eine unmännliche Pietät davon ab, das Gestrige abzutun und heute zu leisten, was uns der Tag gebietet. Wir können eine Scheinkultur nicht sterben lassen, die nur mit Kunstmitteln noch ihr mattes Dasein fristet.

Wie werden unsere Söhne später über uns urteilen? Ich fürchte, wir werden schlecht vor ihnen bestehen.

Wir fühlen ja selbst schon mit Beschämung, wie uns der Wille und die Kraft entschwunden sind, als ein selbstherrliches, mannhaftes Volk unsere Geschicke selbst zu bestimmen. Wir lassen uns regieren und benutzen nicht einmal die uns verfassungsmäßig zustehenden Rechte zur Mitarbeit. Das ist Pflichtversäumnis, denn Rechte sind zugleich Pflichten.