Bei der neuen preußischen Schulvorlage fielen die höheren Lehrer fast ganz aus. Höchst achtbarer Beamtengehorsam und das Bewußtsein, was sie sich als akademisch Gebildete schuldig sind, mag sie zu besonnener Zurückhaltung begeistert haben. Das wird sich an ihnen vielleicht noch rächen; denn man wird im Volke aufhören, sie als Vorkämpfer unserer geistigen Kultur zu schätzen. »Res ad triarios venit!« würde Cäsar sagen. »Die Volksschule vor!« so lautete auch der Schlachtruf. Kampf und Ehre wird also den Herren »Elementarlehrern« allein zufallen.

Erst spät, zu spät, um zu wirken, traten Herren der Hochschule noch ins Feld.

»Sind denn die Gneist und Mommsen ganz ausgestorben?« fragte mit Verwunderung Prof. Paul Natorp (Marburg) in der Frankfurter Zeitung, »geht die Staatsrechtslehrer, die Geschichtslehrer die Sache etwa nichts an? Spüren unsere freigesinnten Theologen nicht, wie sehr die Richtung dieses Entwurfs auch ihrem ganzen Bestreben an den Hals geht? Kann irgendeiner, dem die ›Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre‹ mehr als eine Phrase ist, gleichgültig zusehen, daß die Mächte, die von jeher deren ergrimmteste Gegner gewesen sind, mit dem Durchgehen dieses Entwurfs einen gewaltigen, vielleicht entscheidenden Sieg erringen würden? Oder ist man so kleinmütig geworden, daß man fürchtet, unser einmütiges besonnenes, aber unverblümt deutliches Wort werde im Volke angehört verhallen? Sind nicht die Lehrer der Volksschulen unsere Brüder, unsere nächsten Arbeitsgenossen? Können wir vor der Geschichte die Verantwortung tragen, sie auch jetzt wieder im Stich gelassen zu haben? Empfinden wir nicht, daß wir durch Schweigen uns zu Mitschuldigen machen? daß wir die Folgen eines solchen Sieges der Lichtfeinde zu allererst zu spüren bekommen werden? Unsere Hochschulen haben soeben, in im ganzen löblicher Tendenz und erfreulicher Einmütigkeit der Lehrenden und Lernenden, um die ›akademische Freiheit‹ gekämpft; soll die Freiheit ein Privileg der Hochschulen sein? und steht nicht das, worum wir gestritten haben, in höchster Gefahr, wenn erst die größte Provinz des nationalen Bildungswesens sozusagen ohne Schwertstreich in die Hand des Gegners gefallen ist, dessen offen erklärtes, mit zäher Energie und unleugbaren Erfolgen schon längst verfolgtes Ziel die Konfessionalisierung auch der höheren Schulen und der Universität ist?«

Lange meinte ich, meine schlechte Stimmung könnte eine persönliche Schwäche sein: geistige Überanstrengung, dienstlicher Verdruß, gestörte Verdauung, schlechter Schlaf, heruntergekommene Nerven. Aber ich empfing, als ich zum ersten Male meine Klagen laut werden ließ, tausendfach ermutigenden Zuspruch. Ich sehe seitdem, daß selbst meine Widersacher verstummen, daß selbst die Klarsichtigsten in immer wachsenden Kreisen meine Mißstimmung und Besorgnis teilen.

Ich muß auch hierfür Zeugnisse beibringen, sonst beliebt man vielleicht, mir diese Tatsache einfach abzuleugnen. Es genügte freilich auf das Türmer-Jahrbuch zu verweisen, das ein ehrlicher Spiegel der öffentlichen Meinung ist, oder auf die »Zukunft«, die seit Jahren, eher als alle anderen, den Niedergang angezeigt hat. Am 14. Juli 1906 lesen wir dort:

»Das unbehagliche Gefühl, spottschlecht regiert zu werden, die Furcht, von schwer erklommener Höhe mählich herabzugleiten, schleicht von Mond zu Mond schneller durchs Land, und die Presse, die nicht aufhören möchte, Ausdruck der öffentlichen Meinung zu sein, darf sich nicht länger sträuben, der Drängnis eine Zunge zu leihen. Ich will«, fährt Harden fort, »nur fromme Stimmen zitieren; nur aus den letzten Tagen: »Das Maß, in dem die verantwortlichen Männer ihre Haltung nach den Wünschen und Anschauungen des Staatsoberhauptes orientieren, geht gelegentlich über das Notwendige, Richtige und Nützliche hinaus. Dadurch wird nicht nur die Stellung der Minister, das Ansehen der Regierung und schließlich die Staatsautorität geschädigt, sondern direkt gegen den Geist des konstitutionellen Systems verstoßen, das selbstbewußte Männer an den verantwortlichen Stellen verlangt. Aus Männern mit eignen Gedanken, eigenem Wollen werden Handlanger eines höheren Willens. Das Staatsgefühl geht zurück und mit ihm, trotz aller hohen und hohlen Worten, die innerliche Achtung vor dem Staat.« (Hannoverscher Courier.) »Der Kaiser wird über die Einzelheiten der innerpreußischen Politik in so mangelhafter Weise unterrichtet, daß für die Zukunft die ernstesten Besorgnisse berechtigt sind.« (Tägliche Rundschau.) »Der Kaiser zwei Tage lang in Hamburg, als Taufpate und als Schiffsprediger, als Kriegsherr und als hoher Gönner des Rennsports, immer um die Elbhöhe herumgefahren und dem Standbild Bismarcks keinen Besuch abgestattet! Millionen treuer Söhne ihres Vaterlandes werden peinlich und schmerzlich empfinden, daß dies möglich werden konnte.« (Deutsche Stimmen, Wochenblatt für die nationalliberale Partei.) »Man wird mit Fug erklären dürfen, daß die Bevölkerung der vielen umfangreichen Mitteilungen über Reisen und Reden der Fürsten allgemach müde wird. Es wäre daher kein Unglück, wenn politische Fürstenbesuche, die sich in den letzten Jahren allzu oft wiederholt haben, einmal geraume Zeit unterblieben. Man ist so ziemlich überall zufrieden, wenn sie vorüber sind, ohne einen Mißklang erfahren oder zurückgelassen zu haben.« (Vossische Zeitung.)

»Endlich!« ruft Harden aus und fährt mit der gleichberechtigten Bemerkung fort: »Wäre vor sechzehn Jahren so gesprochen worden, dann sähe es im deutschen Land heute besser aus. Jetzt genügen so sanfte, in Watte gewickelte Andeutungen nicht mehr. Bleiben auch allzu vereinzelt. Morgen wird da wieder Weihrauch gespendet, wo sich gestern kritisches Bestreben zeigte. Jetzt muß so ernst, so vernehmlich gesprochen werden, daß keine Möglichkeit eines Mißverständnisses bleibt. So, wie es bisher war, kann's nicht weitergehen. Die ganze Methode unserer Politik muß geändert werden. Schnell; jede Woche häuft neue gefährliche Fehler.«

Stets die gleiche Klage, daß es an Männern fehlt. So schreibt H. Ilgenstein im »Blaubuch« 1906, Nr. 34:

»Was uns nottut, das ist eine Revolution der Geister, ein Erwachen, ein Wille, eine Kraft. Man tue sich (in gesetzmäßiger Weise) allenthalben zusammen! Man verkünde allerorten, daß man sich für einen Minister bedankt, der bei längerer Tätigkeit denn doch dem Lande eine ernste Gefahr bedeutet. Herr von Studt kommt in das Haus, in dem neben einer volksfeindlichen Majorität auch einige Männer sitzen, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt. Ist keiner unter diesen Männern, der diesem Minister für Geistesknechtung einmal auf gut deutsch die Wahrheit sagt? In den Verwaltungsbehörden unserer Städte herrscht größtenteils eine liberale, durchaus nicht fortschrittsfeindliche Gesinnung. Von diesen könnte den merkwürdigen Sondererlassen des Herrn Ministers doch eine recht gesunde Obstruktion gemacht werden. Erst neulich (Nr. 32 des »Blaubuch«) machten wir auf den widerlichen Unteroffizierston aufmerksam, in dem unter der Ära Studt die Unterrichtsbehörden mit den Lehrern verkehren. Sollte es nicht Pflicht der Gemeinden sein, in deren Dienst die Lehrer stehen, dem Minister es einmal recht klar zu machen, daß selbst preußische Volksschullehrer noch Menschen sind? Wenn alle Faktoren, die sich jetzt nur ›ärgern‹, nur eine Zeitlang auf ihrem Posten wären, dann bliebe dem Dunkelmanne nur noch der Rückzug. Aber vorläufig sind wir noch nicht auf dem Posten.«

Über die Stimmung der deutschen Volksschullehrer, mit der man sich im sog. gebildeten Publikum besser vertraut machen müßte, belehrt der »Bund der deutschen Volkserzieher« unter der Leitung Wilhelm Schwaners. Wenige Deutsche, von den Volksschullehrern abgesehen, lesen dessen »Volkserzieher«, der eine Macht im Volksleben geworden ist. Die Lehrer lesen ihn nach vielen Tausenden und halten zu ihm in begeisterter Hingabe zu Schutz und Trutz.