Ich gebe eine Stimmungsprobe aus dem Hefte 17 des X. Jahrganges (1906), einen Aufruf von Hans Würtz in Altona:

»Der Bund Deutscher Volkserzieher ist eine Gemeinschaft von deutschen Männern und Frauen, die sich zusammengeschlossen haben zu Rat und Tat, zu mutigem Kampfe und ewiger Fehde gegen die Giftmischer des Geistes und der Gesinnung, gegen Tyrannen und gegen Knechtsseelen, gegen die Orthodoxen der Religion, des Rechts und der Hygiene, gegen Papst- und Pfaffentum, gegen Feigheit und Reaktion, gegen Anarchie und Revolution – zum ernsten Streben und Tun für die höchsten und herrlichsten Güter unseres Volkes: Wahrung, Erneuerung und Kräftigung echt germanischer Art in Religion, Sitte und Gesamtkultur gegenüber der römischen Scheinkultur, Umwandlung der papiernen Gewissensfreiheit in staatlich anerkannte Freiheit des Wissens und Glaubens, Wertung der Individualität.

Darum finden sich bei uns auf gemeinsamem Boden des Verstehens: die Philosophen und Theosophen, die Mystiker und Wirklichkeitsmenschen, die Abstinenten, Vegetarier und Gemäßigten, die Männer der Tat und die in der Welt der Kunst und Schönheit träumen. Den neuen Frühling des Germanentums wollen wir herbeiführen: darum stellen wir naturgemäß die Tatreligion, die wir in den alten und neuen Schriften unserer germanischen Rasse niedergelegt finden, höher als die offizielle jüdisch-christliche Scheinreligion der Kirchen. Die Religion der deutschen Propheten, der Luther, Lessing, Goethe, Schiller, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Lagarde, Emerson, Friedrich II., Wagner, Bismarck u. a. hat unser Führer in der »Germanenbibel« aufgebaut, und wir Bundesmitglieder haben dieses bahnbrechende Werk zu unserm Hausbuch erhoben. Freunde, laßt euch von Berlin Prospekte der »Germanenbibel« schicken und sorgt für Verbreitung des Werkes, damit unsere Ideen auch auf diesem Wege ins Volk dringen! – – –«

Noch deutlicher und deutscher spricht Wilhelm Schwaner selbst, ein ehemaliger gemaßregelter Lehrer, dem die rechte Kirchengläubigkeit fehlte, ehedem ein harmloses Wiesenbächlein, das man hätte sollen gewähren lassen, jetzt zum reißenden Strom angeschwollen.

»Es ist richtig,« schreibt er in einem Aufsatz über »Schulproletarier« im »Volkserzieher« X, Nr. 17, »daß in Zukunft preußische Volksschullehrer im Gehalt hinter den Schutzleuten zu rangieren haben, obgleich ihnen vor den ehemaligen Sergeanten die Offizierskarriere und der regelrechte Besuch bestimmter Universitäten und damit die Ministerlaufbahn offensteht.

Aber es ist trotz der hundserbärmlichen Entlohnung, insbesondere der meisten Landlehrer, unrichtig, von Schulproletariern zu reden. Denn wenn es schon welche gibt, welche jährlich 720 M. Gehalt beziehen – ich selber habe drei Jahre lang pro anno 600 M. (hört, hört) gehabt, also weniger als ein Großknecht, weniger als jeder mittelmäßige Fabrikarbeiter, weniger sogar als eine sechzehnjährige Kontoristin der Großstadt – so sind sie doch noch lange keine Proletarier. Unsere Lehrer haben nämlich, was den unglücklichen Proletariern der roten Partei absolut fehlt, immerhin eine gewisse wissenschaftliche Bildung, und sie haben, was sie gegenüber den Millionären des Kapitals zu Milliardären erhebt, Ideale, unverwüstliche, hohe und heilige Ideale. Gewiß, die stempeln unsere Schulmeister zu Revolutionären des Geistes – eine eingehende Geschichte des Lehrerstandes würde zu überraschenden Entdeckungen führen, wenn es auch den Juristen Studt wenig interessieren mag, was für »Kerle« gerade auf dem von ihm beaufsichtigten Felde Bahnbrecher und Führer geworden sind – aber zu Revolutionären der Straße werden die deutschen Lehrer niemals werden. Obgleich es auch unter ihnen gelegentlich einen richtigen Umreißer geben kann, ähnlich wie die neuere Geschichte einen Anarchisten Johannes Miquel gekannt hat, den der nachmalige Kaiser Wilhelm II. ›seinen Mann‹ nannte.

Seit der beste Teil der Lehrerschaft angefangen hat, sich auf sich selbst zu besinnen, Selbsterziehung zu üben durch Alkohol- und Nikotinabstinenz oder gar durch Fleischenthaltung und vor allem durch sittenstrengen Lebenswandel; seit die Lehrer durch Selbsthilfe und energisches Studium sich die Quellen der Wissenschaft und damit die Tore zum Tempel der Weisheit erschlossen haben; seit wir eine Volkserzieherbewegung kennen und hinter ihr als Rückgrat und Träger in die Zukunft einen Bund, der alle deutschen Gaue überspannt: seitdem, ihr Leute vom ›Vorwärts‹, die ihr als Millionär Paul Singer und als Schloßbesitzer August Bebel ja selber keine Proletarier seid, seitdem ist es mit eurer Hoffnung auf eine rote Avantgarde aus Schulmeisterkreisen ein für allemal vorbei. Es hätte auch noch schlimmer kommen können, als es ja leider Gottes schon ist, so würden wir doch nicht unseren Patriotismus ›revidieren‹. Denn unsere Gesinnung hängt nicht wie die eurige oder wie die der Agrarier, Industriellen, Junker und anderer Sippen vom ›Brotkorb‹ ab, sondern von der Höhe unseres Seelen- und Geisteslebens, das eben lediglich und allein durch uns selbst bestimmt wird! (Mitläufer, Schmarotzer, Feiglinge, Mantelträger, Rückenmärker und dergleichen Gelichter selbstverständlich ausgenommen. Auch die Bierbank-, Schnaps- und Weinhelden, die als Lehrer regelmäßig dem kirchlichen Abraham im Schoße sitzen, wie sie als Arbeiter und »Proleten« für die Paule der roten Partei unentbehrlich bleiben, weshalb man ja auch auf den sozialdemokratischen Parteitagen niemals die Alkoholfrage zur Hauptdebatte stellen läßt: zur politischen Revolution haben eben wie zum Verrat Elende des Alkohols nötig.) Uns ›Schulproletariern‹ wird man Gerhart Hauptmann, Hermann Sudermann, Henrik Ibsen und andere nicht so leicht entreißen, wie man aus eurem Zentralorgan die Leute der besseren Feder und des einfachen politischen Anstandes weggebissen hat. Denn bei uns wird ebensowenig die Knute des Despoten je etwas erreichen wie die Phrase des Pöbels. Wir bauen uns eben unsere eigene Welt, die deutsch und pädagogisch ist!«

Ideale, mein lieber Schwaner haben die Sozis auch, nur etwas andere als wir beide. Ich nenne jeden Menschen einen Idealisten, der sich für seine Überzeugung einsperren läßt. Aller andere sog. Idealismus beruht auf Selbsttäuschung.

Und während ich diese Zeilen schreibe – buchstäblich zu verstehen – reicht mir das Sopherl, das mich bedient, einen Brief herein, in dem ich von einer Redaktion aufgefordert werde, über die »Pflege der Willenskraft in der Erziehung« zu schreiben, »als Grundlage einer gesunden deutschen Erziehung, die an die Stelle treten müsse der zur tatenlosen Träumerei verführenden Drillmethode der alten Lernschule«. Der Briefschreiber ist Schuldirektor!

Überall die gleiche Sehnsucht nach einer inneren geistigen Reform. Das Notwendigste aber hat doch wieder Harden gesagt (»Zukunft« 1906 Nr. 38):