»Im Reichstag sitzen gescheite und redliche Männer, die etwas leisten können. Weshalb finden wir, wenn monatelang gedroschen ist, die Tenne leer? Weil dieser Reichstag nicht zur Regierung berufen, sondern nur als Ornament gedacht ist. Weil die Regierenden sich bemühen, ihn schmeichelnd zu überlisten und er selbst in technischem Kleinkram, in Paragraphenflickerei, die jeder Geheimrat besser besorgt, seine Aufgabe sieht. Weil der Wille zur Macht ihm versiegt ist. Die Änderung oder Ablehnung eines Gesetzes, nach Jahren vielleicht die bundesrätliche Zustimmung zu einem Initiativantrag: das kann er erreichen; mehr nicht. Keinen Kanzler noch Staatssekretär stürzen; seiner Majorität nie die Wirkensmöglichkeit erobern. ›Wenn die Kerle sich ausgeschimpft haben, sind sie wieder still‹; und die Karre rumpelt, als sei nichts geschehen, ein Stückchen weiter bergab. Wer mag für solchen Preis das Leben einsetzen? Wer sich mutwillig die Exzellenten verfeinden, die er doch nicht vom Thrönchen stoßen kann? Da sie bleiben, solange es dem Kaiser paßt, stellt man sich mit ihnen lieber auf leidlichen Fuß und bekümmert sich eifriger um ihre Umgangsformen als um ihre Leistungsfähigkeit. Dieser Reichstag hat kein Ziel vor, keinen Willen zur Herrschaft in sich; er ist zum Disputierkränzchen geworden und drischt in jedem Herbst wieder dasselbe Stroh. In England, Frankreich, Italien, Spanien, Ungarn, Belgien, Skandinavien, in Österreich und den Balkanstaaten sogar regiert das Parlament, in Rußland heischt es Konventsrechte; in Deutschland redet es den Regierenden ins Handwerk drein und knickert ihnen unklug die Pfennige ab. There's the respect that makes calamity of so long life. Dieser Zustand darf nicht noch länger dauern. Das nächste Ziel politischen Trachtens muß die Sicherung des parliamentary government nach britischem Muster sein.

Übt euch in zähem Widerstand gegen Ungebühr! Warnt das Volk, sein Geld einer schlechten Regierung anzuvertrauen! Und stählt den Willen zur Macht!«

Ganz meine Meinung! Wir witzeln über den unfähigen Reichstag, tuen aber nichts ihn zu stärken. Noch fehlt dem Reichstagsgebäude die Aufschrift. Erträgt das unser lammfrommes Volk noch weitere Jahrzehnte?

In allen großen Kulturfragen unseres Volkes wollen und werden wir uns erlauben mitzureden, werden auch die Amtstätigkeit unserer Beamten öffentlich kritisieren, wenn sie uns gemeingefährlich erscheint. Paul de Lagarde verlangte schon eindringlichst, daß die Beamten für ihre Verfehlungen regreßpflichtig gemacht würden. Was sagt man nun zu folgender ›amtlichen‹ Angelegenheit? Man lese das Buch ›Mein gutes Recht‹ des deutschen Kaufmanns Karl Paasch (Kommissionsverlag von Meyer & Hendeß in Zürich, 1906), den man für verrückt erklärt hat, weil er über deutsches Kolonialwesen die unglaublichsten Dinge veröffentlicht hat. Nach den jüngsten Erfahrungen wird er auch für Unglaubliches jetzt Gehör finden.

Lehmann-Hohenberg, auch so ein Unbequemer, der in alle dunklen Ecken unseres Reiches hineinleuchtet, nennt in seinem »Rechtshort« (1906, Nr. 13/16) diesen Paasch einen modernen Michael Kohlhaas und ruft, nachdem er den wirklich ganz ungeheuerlichen Fall in großen Zügen dargestellt hat, in Erregung aus: ›Ward je ein Fürst und Volk schändlicher betrogen und verraten!?‹ – – »Hier kann und darf keine Aufklärung gescheut werden! Stecken wir schon mitten in vollster Korruption? Das deutsche Volk hat ein Recht darauf, zu erfahren, wie es hiermit steht, und daß mit stählernem Besen die Stuben unseres Beamtentums ausgefegt werden, wenn die Angaben von Paasch auch nur zu einem Teil auf Wahrheit beruhen.«

Um mich etwas verständlicher zu machen, will ich mit seinen eigenen Worten andeuten, worum es sich handelt, mache dabei auf die Tatsache aufmerksam, daß verwandte Anschauung und Stimmung hervorleuchten aus »den Briefen, die ihn nicht erreichten«. Paasch also schreibt:

»Weil meine geschäftlichen Projekte bei den chinesischen Behörden gute Aufnahme und Beachtung gefunden, weil sie die allerbesten Aussichten auf Erfolg hatten, eben deshalb, und nur deshalb wurde meine Beseitigung beschlossen, v. Brandt und v. Ketteler wollten mit einem Schlage reiche und wenn möglich berühmte Leute werden. Geld, Geld und wieder Geld war das Hauptmotiv für alle Handlungen dieser Herren. Was still und ruhig mit den chinesischen Behörden verhandelt war, was ruhig in den Geheimarchiven der deutschen Gesandtschaft ruhte und bestimmt war, dem Fürsten Bismarck vorgelegt zu werden zur Ehre und zum Vorteil Deutschlands, das wurde von diesen beiden Herren verplempert, verraten und wahrscheinlich einfach verkauft zu ihrem Vorteile …«

»Nachdem das Attentat (!!) auf mich mißlungen war, verfügte Herr v. Brandt plötzlich über Geld und wollte mir kürzlich erst abgeborgte 20 000 Mk. zurückgeben; auch Herr v. Ketteler wollte plötzlich eine ›Erbschaft‹ gemacht haben. Merkwürdig, sehr merkwürdig! …«

»Nachdem bei solcher Lage der Dinge v. Brandt nicht abberufen wurde, da war das ganze Geschäft natürlich für Deutschland verloren. Die Chinesen hatten ja die ganze im Interesse der Hochfinanz ins Werk gesetzte Intrigue durchschaut, ehe ich sie ihnen mündlich und schriftlich berichtet hatte. Niemand geringeres als der Vizekönig Li-Hung-Chang hat mir das selbst erzählt. Der Verlust, der für Deutschland daraus entstanden ist, läßt sich annähernd kaum abschätzen. Ich beziffere ihn auf Milliarden. Man denke nur, China hätte derzeit die von mir vorgeschlagenen Projekte ausgeführt, was wären dann die Folgen gewesen? Wir hätten in China auf lange Zeit hinaus festen Fuß gefaßt, nicht auf Grund kriegerischer Ereignisse, sondern in freundschaftlicher Weise, so daß die Chinesen ein Interesse daran gehabt hätten, gerade uns Deutsche im Lande, wenigstens noch für lange Zeit, zu halten. Damals waren wir Deutschen geradezu eine bevorzugte Nation bei den Chinesen, während heute das Gegenteil der Fall sein dürfte. Der Gesandtenmord und die daraus resultierende Chinaexpedition wären uns erspart geblieben, und was sonst noch für Vorteile für uns in ostasiatischen Angelegenheiten erwachsen wären, mag sich ein jeder selbst auskalkulieren, der sich für diese Dinge interessiert.«