Gehen uns diese Dinge wirklich nichts an? Müssen wir Bürger nicht die hohe Zeche bezahlen, bezahlen sogar mit unserem Blute, mit unserer nationalen Ehre?

Ich kann nicht beurteilen, ob Paasch im Rechte, ob er normal oder geistig krank ist, aber ich möchte als Staatsbürger über diese Frage aufgeklärt werden.

Keines der Preßzeugnisse, die ich hier beigebracht habe, entstammt einem sozialistischen Blatte. Keiner der genannten Zeugen würde sich abstreiten lassen, daß es ein guter Patriot sei. Nicht die sind unsere guten Freunde, die über unsere Schwächen schweigen, sondern die, welche es wagen, uns freimütig das zu sagen, was man »die Wahrheit« nennt, also ihre ehrliche, wenn auch tadelnde Überzeugung. Noch eins: Auffallend wie wenig bei uns die aufklärende und fortschrittliche Arbeit der Männer mit der unserer Frauen Schritt hält. Nichts ebenbürtiges haben wir der starken Propaganda der Frauenbewegung innerhalb der letzten zehn Jahre an die Seite zu stellen. Mit dem Kultureifer unserer jungen Damen verglichen macht der gebildete Korpsjüngling eine schlechte Figur. Ideenloser und nüchterner, als diese vermeintliche Blüte der deutschen Nation, deren Umgang jungen kaiserlichen Prinzen gestattet wird, flacher, unmännlicher kann man unmöglich sein. Wenn sie noch jugendlich froh und ausgelassen wären! Aber auch das nicht, sondern nur patent und korrekt, schon in jungen Jahren auf Karriere spekulierend, auf Protektion, die das eigene Denken und Arbeiten ersetzen soll. Ihr Mannesmut erschöpft sich auf dem Paukboden bei der Mensur: einer mittelalterlichen, wohl mutstählenden Spielerei, die man anerkennen und sogar begünstigen dürfte, wenn sie nicht mit unseren Staatsgesetzen und mit dem öffentlichen Rechtsbewußtsein in Widerspruch stände – für entsprechende Handlungen kommt nämlich der Arbeiter ins Gefängnis – und wenn sich dabei nicht der Mannesmut des jungen Herren ganz zu verausgaben schiene. Zu diesem zwar blutigen, aber im Grunde doch ungefährlichen Spiele würden sich für angemessene Bezahlung auch Dienstmänner abrichten lassen. Was wir vermissen: eigene, mannhafte Überzeugungen, jugendliche Geistesfrische, den »Zorn der freien Rede«, das begeisterte Eintreten für alle wahren Menschheitsideale, davon finden wir in dieser vornehmen jungen Vertretung der herrschenden Kasten nichts. Da waren die alten Burschenschaften mit ihren Brauseköpfen und dem Überschwang hoher Gefühle doch ganz andere Kerle!

Als jüngst eine Dame in öffentlicher Versammlung wegen sog. »Schürzenpolitik« unfreundliche Worte zu hören bekam, sagte sie entrüstet: »Wir lassen uns von den heutigen Männern Deutschlands nicht mehr verspotten. Wo wir einmal eine wahrhaft mannhafte Tat brauchen, da wenden wir uns an eine – Frau. »Wenn ich«, sagte sie, »auf der Straße elegante Herren mit Zylinder und schwarzen Aktenmappen darum bat, mir als Zeugen bei empörender Pferdequälerei zu dienen, so erhielt ich noch jedesmal die gleiche Antwort: ›Bedaure, gnädige Frau; ich befasse mich nicht gern mit dergleichen. Man hat nur Schererei davon.‹ Wandte ich mich an Damen, so fand ich selten eine Ablehnung.«

Ich muß gestehen, daß ich selbst als Vorstand eines Tierschutzvereins gleiche Erfahrungen nicht selten gemacht habe und der Beifall, der jener Dame gespendet wurde, sprach für die Allgemeingültigkeit ihres Urteils.

Die empörendste Pferdeschinderei gehört in und um Berlin zu den scheinbar unausrottbaren Übeln, die der Mensch als ein Gegebenes ertragen muß. Wenn ich von den noch brutaleren Griechen und Italienern absehe, so kenne ich im übrigen Europa keinen Platz, wo sich vor aller Augen rohe und vielfach versoffene Kutscher dergleichen offene Verhöhnung aller Menschlichkeit gestatten. Dies wäre ganz unmöglich, wenn jeder deutsche Mann seine Pflicht täte. Aber da fehlt es eben. Man wendet den Blick ab, will lieber nichts gesehen haben und macht sich durch solche Schwäche zum Mitschuldigen. Es müßte doch wunderbar zugehen, wenn alle gesitteten Leute einer Großstadt unfähig sein sollten, eine solche öffentliche Schmach auszurotten! Aber man begnügt sich bestenfalls mit einer Anzeige bei der Polizei und hat davon – wie ich selbst immer wieder durchmache – tatsächlich viel Schererei. Dazu kommt, daß der bedrohte Kutscher natürlich saugrob wird – denn er lebt noch immer des Wahns, Pferdeschinden wäre sein gutes Kutscherrecht –, das gibt dann noch Beleidigungsklagen und weitere Umständlichkeiten.

Warum ist es denn bei anderen gesitteten Völkern möglich, das Übel abzustellen? So in England, wo ich nie eine Pferdeschinderei gesehen habe? Dort würde eben nicht nur ein Mann, sondern gleich 20, 30, 40 Mann dem Kutscher sofort ihre geballten Fäuste (mit und ohne Glaçé) unter die Nase halten, so daß ihm auch das Schimpfen gleich vergehen sollte. Ein stolzes, gesittetes, selbstherrliches Volk! – Wir werden natürlich auf die Polizei verwiesen, wie Quartaner, die dem Herrn Ordinarius Anzeige zu machen haben. Und diese Polizei? Man betritt mit entblößten Haupte das Wachtzimmer, bietet artig seinen »Schönen guten Morgen« und beginnt schüchtern seinen Vortrag: »Ich wollte mir gestatten, Ihnen usw. … wollen Sie so freundlich sein« usw. … Keiner von den blauen Bären erhebt sich vom Sitze, über die Achsel hin wird man mit kritischem Blicke betrachtet und dann kommt, nachdem anderes Wichtigeres seine gemütliche amtliche Erledigung erfahren, auch der unbequeme Gast zu Verhör.

Dabei haben die Behörden selbst die Bürgerschaft öffentlich zur Mithilfe im Kampfe gegen ein Übel aufgerufen, dessen sie eingestandenermaßen selbst nicht Herr werden. Ein Recht zur Klage haben wir Deutsche deshalb nicht, weil jedes Volk die Polizei, die Kutscher, die Pferdeschinderei hat, die es verdient. Man kann daran – nicht etwa deutsche Gemütsrohheit – wohl aber deutsche Untertanenschwäche studieren.

Wer kennt nicht Prof. Rudolf von Jerings tapferes Schriftchen »Der Kampf ums Recht«? Für mich bedeutete es eine Entwicklungsstufe in meinem Leben. Es lehrte mich, daß jeder berufen ist, Mitstreiter für das Recht zu sein. Die meisten gebildeten Deutschen drücken sich heute von dieser Pflicht. Diese Drückebergerei, das Nichtsehenwollen, das Ablehnen von jeder Verantwortung, der Mangel an Sozialgefühl, an anderen als rein selbstischen Wünschen, das sind unzweifelhaft Anzeichen der Décadence. Dabei bückt sich die bürgerliche Ehrbarkeit bis tief zum Boden und der Korrekte erfleht sich den kirchlichen Segen für seine armselige Tugendhaftigkeit.