Wann endlich wird sich das deutsche Volk ermannen? Friedrich Hebbel, einer der Mannhaftesten, den je die Erde trug, litt sein Leben lang an der deutschen Demut und Unmännlichkeit. »Das Volk wird nicht bloß geschunden, es ist dahin gebracht, daß es sich selbst schinden muß« (Tagebuch, 12. Febr. 1841); »Ich weiß im Ernst nicht«, schrieb er am 25. Sept. 1840, »wer eher geköpft zu werden verdient: der, welcher bei Shakespeare kalt bleibt, oder der leidenschaftliche Mörder. Aber das Nichts gilt für den Inbegriff aller Tugenden«: – »Die Menschen haben viele absonderliche Tugenden erfunden, aber die absonderlichste von allen ist die Bescheidenheit. Das Nichts glaubt dadurch etwas zu werden, daß es bekennt: ich bin Nichts« (ebenda 19. Okt. 1843). »Er nahm einen Fußtritt hin, aber er mußte von einem gewichsten Stiefel apliziert werden« (13. Okt. 1840).
Man liest jetzt oft Vergleiche zwischen unseren Tagen und der Zeit von Jena und Auerstedt. Ich halte den Vergleich für falsch. Nein, wir leben in einer neuen Metternich-Periode, wieder ist nach glänzender Waffentat dem guten, opferfreudigen Volke sein Lohn ausgeblieben, wieder haben wie damals Hierarchie, Staatsanwälte, Polizei und die ganze schwerlastende Bureaukratie auf den Lebensfrühling ihre Nachtfröste gesandt, wieder dieselbe Entmündigung, Abrichterei, Gängelung und Frommacherei des Volkes, das endlich doch der Kinderstube entwachsen sein dürfte.
Aus der Ära Metternich errettete uns die Revolution von 1848. Wenn nicht Umkehr in der öffentlichen Politik eintritt, scheint mir eine ähnliche Katastrophe nicht ausgeschlossen. Die Mißstimmung wächst von unten auf immer bedrohlicher und ergreift schon Kreise, die noch vor wenigen Jahren bei keinem Kaiserkommerse vermißt wurden.
Wir wünschen und hoffen, daß es eine rein geistige Revolution sein möge, diese aber sehnen wir herbei, weil sonst das Volk verkommt, weil wir sonst unseren Beruf versäumen, Bahnbrecher und Fackelträger der Menschheit zu sein. Den Ruhm, gehorsame Untertanen und sanfte Schafe der Kirche zu sein, gönnen wir unseren Brüdern in Rußland und Spanien. Der Kurs führt von Luther, Kant, Goethe, Schiller, Hebbel, Nietzsche, de Lagarde, Bismarck auf den Bahnen der Aufklärung zu einer germanischen Gesittung und Kultur. Der Weg nach Rom ist eine Umkehr ins dunkelste Mittelalter. Dort ist keine Kultur zu holen, sondern nur ein cäsarisches Imperium und geistige Entmündigung – ein Cäsareopapismus nach russischem Muster.
Im Jahre 1816 sang Ludwig Uhland ein Lied, das heute im Jahre 1906 nicht weniger Gehör verdient, jedermann kennt es, aber wenigen ist es noch tief ins Herz geschrieben. Wir stehen vor der Gedächtnisfeier von Jena. Da ist es gut, sich auch daran zu erinnern, was auf Jena und Leipzig folgte:
Am 18. Oktober 1816.
1. Wenn heut' ein Geist herniederstiege,
Zugleich ein Sänger und ein Held,
Ein solcher, der im heil'gen Kriege
Gefallen auf dem Siegesfeld,
Der sänge wohl auf deutscher Erde
Ein scharfes Lied, wie Schwertesstreich,
Nicht so, wie ich es künden werde,
Nein! himmelskräftig, donnergleich.
2. Man sprach einmal von Festgeläute,
Man sprach von einem Feuermeer,
Doch was das große Fest bedeute,
Weiß es denn jetzt noch irgendwer?
Wohl müssen Geister niedersteigen,
Von heil'gem Eifer aufgeregt,
Und ihre Wundenmale zeigen,
Daß ihr darein die Finger legt.
3. Ihr Fürsten seid zuerst befraget:
Vergaßt ihr jenen Tag der Schlacht,
An dem ihr auf den Knien laget
Und huldigtet der höhern Macht?
Wenn eure Schmach die Völker lösten,
Wenn ihre Treue sich erprobt,
So ist's an euch, nicht zu vertrösten,
Zu leisten jetzt, was ihr gelobt.