Wie jede Sache, so hat auch das deutsche Mannesideal seine geschichtliche Entwicklung. Ohne deren Kenntnis lernt man auch die Gegenwart nicht verstehen. Wenn wir uns also von unseren Vorfahren auch nicht belehren lassen wollen, so wollen wir sie und damit uns selbst doch kennen lernen. Denn unser ganzes Sein und Denken ist aufgebaut auf ererbte Zustände und Anschauungen. Es ist kein durchaus erfreuliches Erbe, das wir antreten mußten: Deutschland war ein viel geplagtes, dürftiges Land. Es galt von ihm, was Herodot von dem athenischen Staate sagt: »Die Armut war ihm Amme.«

Armut, sagt man, stählt die Lebenskräfte, Armut drückt sie aber auch nieder und läßt eine freie Mannesgesinnung nicht leicht aufkommen. Die Armen leben meist in knechtischer Abhängigkeit. Da gilt das alte homerische Wort: »Der Tag der Knechtschaft nehmen dem Manne seinen halben Wert.«

In seinem Aufsatze »Der Deutsche der Zukunft« sagt Prof. A. Lichtwark ganz in diesem Sinne: »Aus den Jahrhunderten der Armut und Beschränktheit, der Hörigkeit und Knechtschaft nach innen und außen haften dem Wesen des Deutschen so viele beklagenswerte Züge an, daß wir als politisch und wirtschaftlich voran gekommenes Geschlecht mit Ruhe und Entschlossenheit nicht nur an die erbarmungslose Ausrottung alter Fehler, sondern vor allen an die Entwicklung alter zurückgebliebenen edlen Kräfte zu gehen haben.«

Um das also zu können, bedürfen wir einer Rückschau und einer Einkehr in unsrer eignen Natur.

Von den alten Germanen wissen wir zu wenig Verläßliches. Wir wollen uns auch in so ferne und so dunkle Gegenden lieber nicht verlieren. Es ist gar zu schwer, entschwundene Zeiten zu verstehen, je ferner sie liegen, um so schwerer, um so weniger verlohnt es auch, an sie anzuknüpfen. Bei Wodan und Freia werden wir doch nicht wieder warm. Jene alte Welt hat uns Rom ein für allemal so zertrümmert und so entrückt, daß keine Brücke uns dorthin zurückführen, kein Gedenken uns je dort wieder heimisch machen kann.

Im Mittelalter – um damit zu beginnen – hatte man ein Bildungsideal verkörpert, das vorbildlich erziehliche Kraft hat. Freilich blieb es beschränkt auf den Ritterstand.

Hier sind die edelsten Mannestugenden vereint, noch bereichert, geadelt und gemildert durch den Einfluß des Christentums. Mit der himmlischen Liebe allein wollten aber die lebensfrohen Ritter sich nicht zufrieden geben, und die besten unter ihnen wurden den Zwiespalt ihrer Seele nie los, so oft sie sich auch die bange Frage vorlegten, wie man drei Dinge erwürbe, nämlich Vermögen, Ehre und Gottes Huld, ohne daß eines davon verdürbe. Vielleicht ist die Höhe echt männlicher und dabei menschlicher Bildung nie wieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden, wie sie in den besten Vertretern der christlichen Ritterorden verkörpert war. Noch heute empfinden wir den Zauber, der in dem Begriffe echter Ritterlichkeit liegt. Uns tritt dabei vor die Seele das Bild der stattlichen, im Waffenschmuck erglänzenden, körperlich durchgebildeten, in allen Künsten des Kriegshandwerkes, im Jagen, Reiten, Fechten und Schießen gewandten Männer, die ihre rüstige Kraft begeistert in den Dienst der Schwachen stellten, das Gelübde ablegten, ehrbar zu leben, Treue zu pflegen, mildtätig zu sein, Witwen und Waisen zu schützen, jedem Unrecht entgegenzutreten und dabei stets in Haltung und Ton vornehm und bescheiden zu bleiben. Wenn diese Männer zugleich den Frauen in anmutigen Formen huldigten und ihre Feste mit Gesang und Saitenspiel, mit ungekünsteltem Frohsinn würzten, dann muß da wirklich eine Blüte des Mannestums ins Leben getreten sein, mit der wir uns nicht ohne beschämende Sehnsucht beschäftigen können.

Mit Wissenschaft befaßten sich diese Männer freilich nicht. Es war schon viel, wenn einer schreiben und lesen konnte. Aber deshalb waren sie doch nicht ungebildet. Ihre Kenntnisse von Ländern und Leuten erritten sie sich auf ihren endlosen Zügen in Freundes- und Feindesland. Die Welt war damals noch eng. Schon der alte Hildebrandt rühmt sich seiner Weitgereistheit und seiner Menschenkenntnis. Ebenso Walther von der Vogelweide. Diese Männer waren gut vertraut mit dem Boden, auf dem sie wirkten und mit den Sitten, Sprachen und Anschauungen der Völker, mit denen sie verkehrten. Ich glaube nicht, daß sie uns den Eindruck der Unbildung machen würden, wenn es möglich wäre, plötzlich einmal in ihre Mitte einzutreten. Man lese nur Walthers Gedichte, um sich mit dem tiefen sittlichen Gehalte und mit dem Umfange ihrer geistigen Interessen bekannt zu machen.

Jedenfalls hatte der junge Adlige sein klar umschriebenes Mannesideal vor Augen und wußte, wohin er zu streben und zu wachsen habe. Der junge Parzival hielt die ersten erzgepanzerten Ritter, die er sah, für Götter. Wie Götter erschienen sie wohl jedem Kinde. Wenn man ihm dann sagte, es könne durch rechte Zucht auch einmal so ein stolzes Wesen werden, dann war dem Leben Ziel und Weg gewiesen.

Deutsche Männer nennt Walther »wolgezogen« und »teutsche zucht«, sagt er, »gat vor in allem«.