Das ritterliche Mannesideal und die ritterliche Zucht blieb selbst in der besten Zeit auf den Stand der Ritter beschränkt. Bürgern und gar Bauern kam es nicht in den Sinn, ein gleiches zu erstreben, auch waren sie durch die Standesschranken davon ausgeschlossen. In den Kreisen der Ritterschaft hielten sich noch die äußeren gesellschaftlichen Formen und das Bewußtsein, durch eine Ahnenreihe den Wert und Adel ererbt zu haben. Der bloße Name genügte, einem ganzen Leben erhöhte Ansprüche und ein gesteigertes Selbstbewußtsein zu geben. Wo innerer Wert fehlte, da mußte oft der Schein aushelfen. Mit der edleren ritterlichen Kultur sank aber und verblaßte auch das edle Mannesideal.
Man beachte nur, welche Sinneswandlungen der Begriff der höfischen Zucht erfahren hat! Aus höfisch wurde im Laufe der Jahrhunderte »höflich« und »hübsch«. Wie eng umgrenzt, wie wenig einem vollen Manneswert angepaßt ist dieses »höflich«, das allein auf die gefällige äußere Form geht und einem Lakaien oder einer jungen Magd ebensogut ansteht wie einem freien Manne! »Hübsch« aber ist noch engeren Umfanges und schon auf die bloße äußere gefällige Erscheinung beschränkt. Nur in dem sächsischen Dialekt bezeichnet man als hübsch einen Menschen von angenehmen gesellschaftlichen Formen. Die Sachsen pflegen sehr mit Unrecht belächelt zu werden, wenn sie in diesem Sinne sagen: »S'is e hibscher Mann«. Sie haben sich damit gerade die gute alte Bedeutung treu bewahrt, die wir anderen Deutschen fallen ließen.
Kein Vater sagt aber heute seinem Sohne mit der vollen Überzeugung, ihm das Beste zu geben: »Mein Sohn, werde ein hübscher Mann – oder ein höflicher Mann!« Dem Worte Zucht ist es nicht viel besser ergangen: Es ist auch heruntergekommen. Zucht kommt von ziehen. Es bedeutet also emporziehen, aufziehen, wie man junge Pflanzen, junges Vieh aufzieht. Das geschieht mehr durch Pflege, als durch Gewalt. Mit der Zeit aber gewann der gewalttätige Teil der Bedeutung die Oberhand. Das mag durch die militärische Praxis gekommen sein. Preußen hat daran gewiß seinen guten Anteil. »Straffe Zucht« war das Ziel, dem der Vorgesetzte zustrebte. Das hat mit guten gesellschaftlichen Formen und mit ritterlicher Gesinnung nur noch wenig gemein. Man nennt jetzt Zucht und Disziplin zumeist in einem Atem. Das Wesentliche ist der blinde Gehorsam. Die Rute wurde zur Zuchtrute, das Verbesserungshaus zum Zuchthaus. Heute denkt man kaum noch daran, daß jemand im Zuchthause »erzogen« werden soll. Es ist ausschließlich Strafhaus geworden. Wir wollen deshalb auch auf unsere Kinder Wort und Wesen der »Zucht« ohne Einschränkung nicht anwenden. Das wäre uns zu hart und zu lieblos. Nur im Ausnahmefalle, wenn alle anderen Mittel erschöpft sind, tritt die Züchtigung ein. Dabei sind heute schon Eltern recht zweifelhaft, ob man durch Züchtigungen die Entwicklung edler Männlichkeit fördere. Sie meinen im Gegenteil vielfach mit Walther von der Vogelweide: »Niemand kann mit Gerten Kinderzucht erhärten.«
Ein einheitliches Mannesideal war deshalb der deutschen Jugend nicht beschieden, weil Deutschland keine selbständige einheitliche Kultur hatte.
Die Erziehung lag zumeist in den Händen der Geistlichkeit. Die »Geschorenen« waren aber dem Volke nie ganz geheuer. Man gab sich ihnen weniger aus Überzeugung hin als geblendet vom äußeren Glanze, von den unerschöpflichen Gunst- und Gnadenmitteln, von den lockenden Verheißungen und auch von äußerem Zwange bestimmt. Die großartige Organisation der römischen Kirche war natürlich mächtiger als das bürgerliche und kleinstaatliche Leben der Deutschen, die der fremden Kultur lange nichts Gleichwertiges entgegenstellen konnten. Der Geistliche hatte seinen Wert und seine Weihe durch sein Amt, er berief sich auf die höchsten Autoritäten im Himmel und auf Erden. Wer wollte dagegen an? Versuchte man es, so gab es jedesmal einen Kampf auf Leben und Tod. Kirchenbann, oft auch Reichsacht, Krieg und Verdammnis drohten dem Abtrünnigen. Fromme Mütter, nicht aber die Knaben selbst, sahen in glaubensstarken und glaubenseifrigen Priestern nachahmenswerte Vorbilder. Dem echten deutschen Burschen war es allzeit wohler im Wams als in der Kutte und die himmlische Liebe allein genügte auch ihm nicht.
Als Männer aufstanden, die den Kampf gegen die Geschorenen wagten, fanden sie eine begeisterte Jugend hinter sich. Wir lesen kein Sterbenswörtchen, daß Walther in Deutschland zu leiden gehabt hätte, weil er den Pfaffen Lug und Trug vorwarf, die Päpste wegen ihrer Untreue und Doppelzüngigkeit schmähte und Gott selbst zu Hilfe rief gegen das Treiben des zu jungen Papstes.
Nicht Frömmigkeit, sondern Tugend ist es, wonach der deutsche Bürger trachtete. Als das Rittertum zu Grabe gegangen war, da lebte diese bürgerliche Tugend und Tüchtigkeit so kräftig auf, daß sie den offenen Kampf gegen die fremden Lehrmeister wagen durfte. Das neue deutsche Mannesideal hat sich nicht nach den Lehrsätzen der römischen Kirche, sondern im Kampfe gegen diese herausgebildet.
Nicht auf Adelsbriefen und einer langen Ahnenreihe und nicht auf dem geweihten Amte, sondern allein auf seiner Kraft und Tüchtigkeit beruht der Wert des Bürgersmanns. Nur wer etwas taugt, hat Tugend, ist zu brauchen, genießt Achtung und bringt es zu etwas.
Aus diesen Regionen der harten Arbeiter stammen auch all die Männer des XVI. Jahrhunderts, die allein uns heut noch etwas zu sagen haben: Holbein, Dürer, Hans Sachs: harte Arbeiter, Männer der Tat, Bürger von echtem Bürger- und Handwerkerstolze. Die Kraft dieses Geschlechts lag in ihrer inneren Wahrhaftigkeit. Bei ihnen deckte sich Sein und Schein. Sie wollten nichts anderes sein, als Meister auf ihrem Arbeitsfelde und gaben ihren Wert sich selbst.
Goethe, selbst gewiß ein Aufrechter, gewillt, sich seine »Geradheit« stets ungebrochen zu erhalten, fand an jenen Männern ein herzliches Wohlgefallen: