»Ihr festes Leben und Männlichkeit,
Ihre innere Kraft und Ständigkeit«
hatten es ihm angetan. Wie aus Eichenholz geschnitzt sind ihre Charakterköpfe, und ebenso fest und sicher war ihre Lebensführung: ein Siegeszug, der über alle Mühsale und Fährlichkeiten des Lebens hinweggeht, wie der Ritter, den Dürer bildete, zwischen Tod und Teufel ohne Bangen und Zagen, Zögern und Klagen, fürbaß reitet. Ihre Bahn ist nicht durch Blut und Vernichtung bezeichnet, nein, wohin ihr Fuß trat, wo ihre Hand zufaßte, da blühte es auf, da erstanden Denkmäler der Kraft, Gesundheit und Schönheit. In ihrem Wesen ist nichts Erborgtes und Unechtes, nichts Verträumtes und Gekünsteltes.
Diese Männer stellten ihre Kraft wohl auch in den Dienst der Großen in Staat und Kirche, aber sie wurden nie Hofmaler, verkauften ihre Arbeiten, nicht aber sich selbst. Sie blieben sich in ihrer Kunst treu, schlicht und wahr, selbst wenn sie Kaiser malten. Nie gewahren wir einen Pinselstrich, der uns wie Phrase, wie eine servile Huldigung, wie eine Selbsterniedrigung anmutet. Wie die Großen der Erde zu diesen Größeren des Geistes standen, dies veranschaulicht die Szene, als Kaiser Maximilian dem Dürer seinen niedergefallenen Pinsel aufhob.
Von gleichem Schrot und Korn wie jene Meister der Kunst war auch Luther, der bürgerliche Prediger, dessen Verdienst darin bestand, daß er den Glauben zu einer mehr bürgerlichen Angelegenheit und damit die Kirche entbehrlicher machte. Wenn wir lesen, wie viele Männer damals ihm anhingen und für ihre Überzeugung ins Exil gegangen sind, wie viele für ihren Glauben gekämpft und gelitten haben, dann ergreift uns Bewunderung und Staunen. Luthers Wort: »Hier steh' ich, ich kann nicht anders«, betrachten wir als die größte Mannestat des ganzen Mittelalters. Daß es ein Germane sprach, das eröffnete den Kampf und Siegeszug der blonden Rassen gegen die dunklen. Damit setzt die geistige Befreiung der nordischen Staaten ein. An diesem Lutherworte haben sich seitdem Millionen germanischer Männer und Frauen aufgerichtet, dieses Wort wurde ihnen auch zum Leitmotiv ihrer Erziehung. »Werde ein Mann wie Luther!« Das versteht auch ein Kind. Das heißt: werde ein Mann, der seine Überzeugung gegen eine Welt von Widerständen behauptet. Das Trutzlied: »Ein' feste Burg ist unser Gott«, darin die gewaltigen Worte: »Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr', Kind und Weib: Laß fahren dahin! Sie haben's kein'n Gewinn: Das Reich muß uns doch bleiben«, enthalten ein vollständiges Erziehungsprogramm und können einem ganzen Volke Kraft und Halt geben.
Und woher schöpften jene Männer diese unverwüstliche Kraft? Aus der Wahrhaftigkeit ihres Wesens. Sie holten sich ihre Lebensgesetze nicht aus der Fremde, suchten die Schönheit nicht in Hellas und Rom, die Wahrheit nicht in der Kurie oder bei den Schriftgelehrten, sondern suchten und fanden sie in der Natur und in ihrer eigenen Brust. So schufen sie in ihrer großartig schlichten Natürlichkeit einen germanischen Glauben und eine deutsche Kunst, eine Heimatkunst. Und weil alles so ehrlich, schlicht und wahr, so gesund und selbstverständlich ist, deshalb bleibt es ewig jung und wirkt es auch so unwiderstehlich. Da findet man die Behauptung bestätigt, daß der Deutsche nur sich selbst treu zu bleiben braucht, um mannhaft zu sein. So wie er aber mehr oder etwas anderes sein will, als wozu ihn seine Natur bestimmt hat, wird er unsicher und kraftlos. Alle Wanderungen in fremdes Geistesland, zu denen es uns allezeit verleitet hat, sind auf Kosten der deutschen Mannhaftigkeit gemacht worden. Wir kommen davon wie Seeräuber mit reicher Beute beladen heim, aber wie mit einem inneren Knacks, da wir wohl das fremde Klima nicht vertragen konnten. Selbst wenn wir Bürgersleute uns nur in die »höhere« Gesellschaft unseres eigenen Volkstums begaben, bekam uns das jedesmal schlecht. Wir wissen uns da nicht zu benehmen, werden unsicher und unwahr, entweder demütig und verlegen oder protzenhaft und prahlerisch.
Nicht mit der Flinte oder mit dem Ruder haben diese Männer ihre Mannhaftigkeit betätigt, sie haben viel Höheres und Größeres geleistet. Sie haben den Kampf gegen eine Welt von sichtbaren und unsichtbaren Feinden aufgenommen, gegen die Hölle und den Himmel, gegen Kaiser und Papst. Als Luther in den Saal zu Worms eintrat, wo ein Kranz von Würdenträgern der Kirche und des Reiches über ihn richten sollte, da sagte zu dem »Pfäfflein« der Kais. Feldhauptmann Frundsberg mit Recht, daß er einen schwereren Gang mache, als er und sonst ein Ritter je gemacht habe. Da sah die staunende Welt einmal wieder, was ein Mann ist. Gegen eine Schanze anstürmen, einen Seesturm bestehen, das war dem harten Geschlechte des XVI. Jahrhunderts nichts Bewunderungswürdiges mehr. Mut im Felde und auf den Wogen setzte man bei jedem schlichten Bauernburschen und bei dem jüngsten Seemann voraus. Was Luther tat, war etwas viel Größeres, etwas Unerhörtes an Wagemut und Mannhaftigkeit. Nicht Gehorsam vor irgendeinem Machthaber, nicht Unterwürfigkeit unter eine Kirche, die jeden Dienst mit reichstem Lohne vergelten konnte, sondern Trotz allen anerkannten Mächten, Schutz und Lohn allein in der eigenen Brust. So lebte Luther seinem Volke den Mann der unbeugsamen Überzeugung vor, der seinem Gewissen folgt – »und wenn die Welt voll Teufel wär«.
Im konfessionellen Hader und unter der einseitigen Ausbeutung durch herrschsüchtige Geistliche erfuhr aber auch dieses Ideal bald seine Trübungen. In rein germanisch-protestantischen Ländern, wie in Schweden, scheint es sich länger erhalten zu haben. Schiller hat im Wallenstein den Typus des glaubensstarken ritterlichen Protestanten in der Gestalt des schwedischen Oberst Wrangel festgehalten.
Zu ihm spricht Wallenstein die ehrenden Worte:
– – »Er urteilt wie ein Schwed und wie
Ein Protestant. Ihr Lutherischen fechtet
Für eure Bibel, euch ist's um die Sach';
Mit eurem Herzen folgt ihr eurer Fahne. –
Wer zu dem Feinde läuft von euch, der hat
Mit zweien Herrn zugleich den Bund gebrochen.
Von all dem ist die Rede nicht bei uns.«
Worauf dann der erstaunte Ausruf Wrangels: