»Herr Gott im Himmel! Hat man hierzulande
Denn keine Heimat, keinen Herd und Kirche?«
In Deutschland, selbst im protestantischen, verlernte man bald in den Wirren des unglückseligen Dreißigjährigen Krieges die Hingabe für seine religiöse Überzeugung, weil die Fürsten mit der Gesinnung ihrer Männer elenden Schacher treibend, eigenmächtig über das Glaubensbekenntnis ihrer Untertanen nach dem Grundsatze: cuius regio eius religio entschieden; weil die Fürsten aus Interessenpolitik ganz nach äußerem Bedarf ihren Glauben wechselten und dann getreue Gefolgschaft ihrer Charakterlosigkeit von dem Volke forderten.
Heute noch wechseln auch protestantische fürstliche Damen, um zu heiraten, ihren Glauben je nach Bedarf und erschüttern durch dieses Beispiel fort und fort das Erziehungsideal lutherischer Gesinnungstreue in ihrem Volke, dem sie Vorbild und Erzieher zu sein den an sich berechtigten Ehrgeiz haben.
Es kommt hinzu, daß sich im Laufe der Jahrhunderte der Inhalt der lutherischen Überzeugungen für Unzählige verflüchtigt hat. Man ehrt diese Überzeugungen noch, teilt sie aber nicht mehr. An überlebten Idealen aber kann man ein Volk, zumal die Jugend nicht aufrichten. Gedanken und Ziele müssen werbende und hinreißende Kraft haben, wenn wir dafür die Jugend begeistern wollen, wenn diese sich mit Leib und Seele in ihren Dienst stellen soll. Gerade sie verlangt das, denn sie folgt mehr der Stimmung als der Überlegung. Was schert sie aber heute, ob z. B. Luther oder Zwingli in der Abendmahlslehre recht hatten? Wer die Probe darauf machen will, wie tief oder wie flach diese und verwandte theologische Streitfragen in der Volksseele wohnen, der versuche einmal einen Kongreß über ein solches Thema zustande zu bringen, einen Kongreß deutscher Männer, Frauen, Jünglinge und Jungfrauen! Ich zweifle an irgendeinem Erfolge. Und dabei bearbeiten die Geistlichen beider Konfessionen unser Volk von der Wiege bis zur Bahre mit allen diesen religiösen Fragen, als ob von ihnen alles Wohl und Wehe in Zeit und Ewigkeit abhinge.
Nicht Luthers Persönlichkeit also, aber die lutherische Lehre und der lutherische Katechismus haben abgewirtschaftet und damit sein Erziehungsideal.
Wir brauchen nur an den Katechismus zu denken, um sofort von einem Grausen überfallen zu werden vor all dem widerlichen pfäffischen Gezänke, vor all der blutrünstigen, düstern und so unsagbar elenden Wirtschaft, die uns daraus in Staat, Schule und Haus erwachsen sind.
Wir werden später der Frage nicht ausweichen können, wie weit heute die Geistlichkeit noch ihren Beruf als Erzieher zur Mannhaftigkeit erfüllt.
Daß viele Nachfolger Luthers jahrhundertelang als leuchtende Vorbilder ihrer Gemeinde in diesem Sinne gewirkt haben, ist eine historisch anerkannte, unerschütterliche Tatsache. Das deutsche Pastorenhaus in Ehren! Ein wahrer Strom des Segens hat sich von ihm auf unser Volk ergossen. Es ist die Wiege zahlloser führender Männer auf allen Gebieten unseres Kulturlebens geworden – eine wahre Heldenschule für geistige Kämpfer gewesen. Wenn es heute nicht mehr so ist, so liegt die Schuld außer an der Geistlichkeit selbst auch an der völligen Neugestaltung des Geisteslebens, die unsere Kirche ihrer bestimmenden, führenden Macht beraubt hat. Nicht am wenigsten sind es die bösen Lehrer, die ihr diese Wunden geschlagen haben – mehr aus Notwehr als aus Frevelmut.
Die traurigste Zeit der deutschen Geschichte, die zwischen dem Westfälischen Frieden und den Befreiungskriegen liegt, ist eine Schule der Gesinnungsschwäche und aller Lakaientugenden gewesen. Fürsten von Gottes Gnaden in unabsehbarer Menge forderten sklavischen Gehorsam und hielten sich ein Heer von Hofbeamten, Eunuchen der Gesinnung, die wie abgerichtete Hunde nach den Launen Serenissimi spähten und sich zu jedem niedrigsten Dienst hergaben. Der aufrechte Mann hatte damals einen schweren Stand. Französischer Einfluß tat das übrige zur Ertötung jeder männlichen Haltung und Gesinnung. Die Trachten jener Zeit spiegelten ihren sittlichen Tiefstand. Die Männer mit ihren Perücken, Wadenstrümpfen, kleinen Schuhen, ihren gestickten Westen und spitzen Zierdegen suchten in allem französisch à la mode zu sein: elegant, geschmeidig, geistreich, witzend, gesinnungslos. Erziehungsideal selbst der männlichen Jugend war die politesse. Französisch parlieren, die Damen als verliebter Täuberich umgirren, auf der Gitarre klingeln, sentimentale Verslein schmieden. Der Galante stand in höherem Ansehen als der Mannhafte. Kichern statt frohen Lachens, nippen statt herzhaft essen und trinken, stets mit gekrümmtem Rücken ja sagen, nie einmal mannhaft aufrecht stehend auch mit einem offenen Nein trotzen. Daß Männer solcher Sitten keine Bärte tragen, das paßt ganz zum Bilde: Kastraten, Lakeien und allem unmännlichen Volke kommt diese Manneszier nicht zu. Man muß sich nur Gemälde jener Zeit betrachten. Auf den Städtebildern fehlt fast nie die stattliche Hofkarosse mit bunten Lakeien hinten auf dem Tritte, auf der Straße die Bürger, die Hüte und Nacken bis zum Boden niederbeugen. Man muß die Huldigungsgedichte lesen, mit denen das Geburtstagsfest Serenissimi oder die glückliche Niederkunft der Landesmutter gefeiert wurde, muß die Widmungen gelehrter Bücher sehen, mit denen, in tiefster Demut ersterbend, selbst die größten Geister jener Zeit ihre Geistesgaben als gehorsamste Diener ihrem Herrn zu Füßen legen zu dürfen submissest und untertänigst bitten und muß den ganzen Schnörkelkram des höfischen Zeremoniells einmal betrachtet haben, mit dem sich diese Halbgötter auf deutschen Fürstenthronen umgaben. Vieles davon lebt noch heute nach, so der häßliche Gruß »Gehorsamster Diener!« und der Unfug, der mit den Titulaturen und Wohlgeboren, Hochwohlgeboren etc. getrieben wird.