»Welche Nation in Europa«, so fragte schon Herder, »hat sich die Anrede der Menschen und Stände aneinander erschwert und verkünstelt wie die deutsche? Nicht nur die langweilig abgeschmackten Titulaturen, mit denen wir ein Spott aller Nationen sind und deren wir dennoch nicht entraten mögen, sondern der ganze Bau unserer öffentlichen Anreden, Zuschriften, Verhandlungen usf. zwingen uns in Knechtsfesseln zu sinnlos heuchelnden Knechtsgebärden. Unsere demütigen Bittschriften und die gnädigen oder allergnädigsten Resolutionen darauf, wer kann sie ohne Lachen, ohne Verdruß und Scham lesen? Und die förmlichen Oppositionen unserer Rechts- und Staatssachen, die Devotion, mit der wir verharren und ersterben, die krausen Züge, die dabei gemalt, die Papierballen, die Menschenleben, die mit und zu dieser unseligen deutschen Kunst verschwendet werden, die kopflose Steifheit, der Formelstolz, die pedantische Grobheit und Seelenschläferei, die daher ganzen Ständen, Kollegien und Ämtern zur zweiten Natur werden, wer kann und darf diesen Wust ausfegen? Und doch ist der gerade Vortrag der Wahrheit so auffallend leichter und lichter, indes die Verkünstelung und Verwirrung so viel Zeit, Mühe, Geld und Papier kostet! Länder, Stände, Städte, Menschen leiden unter dieser langweilig-hochpeinlichen Verkreiselung; wer kann und mag sie ändern? Im gesellschaftlichen Umgange sogar ist jemanden bei seinen Namen zu nennen, Schimpf; Titel und Würden bei Männern und Weibern dürfen allein genannt werden; dem Ohr wie dem Auge wollen wir nur in der Livree erscheinen. Wie leicht haben sich andre Nationen dies alte Joch gemacht oder es gar abgeworfen; der Deutsche trägt's geduldig.
Kriechende Gefälligkeit, ein solches Loben, wo nichts zu loben ist, sinnlose Titulatur- und Bücklingsschmeicheleien, die alle gerade Anrede der Menschen und Stände gegeneinander aufheben, die Kanzleien ermüden und den Geschäftsstil nicht nur, sondern oft die gesunde Vernunft verderben, jene süßliche Hingabe, die man (man verzeihe der niedrigsten Sache einen niedrigen Ausdruck) kaum anders als deutsche Hundsfötterei nennen könnte, legen uns treu-devotest zu Füßen der Majestät Dullneß. Die meisten Nationen Europas haben sich diesen Wortpraß erleichtert oder ihn weggeworfen, weil er die Larve knechtischer Falschheit, den Charakter einer Nation abstumpft, jedem Vortrage seine Richtung und Schärfe nimmt, und die ganze Rede in ein »Um den Brei gehn« verwandelt, zu dem wir Deutschen am wenigsten gemacht sind. Und eben wir Deutsche tanzen nicht nur noch in diesem spanischen Mantel, sondern unsre Formularisten setzen in diesen Tanz sogar alle Kunst ihres Geschäftes, so daß sie vor lauter falschen Umschreibungen und Titularbrücken zur Sache, zur Person und Geschäft nicht kommen mögen.«
Dazu damals ewige Kriegswirren, unerschwingliche Steuern für Bestreitung monarchischer Großmannssucht, dazu ferner die Enge des ganzen bürgerlichen und zünftigen Lebens, der Klatsch und die philisterhafte Überwachung jeder Lebensführung, die strenge Zensur jeder geistigen Regung, die Umständlichkeit des Verkehres, all die Schikanen durch Paß-, Zoll- und Grenzzwang. Daß in einer solchen Stickluft aufrechte Männer nur selten gedeihen wollten – wen kann das noch wundern? Man muß sich dieses Bild nur recht anschaulich machen, um die ragenden Größen des Preußen Friedrichs und die geistigen Taten der Männer wie Lessing, Herder, Goethe und Schiller gerecht würdigen zu lernen. Ohne den befreienden Lufthauch, der aus England und Frankreich herüberwehte, wären diese Erscheinungen fast unerklärlich. Auch das alte Griechenland, das Winckelmann entdeckte, half uns aus tiefer Not erlösen. Damals war es wirklich eine Errettung, daß es unserem Volke zeigte, wie gesunde und unverbildete Menschen einstmal gelebt haben und glücklich gewesen sind.
Die Sucht nach dem Fremdländischen scheint dem Deutschen im Blute zu liegen. Immer wieder muß ein Reformator erscheinen, der das mühsam eingepflanzte Fremde mit verdoppelter Mühe wieder ausgräbt. Gegen das französische Unkraut kämpfte zuerst und am rücksichtslosesten der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., nach langer Zeit der erste wieder echt deutsch empfindende und handelnde deutsche Fürst. Er hat bekanntlich bei seinem Regierungsantritte als ein junger Mann von 25 Jahren sofort allen kostbaren Prunk der Festlichkeiten, alles leere Gepränge des höfischen Zeremoniells bis auf das Notwendigste beschränkt und ein sehr gesundes Erziehungsprogramm für seinen Sohn aufgestellt mit dem Zwecke: Schaffensfreudigkeit, Kraft, Gesundheit, Sittlichkeit, Zufriedenheit zu erzielen. Deshalb drang er in der Erziehung auf Wahrhaftigkeit, Fleiß, Treue, Sparsamkeit, Einfachheit der Lebensführung, Gewöhnung an Ordnung, Gehorsam und an nützliche Beschäftigung. Auf den blendenden Schimmer einer hoch gesteigerten Schulweisheit gab er nichts. Er ist recht eigentlich der Vater des preußischen Mannesideales, der Schöpfer des preußischen Staates, der sich Schritt für Schritt die Vorherrschaft in Deutschland errungen hat. Seine hohe erziehliche Wirksamkeit erkannte selbst sein oft von ihm arg mißhandelter Sohn, der Große Friedrich, völlig an. Er sagte darüber zu seinem Freunde de Catt: »Welch ein schrecklich strenger Mensch! Aber auch wie gerecht, einsichtig und sorgsam. Sie glauben nicht, welche Ordnung er in alle Zweige der Regierung brachte! Seiner Sorge, Arbeit, Gerechtigkeit und Wirtschaftskunst verdanke ich es, daß ich das habe ausführen können, was ich ausgeführt habe.« – – Die Kraft des strengen und einseitigen Königs lag eben in dieser Einseitigkeit.
Er wagte es, einmal nichts anderes zu sein und scheinen zu wollen, als ein tüchtiger deutscher Mann. Selbst die lateinischen Studien galten ihm als Allotria. Köstliches erzählt darüber wieder sein Sohn: »Als ich noch Kind war und etwas Latein lernte, deklinierte ich eben mensa. Plötzlich trat mein Vater ins Zimmer. ›Was macht ihr da?‹ sagte er. ›Papa, ich dekliniere‹, sagte ich. ›Latein treibst du mit meinem Sohne, du Schurke!‹ Damit brachte er den Lehrer mit Stockschlägen aus dem Zimmer. Ich kroch vor Angst unter den Tisch und glaubte sicher zu sein. Aber er holte mich vor und bläute mich durch.«
Eine Illustration zu der Behauptung, daß es uns an einheitlicher Erziehungspraxis allzeit gefehlt hat: der König prügelt Lehrer und Sohn wegen des Lernens von mensa und Tausende von Kindern werden geprügelt, weil sie mensa nicht lernen wollen. Wer handelte nun wohl vernünftiger? Jedenfalls hatte der König seine klaren Grundsätze, die eine bewußte Abkehr von allem Fremden waren.
Der damals am Berliner Hofe beglaubigte französische Gesandte Graf Rottenburg berichtet darüber, der König habe gesagt: »Ein Kind, das einst in einem bestimmten Lande und in einer bestimmten Zeit herrschen soll, muß in nichts anderen als in den hierzu erforderlichen Gegenständen unterrichtet werden. Mögen Dauphins, Prinzen von Wales und Infanten die Weltgeschichte studieren und Latein lernen, mögen sie Zeit und Eifer auf die nicht leicht zu erwerbende Geschicklichkeit verwenden, sich beim ›Aufstehen‹ richtig zu benehmen: in Preußen steht der König allein auf, sobald die Reveille ertönt und geht auch ohne Zeremoniell zu Bett. Er ist nicht so reich wie die Könige von England, Frankreich und Spanien, sondern ein armer König, den das Altertum mit seinen Assyrern, Ägyptern und Römern nichts angeht.« Und nun folgen Worte, die jeder deutsche Erzieher kennen sollte. Sie sind von einer verblüffenden Wahrheit, und ihnen haben wir es in letzter Linie zu danken, daß wir wieder ein starkes, selbstbewußtes Volk geworden sind: »Herodot, Thucydides, Livius und Tacitus wissen nichts von Pommern, Jülich und Berg, auf welche die Hohenzollern Ansprüche haben. Und ihre Sprache! Kann man diese in der Armee oder in der Landwirtschaft gebrauchen? Die antike Pracht geht einen preußischen König nichts an. Denn der soll marschieren, reiten, sich um die Geschäfte kümmern, keine Perücke tragen, sondern deutsch denken und arbeiten.«[6] Zugleich wurde aber stark in Frömmigkeit gemacht.
Auch Friedrich der Große war mit der Jugenderziehung in den Lateinschulen keineswegs zufrieden. In ihnen würde nur das Gedächtnis gefüllt mit unbrauchbaren Kenntnissen, während das eigene Denken, Bildung des Urteils nicht geweckt und besonders Bildung einer mannhaften Gesinnung nicht erzielt werde. Mehr als durch Schulinstruktionen wirkte er, indem er seinen Deutschen den Mann der Tat vorlebte. Aber die gute Wirkung, die er damit als nationaler Erzieher gewonnen hatte, wurde wieder stark beeinträchtigt durch seine Hinneigung und Vorliebe für die französische Sprache und für französischen Geschmack überhaupt.
Da mußte wieder ein Lessing kommen, um auch diese Fremdpflanze auszuroden und um nun auf dem gesäuberten Boden freilich wieder eine andere noch von ferner her importierte Kultur zu pflanzen, so daß Schiller spotten konnte:
Kaum hat das kalte Fieber der Gallomanie uns verlassen,
Bricht in der Gräkomanie gar noch ein hitziges aus.