Napoleon, dem grausamen Zuchtmeister, ist es zu danken, daß die Deutschen sich wieder nach einem deutschen Mannesideal umschauten. Dichter, Philosophen, Staatsmänner legten sich die Frage vor, wie die alte germanische Tüchtigkeit wieder erweckt werden könne. Seitdem arbeiteten die Führer, Schöpfer und Sänger der Freiheitskriege an der körperlichen und sittlichen Neugeburt des im läppischen Hofgetändel, in Untertanendemut und in biedermeierischer Philisterseligkeit versunkenen Volkes. Die deutsche Jugend, lenkbar und hingebend wie stets, wenn man ihr hohe Ziele zeigt, folgte ihren Führern mit einer Begeisterung und einer Hingabe, wie sie Deutschland seit den Tagen des Arminius nicht gesehen hatte.
Hier war es zum ersten Male der Gedanke des großen deutschen Vaterlandes, der Stammes- und Blutsgemeinschaft, der dem Mannesideale neuen und tiefsten Gehalt gab. Vordem hatte kein deutscher Fürst, selbst Friedrich der Große nicht an ein deutsches einiges Volk gedacht. Sie alle trieben Lokalpatriotismus. Vordem hatte selbst der Offizier als Lehnsmann nur seinem Herrn gedient. Treue knüpfte ihn an den einen Mann, nicht an seine Landsmänner. In den Glaubenskriegen entschied eine Zeitlang die religiöse Überzeugung, während das Vaterland nichts galt. Darauf wurde die Kriegsführung ein Handwerk. Es galt nicht für ehrenrührig, seinen Kriegsherrn zu wechseln. Franzosen dienten im Heere des Großen Friedrich. Deutsche Offiziere waren über die ganze Erde zerstreut. Man konnte nach den Anschauungen jener Zeit, wie der Major von Tellheim in Lessings Minna von Barnhelm, ein Ritter ohne Furcht und Tadel sein, ohne Anhängigkeit an ein Vaterland. Ein deutsches Vaterland also und damit die bewußten vaterländischen Mannestugenden schuf sich das deutsche Volk erst in und durch die Befreiungskriege. Es war neu und zündete auch wie ein neues Evangelium, als Schiller die Worte ins Volk hinausrief:
»Ans Vaterland, ans teure, schließ' dich an!«
Seitdem konnte man sich eine volle Mannespersönlichkeit ohne tiefe Beziehung zum Vaterland kaum mehr denken. Goethe sogar hatte sich gegen den ungerechten Vorwurf zu schützen, daß es ihm an vaterländischer Gesinnung mangele. Wer nicht Patriot war, galt eben nicht als voll, und wenn er ein Goethe wäre.
»Es war plötzlich«, sagt Arndt, »wie durch ein Wunder Gottes ein großes und würdiges Volk erstanden« – »Die Preußen sind dem ganzen deutschen Volke Anführer zur Freiheit gewesen, sie sind ihnen auch ein Muster der Tapferkeit, Zucht, Bescheidenheit und Menschlichkeit, sie sind rechte Krieger Gottes geworden. Jene Begeisterung, womit sie sich dem Tode fürs Vaterland weihten, machte sie auch stark zu jeder hohen Geduld und zu jeder menschlichen Milde: sie waren in der Schlacht wie verzehrendes Feuer und wie erquickender Sonnenschein, wenn die Schwerter ruhten … Daß wir jetzt (1845) frei atmen, daß wir fröhlich zu den Sternen blicken und Gott anbeten: das danken wir nächst Gott diesen Beginnern der deutschen Herrlichkeit. Sie sind uns übrigen Deutschen, wie verschiedene Namen wir auch führen mögen, die glorreichen Vertreter und das erste Beispiel der Freiheit und Ehre geworden« (Schriften für und an seine lieben Deutschen I, Leipzig 1845).
Ich glaube, daß man diese Zeit in ihrer sittlichen Größe trotz Heinrich von Treitschke noch nicht genügend würdigt. Wieviel idealer Schwung, wie große Opferfreudigkeit, welch begeisterte Hingabe des Lebens und aller Lebensgüter flammten in den Jünglingen und Jungfrauen, die sich an Körners und an Arndts Liedern begeisterten und singend und betend in Kampf und Tod gingen! Das Mannesideal, das damals geschaffen wurde, hätte nicht wieder versinken dürfen.
Seit der Niederwerfung Napoleons, als die Bundesakte einen losen Verband deutscher Staaten geschaffen hatte, trat immer lebhafter der Wunsch nach Verfassungen hervor, durch die die bürgerlichen Rechte sicher gestellt werden sollten gegenüber der Regierungsgewalt. Man hoffte, daß durch die öffentlichen Verhandlungen eines Landtages eine unendliche Menge von kleinen Interessen in den Kurs des bürgerlichen Lebens kommen und diesem einen größeren Gehalt und Reiz geben würden. Das große Interesse des Staates werde so gewissermaßen in Münze umgesetzt und diese ergieße sich über gewisse Teile der Gesellschaft und belebe ihren Staatsverkehr. Man erhoffte ein reiches blühendes Staatsleben und gedachte dabei an die Form in Rom und an Athens öffentliche Plätze. Gegen eine solche Vorstellung des Bürgerlebens mußte das stille Besorgen seiner Privatgeschäfte als eine wahre Stagnation erscheinen, und in diesem Sinne beklagte man sich auch ewig über den faulen, trägen Zustand der Zeit. »Soll der Untertan«, so sagte man, »sich seinem Staate im rechten Sinne anpassen, so muß er dessen Hauptinteressen kennen; diese müßten großartig und dauernd sein und in dieser bleibenden Richtung muß sich die Teilnahme des Bürgers befinden. Die Regierung muß so eingerichtet sein, daß er Vertrauen zu ihr hat; dieses Vertrauen braucht nicht blind und unbedingt zu sein; er kann mit seinem Urteile ihren Schritten folgen, und sein Herz kann ihr mehr oder weniger Beifall zollen. In diesem mehr oder weniger einstimmenden Gefühle und Urteile der Untertanen wird die Regierung die Leitsterne erkennen und danach steuern können, um so leichter und schneller zu fahren.« (K. Schwartz, Leben des Generals Carl von Clausewitz. Bd. II. Berlin 1878.) Ideal der Zeit wurde der tüchtige und rechtschaffene Bürger, der zugleich warme Teilnahme an den großen Interessen des Landes zeigt, der freimütige Politiker.
Daneben lief eine neue Lehre her, die, von Frankreich ausgehend, vereinzelte Gemüter in Erregung versetzte, die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen. Zu dem Wunsche, selbsttätig dem Staate, der Gemeinschaft der Brüder zu dienen, gesellte sich der höhere Wunsch, dieses geliebte Vaterland zur Pflegstätte und Heimat der neuen Menschheitsideale zu machen. Männer mit freiem vorurteilsfreien Blicke, die sich über Standes- und Klassenvorurteile hinwegsetzten und »modern« empfanden, wollten nun auch mit Hand anlegen an der geistigen und sittlichen Verjüngung ihres Volkes. Aber da kamen sie übel an. So hatten sich die Fürsten und ihre Staatsmänner die Folgen des Freiheitskampfes nicht vorgestellt. Nachdem das Volk ihnen den Feind aus den Landen gejagt hatte, sollte ein jeder Untertan wieder still an seine Arbeit gehen und die Lenkung der politischen Geschicke denen überlassen, die von Gott und kraft ihres Amtes dazu da waren. Die freien deutschen Burschen aber, die sich klüger dünkten und in ihrem jugendlichen Unverstande von einem einigen, freien deutschen Vaterlande schwärmten, hatten hinter eisernen Gittern Zeit, darüber nachzudenken, daß Deutschland für die Verwirklichung ihrer Mannesideale noch nicht reif war. Als die große Hetze losging gegen die Burschenschaftler, liberalen Schriftsteller und alle für ein einiges großes Deutschland begeisterten Schwärmer, hat auch Laube, dessen hundertjähriger Geburtstag soeben in Deutschland festlich begangen wird, neun Monate im Gefängnis zugebracht, nicht für eine gegen den Staat gerichtete Tat, nur für seine deutsche Gesinnung. Aber er hat diese tapfere Gesinnung sein Leben lang bewahrt, ob er sie gleich in jungen Jahren so schwer büßen mußte. Feodor Wehl, der das zutreffendste Bild von Laube entworfen hat, sagt mit warmen Worten: Das junge Deutschland ist ohne Überläufer und Verräter an seiner Sache geblieben. Das ist auch ein Ruhm, und dieser Ruhm schmückt Laube noch besonders, denn er, der später an die Spitze des Wiener Burgtheaters trat, war dort ohne Zweifel vielfach der Versuchung ausgesetzt, ein Liebediener der Macht und ein Abtrünniger seiner demokratischen Gesinnung zu werden. Er ist es nicht geworden, wie sehr er auch von seiner tumultuarischen Jugend sich losgesagt. Ohnmächtig auf politischem Felde, wendete sich seine von Tatkraft strotzende Natur im Beginne der vierziger Jahre der Literatur zu, um den modernen Geist in ihr zum Ausdruck zu bringen. Sein tumultuarisches Wesen wußte eine Zeitlang nicht ein noch aus, wendete sich abenteuerlich nach verschiedenen Zielen, seine eigentliche Bestimmung suchend, sich mit verwegener Zuversicht Bahn schaffend. In all diesem Ringen ist ein Zug hervorstechend, der ihn zum Regieren bestimmt erscheinen läßt: der ungestüme Drang, Positives zu schaffen, gestützt auf ein zweifelloses Selbstvertrauen. (Josef Lewinsky in der N. Fr. Presse vom 16. Sept. 1906.)
Laube selbst hebt in seinen Erinnerungen hervor, daß eine politische Verbindung »Junges Deutschland« nie existiert hat, sondern nur eine Erfindung des Herrn v. Tzschoppe in Berlin war, »um eine polizeiliche Handhabe zu gewinnen für seine Bannbulle gegen eine Anzahl junger Schriftsteller, welche der damaligen Reaktion unbequem waren«.
Wienbarg, Heine, Laube, Gutzkow, Theodor Mundt, das waren bekanntlich die feinen Köpfe, gegen die polizeilicher Spürsinn seine Maßregeln ergriff. Was hatten diese Männer im Sinne? Hören wir sie selbst. Laube sagt: