»Es fing an deutlich zu werden, daß eine junge Schriftstellerwelt entstünde, welche außerhalb der traditionellen Bahnen unserer Klassik und Romantik eine Existenz und eine Wirkung hatte. Die erkünstelte Situation, die geschraubte, krankhafte Empfindung wurden plötzlich verspottet, die Wahrheit wurde gesucht, die Wahrheit in den Ausgangspunkten und in den Zielen, im wesentlichen das, was man später Realismus genannt hat. Man nannte es damals ›Junges Deutschland‹.«
Die Reaktion war aber zu stark, um diese junge Pflanze aufkommen zu lassen. Bald wurde es auch wieder still, und der Gedanke an ein großes deutsches Vaterland mußte wieder einschlafen. Vergebens hatte also die deutsche Burschenschaft gesungen, Jahn seine deutsche Turnerschaft ins Leben gerufen: in den großen Kreisen des Volkes Preußen erklangen nur noch lokale und preußisch-patriotische Lieder. »Auch in den deutschen Schulen gab es, mindestens vor 1848, niemals einen wirklichen deutschen Patriotismus. Wie man dort an Stelle großer dichterischer Eindrücke die grammatischen Lehren einer toten Sprache empfing, so an Stelle eines echten, lebendigen, Patriotismus nichts als die Geschichte toter Völker.« So berichtet einer, der die Zeit mit durchlebt hat, L. Passage, und stimmt darin mit Bismarcks Schulerinnerungen überein.
Nie sind brave Männer mit ärgerem Undanke belohnt, nie unwürdiger behandelt worden, als die Deutschen in der Zeit zwischen der Völkerschlacht bei Leipzig und der Revolution von 1848. Unter Metternichs Zucht erstarb alles Leben. Die Staatsmaschine arbeitete wieder im alten trägen Gange. Freiherr v. Stein hat einmal die Tätigkeit der damaligen österreichischen Ämter beschrieben und erzählt: »Diese Bureaus beschäftigen sich allein mit der Anwendung eines Systems plumper, verworrener Förmlichkeiten, die jeden Augenblick die freie Tätigkeit des Menschen aufhalten, um an deren Stelle Massen von Papier und die nichtige Dummheit oder Faulheit zu setzen.«
Dieses Bureaugetriebe des Vormärz hemmte jeden Fortschritt, jedes freie geistige Leben. Oder wie sollte man es anders deuten, daß unmittelbar nach einer so beispiellosen nationalen Erhebung, mit der verglichen die griechischen Befreiungskämpfe gegen die Perser eine Armseligkeit sind, jeder Aufschwung, jeder politische, wirtschaftliche, geistige Fortschritt ausbleibt, daß die Zeit krank und müde dahinschleicht und auch die Bestrebungen der Männer, die sich zum Bunde des sog. »Jungen Deutschlands« zusammenfanden, keinen frischeren Zug in das öffentliche Leben bringen können?
Dafür blühte um so üppiger der Weizen der Mucker. In stickiger Kanzleiluft, unter der Obhut von großschnauzigen Polizeibeamten und leisetretenden, nach oben hin kriechend ergebenen, nach unten hin großtuerischen und geheimnisvollen Staatsdienern konnten mannhafte Deutsche nicht gedeihen. Wieder bildete das kleinliche Getriebe der Verwaltungmaschinen, der Klatsch bei Hof und in der »guten« Gesellschaft, das Sinnen und Sorgen um die kleinen täglichen Bedürfnisse, Wünsche, Freuden und Leiden den Inhalt des um seine großen Ziele gebrachten Lebens.
Die wirklich Großen aber, wie Heinrich von Kleist, Friedrich Hebbel und Otto Ludwig blieben sogar unverstanden. Wer Deutschland verlassen und fremde Kultur gesehen hatte, der wollte in die unfreie Heimat nicht wieder zurück. Amerika, England, Frankreich gewannen den Ruf, Länder freier Männer zu sein. Als der derblustige Wiener Dichter Eduard von Bauernfeld von einem Besuche in England heimkehrte, erzählte er darüber in seiner lebhaften Art und sagte laut: »In England ist jeder Kohlenträger gescheiter, als bei uns ein Hofrat.« Als er sich umwendete, stand ein Hofrat Vesque v. Püttlingen hinter ihm und lachte – fast zustimmend, jedenfalls gar nicht beleidigt. Man glaubte auch sonst in Österreich, daß Bauernfeld wohl recht habe.
Der deutsche Bürger lebte wie in einem großen Staatsgefängnisse. Wie weit das Mißtrauen und die Verfolgungswut ging, dafür habe ich selbst noch eine Probe gesehen: Mein Vater, der in den Jahren um 1855 in Wien lebte, dann aber nach Gotha übersiedelte, erfuhr erst nach Jahren in Dresden, um 1880 herum, von Fürst Hugo Salm-Reifferscheid, daß alle Briefe, die er aus Gotha an Wiener Freunde schrieb, von der Zensur geöffnet worden seien und daß man seine Wege in Wien selbst überwacht habe. Dabei hat er niemals politisch tätigen Anteil genommen. Der Umstand allein, daß er in Gotha lebte, mochte ihn verdächtig gemacht haben, oder vielleicht, daß er Friedrich Hebbels Freund war?
Kein Wunder, daß viele und oft gerade die Besten dem unfreien Vaterlande für immer den Rücken kehrten. Heinrich Heine gab dieses Vaterland, in dem nur der Korporal und der Büttel Rechte hatten, dem öffentlichen Spott preis. Man sollte ihm heute dafür nicht mehr zürnen. Deutschland und Preußen verdienten den Spott gründlich. Das Volk war zur Ohnmacht verurteilt, der Staat omnipotent und ein gar gestrenger, ungnädiger Herr. Post, Steuer, Polizei, Militär, alles, was Uniform trug, quälte die Bürger unsäglich. Wer nicht schweigend parierte, wurde langsam aber sicher mürbe gemacht.
Der stille, fromme Untertan, der seine Steuern pünktlich zahlte und all die unzähligen Beamten tief und in Demut grüßte, der durfte sein Biedermeierleben in Frieden führen und beschließen. Erziehern, die nur zum flüchtigen Übergang in unserem Jammertale weilten, um dann zu den täglich in Gebet und Lied herbeigerufenen ewigen Freuden einzugehen, solchen pastoralen Schulmeistern war die Erziehung der deutschen Jugend anvertraut! Die Eltern gaben ihren Söhnen als tiefste Lebensweisheit den Spruch mit auf die Wanderschaft: »Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land«. Bescheidenheit, Demut, Polizistenfurcht wurden wieder die angesehensten Mannestugenden. Erst quälte man die Leute gründlich, dann empfahl man ihnen den Spruch: »Not lehrt beten.« Man wurde wieder recht weinerlich zaghaft und fromm. Von dem guten Lavater hatten die Zeitgenossen gerühmt, daß er selbst durch seinen bei jedem Schritte einsinkenden Gang seine Gottergebenheit zu rührendem Ausdruck gebracht habe. Also knickebeinig sollte man durch die deutschen Lande schreiten, um gottgefällig zu sein und bei den Menschen Beifall zu finden.