Zum Glück waren die Jungen gesünder und klüger als ihre Lehrer.
Sie brachten uns eben als Männer die Verfassung von 1848 und damit erst die Möglichkeit, zu einem selbstherrlichen Volke zu werden. Der Wind kam wieder von Westen. »Die Freiheit lag aber damals in der Luft. So einen Vorfrühling hatte man in Deutschland noch nicht erlebt.«
»Die Herzen waren heiß«, läßt Ludwig Thoma im Andreas Vöst seinen alten Revoluzzer sagen, »und der Verstand war nicht immer kühl, aber in den Leuten war mehr Weisheit, als in den trockenen Dienern der Nützlichkeit, die heute die Nase rümpfen und sich das bißchen Freiheit wegstehlen lassen, was ihre Väter errungen haben.«
Die Regierungen haben die Männer von 48 und die Früchte ihrer Revolution bis heute noch nicht aus Überzeugung anerkannt. In Preußen gelten die Achtundvierziger in »maßgebenden« Kreisen noch heute als Unbotmäßige, als dreiste Auflehner gegen die Staatsautorität. Man überläßt den »Reichsfeinden« die Ehrenpflicht, die Gräber der damals gefallenen Bürger zu schmücken.
Wie schwer der Geist der Reaktion auf Deutschland und besonders auch auf Berlin lastete, ist den meisten bekannt, muß aber immer wieder auch an dieser Stelle betont werden, damit wir die traurige geistige Verfassung des damaligen Deutschland und ihre bis heute noch unheilvollen Nachwirkungen richtig einschätzen lernen. In demselben Verlage wie diese Schrift sind »Erinnerungen« von Max Ring erschienen. Dort lesen wir über Berlin in der Reaktionszeit:
»Der Eindruck, den Berlin nach zehnjähriger Abwesenheit auf mich machte, war nichts weniger als erfreulich und angenehm. Gleich auf dem Bahnhof drängten sich mir die Maßregeln der siegreichen Reaktion auf. Eine Abteilung Infanterie und eine Schar der neuen Konstabler empfingen den ankommenden Eisenbahnzug und ließen keinen Reisenden ohne strenge Kontrolle passieren. Wer sich nicht durch seine Papiere als vollkommen unverdächtig legitimieren konnte, wurde zurückgewiesen oder zur nächsten Polizeiwache gebracht. Selbst Frauen und Kinder waren von dieser lästigen Untersuchung nicht ausgenommen. Auch ich mußte mich einem strengen Examen unterwerfen und über meine Person die genaueste Auskunft geben. Erst nachdem ich alle Fragen zur Zufriedenheit des betr. Beamten beantwortet hatte und auch meine Zeugnisse sorgfältig geprüft worden waren, erhielt ich die Erlaubnis, den Bahnhof zu verlassen. In einer Droschke fuhr ich nach dem nächsten, wenn auch nicht besten Hotel, wo ich so lange blieb, bis ich eine passende Wohnung gemietet hatte. Seit meiner Abwesenheit fand ich Berlin nicht gerade zu seinem Vorteil verändert und umgewandelt. Es herrschte eine mißmutige, gedrückte Stimmung, eine wahre Belagerungsatmosphäre, eine aller Beschreibung spottende Polizeiwillkür, die sich in dem bekannten, damals allgewaltigen Herrn von Hinkeldey verkörperte.
Die Mehrzahl meiner Freunde hatte teils freiwillig, teils gezwungen die Stadt verlassen. Carriere lebte in München als Privatdozent, Wolfsohn als Rechtsanwalt in Hamburg, Oppenheim, der sich an dem Aufstand in Baden beteiligt hatte, als Flüchtling in Paris. Die beiden Brüder von Behr waren ebenfalls infolge der politischen Ereignisse nach Amerika ausgewandert, wo der ältere, Alfred, sich in New-Orleans als praktischer Arzt, der jüngere, Ottmar, als Landwirt in Texas niederließ. Traube, der durch den Einfluß unseres Lehrers Schönlein eine Stelle als behandelnder Arzt an der Charité auf der Abteilung für Brustkranke erhalten und sich unterdessen verheiratet hatte, war ausschließlich mit seinen Studien und ärztlichen Konsultationen beschäftigt, so daß ich ihn nur selten sah. Bettina von Arnim war verreist und als sie wiederkam, kannte sie mich kaum wieder. So erfuhr ich an mir im vollsten Maße die Wahrheit des alten Sprichwortes: »Les absents ont toujours tort.«
Man lernte sich bescheiden. Und da es mit der Ausgestaltung eines nationalen Staates nichts werden wollte, wurde man entweder flüchtig und »Amerikaner« oder suchte sich eine ideale Welt, ein Weltbürgertum, wurde Kosmopolit nach dem Rezepte:
»Zur Nation euch zu bilden, das hofft ihr Deutsche vergebens.
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.«
Der echte deutsche Bürger rühmte sich zugleich seines steifen Rückgrates und bekannte von sich, daß er allzeit »Männerstolz vor Königsthronen« bewahren werde. Schon Schiller hatte im Vorwort zur Rheinischen Thalia (1774) verkündet, er werde schreiben »als Weltbürger, der keinem Fürsten dient«.