Nur keine erheuchelte Bescheidenheit! Was ich schreibe, schreibt ein Mann, der sein Lebtag angestrengt geistig gearbeitet und der einen in der Wissenschaft geachteten Namen hat. Die geehrtesten Männer aus dem Gebiete der Pädagogik: Münch, Cauer, Lyon, Ziehen u. a. haben sich eingehend mit meinen Arbeiten beschäftigt, wenn zum Teil auch sie bekämpfend. Seit wann aber wird denn mit Kanonen nach Spatzen geschossen? Oder nach Möwen und sonstigen ›Sturmvögeln‹? Herr Matthias selbst hat mich, als er seine Monatsschrift gründete, schriftlich zur Mitarbeit einladen lassen und mir auch mündlich über meine gelehrte Schriftstellerei Ehrendes gesagt.

Sind noch weitere Zeugnisse zu meiner Ehrenrettung nötig? Soeben (27. IX.) lese ich in der »Schul-Reform« (I, Nr. 2), die in Wien erscheint: »In der Zeitschrift ›die Wage‹ Nr. 33 würdigt die Führerin der österreichischen Frauenbewegung. Frau Marianne Hainisch, eben von einer Studienreise durch Deutschland heimgekommen, auf der sie dem Schulwesen besondere Beachtung schenkte, die Verdienste der Reformliteratur und nannte Dr. Gurlitts Schriften ›die große Tat eines Lehrers‹.[10] Eine Elite der Lehrerschaft stehe in Deutschland an der Spitze der Bewegung, die österreichisch kapitalistische Blätter als uferlose Schwärmerei totschweigen. Dazu bemerkt sie: »Bis vor kurzem mußten wir daran verzweifeln, daß auch Österreich gleich unbefangene und mutige Schulmänner bekomme. Nun – ist dieser Zweifel geschwunden.« Das von Schulmännern herausgegebene Blatt führt diese Darstellung mit Beifall an.

Inzwischen hat sich also das öffentliche Urteil über mein Schulgemälde deutlich genug geäußert. Etwa so: »Recht trübes, unerfreuliches Bild. Moderne Richtung, ohne rechten sog. Idealismus, zu düster, zu real, aber immerhin sicher und gut gemalt; verwünscht naturgetreu, von verblüffender Ehrlichkeit.«

Ich meine, mir als einen Malersohne mußte auch so ein Bild, wenn ich alle Kraft zusammennehme, schon gelingen. Die Kritik hatte wirklich keine zu große Mühe, die Natur und Beschaffenheit der angewandten Farbentöne zu erkennen: Semper enim valet dictum, quod cacatum non est pictum – und umgekehrt!

Deshalb nochmals: Jene häßlichen Worte sind nicht auf mich gezielt, sollten sie es aber sein, so treffen sie mich nicht.« – –

»Es haben sich aber doch auch andere Autoritäten gegen Sie erklärt.«

»Natürlich! Nennen Sie mir in der ganzen Welt irgendeine Lehre, gegen die sich nicht Autoritäten erklärt haben! Schrecken Sie noch vor Autoritäten zusammen? O, ihr Kleingläubigen, denen schon ein bloßer Name den Mannesmut raubt!

Widerlegt hat mich niemand. Da sage ich aber mit Luther: ›Es sei denn, daß ich mit Zeugnissen der heiligen Schrift (nein! auf die verzichte ich) oder mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen und Ursachen überwunden werde, denn ich glaube weder dem Papst, noch Konzilien allein – noch Herrn Prof. Friedrich Paulsen allein –, weil es am Tage und offenbar ist, daß sie öfters geirrt haben und sich selbst widersprechend sind … so kann ich und will ich nichts widerrufen, weil weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu tun.‹

Obgleich also schon das schwerste Geschütz gegen den Sturmvogel aufgefahren ist, kommt er sich noch keineswegs erschossen vor.

Ein Mörser, Cauer genannt, machte einen großen Lärm, Qualm und Gestank, war aber nur mit Vogeldunst geladen und konnte ihm die Haut nicht ritzen.