Abb. 104. Aufrichtige Teilnahme. (E. 713.) Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1794.
Abb. 105.
Illustration zu Gellerts Fabel: Der fromme General. (E. 680.) Kleiner Taschenkalender. Berlin. 1795.
Abb. 106.
Illustration zu Hagedorns Fabel: Der Fischer mit dem Schatz. (E. 680.) Kleiner Taschenkalender. Berlin. 1795.
Richardson machte in Deutschland Epoche; nachdem einmal das bürgerliche Kleinleben litteraturfähig geworden war, die einfachen Lebensverhältnisse der Bourgeoisie den Schriftstellern nicht mehr als quantité négligeable galten, wendete sich auch das Interesse der eleganten Gesellschaft dieser scheinbar neuentdeckten Welt zu. Namentlich erhielt der Humor im Schrifttum neue ergiebige Nahrung, der komische und der Reiseroman zählten von jetzt ab zu den beliebtesten Gattungen der Prosadichtung. Chodowiecki hat auch dieser neuen Richtung mit vielem Erfolg seine Künstlerkraft geliehen. So geht er auf die derbe, oft sogar recht platte Komik von Müllers Siegfried von Lindenberg ([Abb. 85], E. 480, 487–490), Hermes’ litterarischen Märtyrern ([Abb. 84], E. 610) und dem anonymen Roman Philipp von Freudenthal ([Abb. 86] und [89], E. 390) ein, illustriert die satirische Lebensgeschichte des kleinen Cäsar, eines verhätschelten Bologneserhündchens, von Coventry ([Abb. 90], E. 428–431) und weiß Vergils Äneis noch lustiger als der Jesuit Aloys Blumauer zu travestieren, indem er unter das Volk Trojas Berliner Straßenfiguren, wie die Hökerfrau und die Schornsteinfegerbuben mischt ([Abb. 87], E. 611). Auch den Lustspielcharakter trifft er glücklich in Illustrationen zu Großmanns Schwänken (E. 395) und Bretzners „Eheprokurator“ (E. 515), während der Falstaffhumor von Shakespeares König Heinrich IV. (E. 539) in dem zierlichen Format seiner Kleinkunst allzu plump und grimassenhaft erscheint ([Abb. 78]). Daß so bald nach den trüben Erlebnissen am Anfang der achtziger Jahre — hatte er doch bald nach seiner Mutter auch seinen Bruder Gottfried verloren — sich die kindliche Heiterkeit seines Gemüts wieder einstellte, ist vielleicht auch den freudigen Familienereignissen zuzuschreiben, die seinem Heim neue fröhliche Genossen zuführten. Seine Tochter Jeanette verlobte sich mit dem Prediger Jacques Papin und wenige Monate später freite Jean Henry, ebenfalls ein Geistlicher aus Emigrantenkreisen, mit denen Chodowiecki stets in enger Verbindung blieb, um die zweite Tochter Susette. Der Tag freilich, der für die Hochzeit des letzteren Paars bestimmt war, sollte der Familie einen neuen schweren Schicksalsschlag bringen: im Frühling des Jahres 1785 hatte die Gattin des Meisters bereits zu kränkeln begonnen und erlag am 1. Juni ihrem Leiden. Nach dreißig Jahren glücklichen Zusammenlebens mußte sich Chodowiecki von seiner treuen Lebensgefährtin trennen, er, dessen Glück und Zufriedenheit so ganz im traulichen Familienverkehr wurzelte, sah sich mehr und mehr vereinsamen, denn auch seine beiden Töchter verließen nach ihrer Trauung Berlin, um ihren Gatten nach deren Wirkungsstätten zu folgen. Trotz trüben Stimmungen und körperlichen Leiden, die sich um diese Zeit bei ihm einstellen, sehen wir seine Zuversicht nicht wanken: „es gibt doch mehr Freuden als Leiden,“ schreibt er am 6. November 1785, „nur machen die Leiden den tieferen Eindruck.“ Das sicherste Mittel, sich des Trübsinns zu erwehren, blieb für den nie Rastenden die gleichmäßig fortgesetzte Thätigkeit in seinem Beruf, die ihm zum Grübeln keine Zeit ließ. Er, der selbst der Aufrichtung bedurfte, widmete in jenen Tagen seine Arbeit in hochherziger Weise der Nächstenliebe: als durch die Ueberschwemmung im Frühjahr 1785 zahlreiche Bewohner der Dammvorstadt von Frankfurt an der Oder brotlos geworden waren, bestimmte Chodowiecki den Erlös einer Radierung den durch die Überschwemmung Verunglückten. Bescheiden feierte er in diesem Blatt die größere Heldenthat des menschenfreundlichen Herzogs Leopold von Braunschweig, der bei seinen Rettungsversuchen in jenen Tagen der Not seinen Tod in den Fluten der Oder gefunden ([Abb. 92], E. 540). Nicht weniger als 1759 Thaler steuerte er damit zur Linderung des Elends bei. Auch auf die Darstellung einer, historisch übrigens unbeglaubigten, Scene zwischen Zieten und Friedrich dem Großen, der den greisen Reitergeneral nötigt, sitzen zu bleiben, als dieser sich ehrerbietig vor seinem König erheben will (E. 565), eröffnete Chodowiecki, der das Bild der Witwe des eben verstorbenen Helden gewidmet hatte, eine Subskription. Mochten diese größeren Blätter, zu denen auch die Anekdote vom schlafenden Zieten (E. 948) zu zählen ist, immerhin einen reicheren materiellen Gewinn ergeben, der weniger gut bezahlten und ungleich mühsameren Kleinkunst der Illustration machten sie unseren Meister, der sich der Sonderart seines Talentes bewußt blieb, nicht abtrünnig. Wie viel mehr Anmut und Feinfühligkeit entfaltete er z. B. in den wenige Zoll großen Kupfern des kleinen Taschenkalenders für das Jahr 1785 (E. 513), die wieder selbständig erfundene Charaktertypen aus der Gesellschaft hinstellten, als in den großen Abbildungen zu A. Kleins „Leben und Bildnisse der großen Deutschen“ (E. 436. 463. 479. 500. 534. 576), bei denen ihm überdies die Kostümfrage viel Unbequemlichkeiten schuf! Namentlich die heroische Stimmung altgermanischer Scenen vermag er nicht zu treffen, ähnlich wie ja auch Klopstock in seiner Hermannschlacht aus sentimentaler Lyrik sich selten zu leidenschaftlichem Schwunge zu erheben weiß. Das Gefühlsleben des achtzehnten Jahrhunderts stand diesen Dingen zu fern; man besaß damals überhaupt zu wenig historisches Anpassungsvermögen und Abstraktion, um in das Wesen älterer Geschichtsepochen tiefer eindringen zu können. Dafür liefern auch Chodowieckis zahlreiche Illustrationen zu Ermans Geschichte der französischen Refugiés, die ja nur in das Zeitalter des Großen Kurfürsten zurückgeht, offenkundigen Beweis. Trotz der hier besser gewahrten Kostümtreue stehen diese Schilderungen der edelmütigen Haltung Friedrich Wilhelms des Großen gegen die verfolgten Emigranten ([Abb. 81], [82]) kaum auf einer wesentlich höheren Stufe, als die erwähnten Bilder aus dem Leben der Deutschen. Überall, wo die Naturanschauung ihm fehlt, wie z. B. in den vielen Illustrationen historischer Werke, die in der Folgezeit ihn beschäftigen, kommt Chodowiecki sehr selten aus konventioneller Befangenheit heraus. Auch mit dem wunderlichen Gemisch von französischer Romantik und antikisierender Sinnlichkeit, wie es in Wielands Idris zu Tage tritt, weiß Chodowiecki wenig anzufangen (E. 607 und 608). Die Naivetät dem Stoffe gegenüber entlockt dem modernen Beschauer ein ironisches Lächeln, während die Geziertheit der Bewegungen ihn geradezu abstößt.
Abb. 107. Titelkupfer zu Wiesingers Gedichten. Berlin. 1793. (E. 697.)