Seit dem achtzehnten Jahrhundert hat man die bedeutenden Wasserkräfte, die in den Schwarzwaldbächen und -flüssen mit ihrem starken Gefälle aufgespeichert sind, dem Gewerbe dienstbar zu machen angefangen; es entstanden zahlreiche Spinnereien und Webereien für Baumwolle und Seide, die in der Gegenwart sich zumeist zu sehr bedeutenden Betrieben ausgestaltet haben. Dazu kommen noch alle erdenklichen anderen Industrien, die auch nur annähernd aufzuzählen hier nicht der Ort ist. Nehmen wir endlich die hochentwickelte Gold- und Silberwarenherstellung in Pforzheim und Umgebung, so sehen wir, daß die Schwarzwaldbevölkerung es gut verstanden hat, sich Erwerbsquellen vieler Art zu erschließen, die es ermöglichen, auf an sich nicht allzu ergiebigen Heimstätten in auskömmlicher Weise zu leben. Daß diese Industriebetriebe nicht auf wenige städtische Hauptpunkte sich zusammenhäufen, sondern vielfach als Hausindustrie in denkbar größter Auflockerung über weite Gebiete des Gebirges ausgebreitet sind, daß sehr viele Kleinbauern einzelne ihrer Familienangehörigen in der Fabrik tätig sein lassen, während anderseits die eigentliche Arbeiterbevölkerung gern nach Erwerb von Grundbesitz strebt, wenn es auch nur ein kleines Stückchen Garten oder Ackerfeld ist, all das hat von unserem Schwarzwalde die sozialen Schädigungen einseitig gesteigerten Industriegebietes bis zu gewissem Grad fern gehalten. Möchte das für alle Zeit so bleiben!

Tracht. Wohnung. Sitten.

Tritt uns die Schwarzwälder Bevölkerung in körperlicher Kraft und geistiger Gesundheit gegenüber, so zeigt auch ihre Kleidung und Wohnung die Freude an Schmuck und Farbenpracht, den Sinn für Behäbigkeit. Noch werden in vielen Gegenden, von den Frauen mehr als von den Männern, besonders an Sonn- und Feiertagen, sowie bei festlichen Anlässen, malerische Trachten getragen, deren Herstellung viele Kräfte beschäftigt ([Abb. 24]) und deren Erhaltung sich neuerdings rührige Vereine zur Aufgabe machten ([Abb. 25], [26], [27]). Die Volkstrachten sind nicht überall schön, aber in ihrer von Tal zu Tal wechselnden Eigenart erregen sie das Interesse des Beschauers. Als Ausdruck eines gesunden Bauernstolzes und einer verständig konservativen Gesinnung haben sie eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, ja man darf wohl sagen, einen gewissen moralischen Wert. Freilich erscheint die da und dort versuchte Wiedereinführung der untergegangenen Volkstracht völlig als nutzloses Bemühen. Nennenswerten Erfolg hat sie selbstverständlich auch nirgends gehabt.

Das alte, echte Schwarzwaldhaus ([Abb. 14], [28] u. [48]), das leider aus feuerpolizeilichen Gründen nicht mehr als Neubau entsteht, gewährt einen überraschend stattlichen Anblick. Unter dem gewaltigen, weit vorspringenden Stroh- oder Schindeldach glänzen die zahlreichen kleinen Fenster des wettergebräunten Holzbaues freundlich hervor, die in der guten Jahreszeit nie eines reichen Blumenschmuckes entbehren. Ein gedeckter Gang mit dem Brunnen führt meist einer Hausflucht entlang, das obere Stockwerk hat eine Holzgalerie. Gern wird das Haus so an die Berglehne gebaut, daß man von der Rückseite unmittelbar in die große Scheune unter dem Dach einfahren kann. Als Nebengebäude gesellen sich oft noch eine Säge- oder Mahlmühle, ein Backhaus und bei den stolzen Einzelhöfen eine kleine Kapelle bei. In der geräumigen Wohnstube fehlt niemals der gewaltige Kachelofen als wonniger Wärmespender, mit der Ofenbank, auf der es sich so gut sitzen und plaudern läßt, und mit der „Kunst“, einer Wärmeanlage, die mit dem Küchenherd in Verbindung steht; es fehlt auch nie das immer mit Blumen eingefaßte Kruzifix in der Kante zwischen den zwei Fensterwänden. Es ist das der „Herrgottswinkel“, unter welchem der von Bänken und Stühlen umstellte, große Tisch seinen Platz findet ([Abb. 29]). Auch in den hellen und blanken Gaststuben der Bauernwirtshäuser fehlt der Herrgottswinkel nicht leicht. Der Schwarzwälder ist eben streng religiös und trotz eines hohen Grades von Tüchtigkeit fürs praktische Leben, vielfach darf man sagen auch von Aufgeklärtheit, spielt sich das Dasein des einzelnen wie der Familie und der Landgemeinde in den altüberlieferten Sitten und Gebräuchen ab, wie sie das Kirchenjahr und seine Feste in bestimmte Regeln gebracht haben, von denen nicht abgewichen wird ([Abb. 30], [31]). Und zwar besteht hierin zwischen der katholischen und evangelischen Bevölkerung kaum ein Unterschied.

Abb. 48. Die Brigachquelle mit Schwarzwaldhaus. Gemälde von Hans Busse. (Zu [Seite 72] u. [123].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Zum weitaus größten Teile herrscht in unserm Gebiet der Katholizismus, evangelisch sind in der Hauptsache nur die Landschaften der früheren Markgrafschaft Baden-Durlach und die altwürttembergischen Lande, aber diese Gebiete machen zusammengenommen viel weniger aus, als die der seit 1803 mediatisierten Fürstentümer, Herrschaften allerart, Bistümer, Abteien, freien Reichsstädte und der einst vorderösterreichischen Lande, besonders im Breisgau. Wie die politischen Verhältnisse früher waren, mag aus dem Hinweis hervorgehen, daß noch zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts auf dem 60 km langen Weg von Freiburg nach Basel zehn Grenzen zu überschreiten waren zwischen mehrfach wechselnden Parzellen österreichischen und badischen Gebietes, zwischen Ortschaften unter bischöflich baslerischer, unter reichsritterschaftlicher und unter der Hoheit des Deutschordens; anderswo sah es auch nicht viel besser aus.

Abb. 49. Gutachbrücke bei Kappel-Neustadt.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 76].)