Sitten und Volkscharakter.

Von diesen Zuständen, die wir ja in Thüringen noch erhalten sehen, ist im Volksbewußtsein kaum noch da und dort eine Spur übriggeblieben. Höchstens, daß die Bewohner der einstigen Markgrafschaft Baden, des Markgräflerlandes, von den Nachbarn als „Altbadische“ bezeichnet werden, und daß die altbadischen, protestantischen Frauen in der Tracht von ihren katholischen Freundinnen im Breisgau sich etwas unterscheiden, besonders hinsichtlich der Form der Flügelhaube und im Tragen des Spitzenbrusttuches. Sonst aber ist der Schwarzwälder, ohne sich darüber Sorge zu machen, unter welchem Herrn seine Vorfahren vor hundert oder mehr Jahren einst standen, gut badisch beziehungsweise württembergisch, was ihn nicht hindert, von Herzen ein guter Deutscher zu sein. Wenn auch durch politisch verschieden gefärbte Brillengläser, so schaut er doch lieber arbeitsfreudig und zuversichtlich in die Zukunft als weltschmerzlich in eine Vergangenheit, die ihm in allen Stücken das Leben schwerer gemacht hat, als er es heute lebt. Sicherlich wird er, was auch die rasch umgestaltende Zeit bringen mag, stets den Kopf oben behalten und immer einer der tüchtigsten unter seinen deutschen Stammesbrüdern sein und bleiben.

Der südliche Schwarzwald.

VI. Die östlichen Zugänge und der Südrand.

U

nter der Konstanzer Brücke entströmt dem Schwäbischen Meer der smaragdgrüne Rheinstrom, so schön und rein wie nur irgendeiner seinesgleichen. Wer sich ihm auf dem Schaffhauser Dampfschiff anvertraut, dem bietet sich bei der Fahrt eine ungeahnte Fülle prächtiger Landschaftsbilder. Aus der Spiegelfläche des Untersees winkt das liebliche Eiland der Reichenau mit seinen Erinnerungen an alte Kultur, und das reiche Grün der Rebgelände und Obstgärten, die satte Farbenpracht der Blumenbeete vor den Wohnstätten des Inselvölkchens zaubert uns die Erinnerung herauf an Rudimann den Kellermeister, an Heribald und seine Gäste, an die Gesandtschaft des Kämmerers Spazzo und alle die lebenswahren Gestalten, denen Scheffel in seinem Ekkehard eine so wohlverdiente Auferstehung bereitet hat. Über der Insel grüßt der trotzige Hohentwiel herüber und trägt auch seinerseits dazu bei, uns auf ein Viertelstündchen hinüberdämmern zu lassen in luftige Träume im Rundbogenstil.

Am schweizerischen Ufer haben wir den Arenenberg Napoleonischen Andenkens, darüber auf steiler Höhe das Schlößchen Salenstein, weiter unten engt sich der Fluß wieder in eine schmale Rinne ein, und zu beiden Seiten wechselt in rascher Folge ein malerisch freundliches Bild mit dem andern, bis man am Fuß des fernsichtgesegneten Burgberges von Hohenklingen, an dem der feurige „Beerliwein“ wächst, das alte Stein am Rhein, ein malerisches Nürnberg im kleinen, erreicht.

Abb. 50. Lothenbachklamm bei Bad Boll.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 76].)