Der Rhein von Stein bis Waldshut.

Die Fahrt geht zwischen freundlichen Hügeln weiter unter einer mächtigen Eisenbahnbrücke und später unter der alten Holzbrücke von Dießenhofen durch, bis zum Landeplatz der ansehnlichen, viel Altertümliches bietenden Stadt Schaffhausen, die vom Bodensee her auch mittels zweier Eisenbahnlinien zu erreichen ist. Wenig unterhalb Schaffhausen hat sich der Rhein seinen Weg in weltberühmtem Falle über die harten Bänke des Jurakalkes hinab gegraben, dann umschlingt er in spitzig ausgezogener Schleife die Halbinsel mit dem alten Kloster Rheinau, geht bei Eglisau, wo er von der gewaltigen Hochbrücke der Eisenbahn Schaffhausen-Zürich überschient wird, von der südlichen wieder in die Westrichtung über, und strömt nun friedlich rauschend in weltabgeschiedener Einsamkeit an dem alten, steilgebauten Städtchen Kaiserstuhl und an den Wasserstelzschlössern vorbei, die mit ihrer lieblichen Umgebung durch Gottfried Kellers „Hadlaub“ unserem Empfinden so wertvoll geworden sind. Wer stille Gänge und Wasserfahrten liebt und gern mit seinen Gedanken allein ist, dem sei diese wenig bekannte Strecke des Oberrheinlaufes zu behaglichem Schlendern ganz besonders warm empfohlen. Auf der unfernen Küssaburg mag sich der Wanderer weiten Umblicks und schöner Alpenaussicht erfreuen, das Städtlein Zurzach aber weckt ihm die Erinnerung daran, daß hier dereinst die in der Peutingerschen Tafel verzeichnete Römerstraße von Vindonissa (Windisch bei Brugg) an der Aare nach Arae Flaviae (Rottweil) am Neckar den jungen Strom überbrückte. Eine kurze Strecke noch, und wir haben bei Koblenz = Confluentes den Zusammenfluß der Aare mit dem Rhein, und jenseits, auf hoher Flußterrasse, das Städtchen Waldshut (340 m) erreicht. Damit sind wir ins Schwarzwaldgebiet eingetreten, und zwar auf einem der schönsten Zugänge, die sich machen lassen. Auf alle Fälle ist dieser Weg jedem, der nicht mit seiner Zeit zu geizen braucht, warm zu empfehlen.

Abb. 51. Die Wutachschlucht. (Zu [Seite 77].)

Donau und Rhein.

War bisher der Rhein unser Begleiter, so kann bei vielen, die von Osten und Nordosten kommen, auch die Donau die Führerrolle übernehmen. Von Ulm her, wo mancherlei Straßen zusammenstreben, folgen wir dem Fluß durch Oberschwaben nach dem malerisch gelegenen Sigmaringen, der schmucken Hohenzollernresidenz, dann ziehen wir durch das obere Donautal bis Immendingen und bewundern auf dieser Strecke ebenso die Natur, die dem Fluß einen fast rätselhaft scheinenden Weg durch wilde Felsschluchten mit weißschimmernden Kalkwänden gebahnt hat, als die Kunst, welche diese Engen dem Straßen- und Bahnbau zugänglich machte. Von unersteiglich scheinenden Schrofen schauen das Bronnener Schlößchen, Werrenwag und die Feste Wildenstein herab, in einer grünen Talweitung liegt das kunstsinnige Benediktinerheim Beuron, bei der gewerbereichen Stadt Tuttlingen nimmt unsere Linie die von Stuttgart her auf, und bei Immendingen (658 m), wo die Donau unterirdisch einen großen Teil ihres Wassers durch die Klüfte des Jura an die Hegauer Aach und damit an den Rhein abgibt, schneidet unser Weg den, welcher vom Bodensee nach Donaueschingen und weiter über den Schwarzwald in die Rheinebene führt. Wir aber streben Waldshut zu und benutzen darum die sogenannte strategische Bahn, die gegen Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zur Umgehung des rechtsrheinischen Schweizer Gebietes bei Schaffhausen gebaut worden ist. Im breiten und einförmigen Aitrachtal haben wir bald Zollhaus (702 m) und damit eine der auffälligsten Stellen der Donau-Rhein-Wasserscheide erreicht.

Abb. 52. Frauentracht von Neustadt.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg.
(Zu [Seite 78].)

Etwa 40 km westlich von hier sammeln sich im Feldsee (1113 m) am Fuße des Feldbergs die Quellbäche eines Flüßchens, das erst Seebach, vom Titisee ab Gutach und weiter abwärts Wutach heißt. Bei Achdorf (540 m), ein kleines Stündchen von Zollhaus entfernt, aber rund 160 m tiefer gelegen, biegt die Wutach aus ihrer bisherigen Ostrichtung nach Südwest um und erreicht den Rhein nahe der Aaremündung oberhalb Waldshut. In alter Zeit aber hat sie ihren Lauf weiter nach Osten genommen und ist durch das Tal der Aitrach der Donau zugeströmt, welch letztere also ihr Stromgebiet bis zu den höchsten Schwarzwaldbergen ausgedehnt hatte. Wir erkennen diese Tatsache an dem Vorhandensein reichlicher Schwarzwaldgeschiebe im Aitrachtal, dessen Breite und Form außerdem zu dem kleinen Wasserlauf der Gegenwart in gar keinem Verhältnis steht. Die hochgelegenen Flußterrassen über der Wutach westlich von Achdorf zeigen ebenso deutlich, daß der Fluß einst in einem Bett strömte, das höher lag als die jetzige Wasserscheide bei Zollhaus. Was hat ihn aus der alten Bahn abgelenkt? Das war die allmähliche Tieferlegung des Rheines im Schiefergebirge unterhalb Bingen, wodurch alle Zuflüsse im oberen Rheingebiet zur Steigerung des Gefälles und damit zu verstärktem Einschneiden in ihre Unterlage veranlaßt wurden. Ein Wasserlauf, der in der Richtung Stühlingen-Waldshut strömte, nagte sich darum immer tiefer nach rückwärts in den Gebirgskörper ein und zapfte schließlich in der Gegend des jetzigen Achdorf die hoch oben nach Osten fließende Wutach an. Indem sie nun in steilem Gefäll ihr Wasser nach Südwesten abgab, entstand im alten Tallauf eine Wasserscheide; die unterste Strecke der alten Wutach, die heutige Aitrach, behielt die frühere Richtung und das alte, schwache Gefälle bei, der Oberlauf aber suchte sein Gefälle auszugleichen und nagte sich deshalb tief ein zum jetzigen Schluchtlauf. Das wurde ihm durch das meist leicht zerstörbare Gestein der Juraschichten dieser Gegend erleichtert, und so haben wir bei Zollhaus in breitem Hochtal eine erst in jüngster geologischer Vergangenheit entstandene Verschiebung der europäischen Hauptwasserscheide. Wir haben aber noch mehr, nämlich eine Unterbrechung derselben durch eine Wassergabelung oder Bifurkation, die freilich nicht so großartig ist wie die des Cassiquiare in Südamerika. Der Quellbach der jetzigen Aitrach läßt sich nämlich durch eine Schleuse unfern von der Bahnstation Zollhaus nach Westen ableiten und ergießt sein Wasser dann in das „Schleifenbächlein“, das an dem alten, ruinenüberragten Blumberg vorbei eiligen Laufes zur Wutach hinunterstürzt.