Abb. 55. Oberer Anfang des Höllentals, in die Moränen-Landschaft eingeschnitten. (Zu [Seite 80].)
Hauenstein.
Immer dem Strom entlang führt uns die rechtsuferige Land- und Schienenstraße über Albbruck, wo das Albtal ausmündet, zu der Burg Hauenstein, an deren Fuß die kleinste Stadt des Deutschen Reiches liegt. Sie trägt mit der Burg den gleichen Namen, zählt wenig über 200 Einwohner und besteht aus den Häuserreihen einer einzigen Gasse, die hart am Rheine hinzieht. Einst war sie Hauptort der weit über den südlichen Schwarzwald ausgedehnten Grafschaft Hauenstein. Das Hauensteiner Land war Jahrhunderte hindurch der Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen der Bevölkerung und ihren Herrschaften. Das Gebiet war schon bald nach seiner ersten Besiedlung bei der Kargheit des Bodens und der Rauheit des Klimas nicht imstande, die zu dichte Bevölkerung auch nur halbwegs auskömmlich zu ernähren ([Abb. 34]). Zur Einführung des Hofgüterrechts ist es in der Gegend nie gekommen, und so war es die wirtschaftliche Not, welche das Volk zu blutigen Aufständen, besonders gegen die reiche und mächtige Abtei St. Blasien, trieb. Nach kurz wirkenden Erfolgen steigerten sich die Unterdrückungen nur um so mehr, kleinliche Maßregelungen verbitterten das Volk von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in steigendem Maße; Verschlossenheit, Unnahbarkeit, heimtückisches Wesen wurden allmählich die herrschenden Charakterzüge der Hauensteiner, und immer wieder gelang es fanatisierten Führern, die Massen zu rohen Gewaltakten fortzureißen. Religiöses Sektenwesen gesellte sich dazu, und so hatten, seit den Zeiten des Bauernkrieges bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, die Behörden schweren Stand gegenüber dem kaum auszurottenden Mißtrauen der Hauensteiner gegen alles, was man Staatsraison nennt, ja gegen offenen Aufruhr. Nur das „Haus Österreich“ und der Papst wurden als Obrigkeiten anerkannt, gegen die vom Freiburger Erzbischof gesandten Geistlichen war der Widerstand ebenso groß wie gegen die badischen Beamten. Von dem Führer in einem der vielen Aufstände, dem Salpetersieder Peter Albiez, nannten sich die Sektierer Salpeterer oder Albiezler; sie sind heute noch nicht ganz ausgestorben, obwohl es in der Hauptsache endlich gelungen ist, der Bewegung Herr zu werden, und zwar auf friedlichem Wege. Scheffels „Trompeter“ gibt uns eine Schilderung der Verhältnisse im „Hauensteiner Rummel“, und aus der großen einschlägigen Literatur mag wenigstens auf eine neuere, hierher gehörige Arbeit des Schwarzwälder Volksschriftstellers Hansjakob hingewiesen werden. Die alte Hauensteiner Tracht ([Abb. 35]) ist fast ganz abgekommen und nur noch gelegentlich zu treffen. Zu ihr gehören bei den Männern vor allen Dingen kurze, schwarze Pumphosen, welche „Hotzen“ heißen und der Bevölkerung den Namen „Hotzen“, ihrem Wohngebiet die Bezeichnung „Hotzenwald“ eingebracht haben ([Abb. 36]).
Abb. 56. Eingang ins Ravennatal.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 81].)
Die Laufenburger Enge.
Unfern Hauenstein — wir haben soeben einen kurzen Tunnel durchfahren — stellt sich unsern Augen ein wirkliches Juwel prächtigster Landschaftsschönheit dar ([Abb. 37]), das freilich zurzeit wesentlich verändert wird und sich starke Einbußen gefallen lassen muß. Es ist das badische Städtchen Klein-Laufenburg, durch eine zur Hälfte gedeckte Brücke mit dem aargauischen Groß-Laufenburg verbunden, eine der früher österreichischen „Waldstädte“, die von dem Schloß Laufenburg-Habsburg überragt ist. Die Stromschnelle des Laufen, gerade zwischen den zwei Städtchen, in welche sich der Rhein auf etwa 20 m einengt, aber bis zu 30 m tief ist, kommt dadurch zustande, daß sich hier der Fluß durch ein nach Süden vorspringendes Stück Schwarzwaldgneis durchgenagt hat. Die grauen Felswände mit ihren vom Wasser gerundeten Formen und ihren Strudellöchern bilden groteske Gestaltungen phantastischster Art, zwischen denen der Gischt des Gewässers in wildem Aufruhr sich tosend durchzwängt. Große Anlagen zum Salmenfang, der hier sehr ergiebig ist, sind in den Strudel kunstvoll hineingebaut. Jetzt aber ist man damit beschäftigt, die gewaltigen Wasserkräfte durch elektrische Übertragung der Industrie dienstbar zu machen. Die Flußenge wird kanalisiert, kahle, gerade Uferwände werden aufgesetzt, Schleusen eingebaut, Fabrikanlagen fangen schon an, den Fluß beiderseits einzusäumen, und in kurzer Zeit wird das malerische Laufenburg dem industriellen Platz gemacht haben. Vom Standpunkt des Naturfreundes mag das herzlich bedauert werden; aber schließlich, wer kämpft gegen den Strom der Zeit?