Weiter bis zur Wutachmühle aber fehlte einst jede Möglichkeit des Durchkommens. Der Fluß macht mäandrisch zahlreiche Biegungen zwischen den beiderseits senkrecht aufragenden Kalkwänden und unterspült an der konvexen Seite der Krümmungen die Felsen meist so stark, daß zwischen diesen und dem Wasserlauf ein Vordringen völlig undenkbar war. Nur dem mutigen und ausdauernden Wagehals, der sich nicht scheute, vielleicht zwei dutzendmal das Wasser zu durchwaten und sich zwischen je zwei Furten mit Mühe durch wildes Gestrüpp von urwaldartiger Dichte durchzuzwängen, enthüllte das interessante Schwarzwaldtal seine geheime Schönheit. Dem verschwiegenen Botaniker und dem Geologen bietet dieses jungfräuliche Stück Land eine seltene Fülle des Interessanten. Auch ein Stück Trockental ist vorhanden, indem der Fluß an einer Stelle in den Kalkfelsen eindringt, unterirdisch weiterläuft und erst in größerer Entfernung wieder als mächtiger Wasserschwall aus einem Felsentor hervorrauscht ([Abb. 51]).

Abb. 81. Partie in der Haseler Höhle (Erdmannshöhle).
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 100].)

Der neue Schwarzwaldvereinsweg von Boll abwärts — er trägt den Namen des Verfassers dieses Büchleins — hat endlich die Wutachschlucht der Allgemeinheit erschlossen und kann jedenfalls beanspruchen, die großartigste und interessanteste Weganlage zu sein, die aus touristischem Interesse in unserem Gebirge geschaffen worden ist. Der Weg führt bald hoch über den senkrechten Kalkwänden hin und gewährt herrliche Niederblicke auf Talboden und Fluß, bald zieht er durch grüne Auen am Stromufer hin, eingerahmt von dichtem Niederholz und fast tropisch üppiger Kräutervegetation, unter der die Riesenblätter des Huflattich stark vorherrschen, dann überschreitet er wieder — es geschieht das viermal — den Wildstrom auf hohem, sicherem Eisensteg. So geht es etwa anderthalb Stunden weit in ununterbrochenem Wechsel von neuen, immer schönen Landschaftsbildern bis zu einem Holzsteg, über den nach Norden ein Pfad durch die wilde Gauchachschlucht abzweigt, der dem Wutachtalweg an Schönheit nicht viel nachgibt. Er führt zur Eisenbahnstation Döggingen (s. [S. 74]) hinauf, und eröffnet so einen bequemen Zugang zum Wutachtal, das auch von zwei anderen Stationen der Donaueschinger Linie, nämlich Bachheim und Reiselfingen, mühelos zu gewinnen ist.

Wenig östlich vom Einfluß der Gauchach, unmittelbar an dem erwähnten Steg, liegt die Wutachmühle; von hier führen Straßen auf die umgebenden Höhen hinauf, nördlich nach Donaueschingen, südlich nach Bonndorf; im sich freundlich erweiternden Tal selbst geht ein bequemer Fahrweg nach Achdorf, wo der Fluß nach Südwesten umbiegt, und zur Eisenbahn nach Zollhaus oder Fützen (s. [S. 50] und [52]). Auch hier, in der Gegend des Wutachknies, haben neue, schöne Wege viel zur Erschließung der interessantesten Landschaft beigetragen.

Kehren wir zur Kappeler Brücke zurück, so erreicht von hier ab unsere Bahnlinie zwischen hohen fluvioglazialen Terrassen hinziehend bald das über 3600 Einwohner zählende Industriestädtchen Neustadt (805 m), das, von seiner hochgelegenen Kirche mit ihrem schlanken Turm überragt, einen ansehnlichen Eindruck macht. In der Neustadter Gegend kleiden sich Frauen und Mädchen noch allgemein in der alten, malerischen Tracht ([Abb. 52]).

Titisee.

Weiter biegt unser Schienenweg, stets der jungen Gutach entlang, um den 1188 m hoch ansteigenden Hochfirst herum, den ein Aussichtsturm krönt, und in wenig Minuten fahren wir in die Station Titisee (858 m) ein. Noch einen Augenblick, und wir stehen am Ufer des stillen, dunkelen Bergsees, eines wertvollen Kleinodes im reichen Schmucke der Schwarzwaldlandschaften.

Der Titisee ([Abb. 53]) ist etwa 2 km lang und 0,5 km breit. Seine größte Tiefe mißt 39 m. Er wird gespeist vom Seebach, der aus dem Feldsee am Feldberg kommt; sein Abfluß ist die mehrfach genannte Gutach, später Wutach genannt. Seine Umgebung ist eine echte Moränenlandschaft ([Abb. 54]), aus der typische Moränenblöcke nahe am Bahnhof zu einem kleinen, aber lehrreichen Gletschergärtchen vereinigt worden sind. Die Moräne, welche den See abdämmt, ist am Hirschbühl hinter dem Bahnhof und nahe dem Gutachabfluß aufs schönste angeschnitten.