Freiburgs Klima.
Nicht leicht dürfte es eine andere Stadt geben, bei der die natürlichen Bedingungen für das Schwemmsystem so günstig sind wie bei Freiburg, das hiernach als eine der gesündesten Städte gelten darf. Zu dieser sanitären Begünstigung wirken auch klimatische Vorzüge mit, und zwar kommen zu den allgemeinen Klimavorzügen der Rheinebene noch spezielle, welche ihren Grund wieder in den topographischen Verhältnissen der näheren Umgebung haben.
Abb. 91. Todtnauberger Wasserfall.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 103].)
Dreisam- und Höllental, die sich bei geringer Länge von den höchsten Schwarzwaldhöhen zur Ebene herabsenken, geben, wie bei ähnlichen Voraussetzungen überall, Veranlassung zu einem regelmäßigen Wechsel von Berg- und Talwinden, deren erster tagsüber ins Gebirg hineinweht, während der letztere in der Nacht von oben herab strömt. Dieser Höllentalwind, wie er heißt, setzt nach Sonnenuntergang ein und hat zur Folge, daß auch im höchsten Sommer die Nächte niemals drückend schwül sind und der Abkühlung mangeln, wie das z. B. in Straßburg, Karlsruhe oder Mannheim der Fall ist. Diese nächtliche Luftbewegung in der warmen Jahreszeit ist einer der größten Vorzüge des Freiburger Klimas. Subjektiv erscheint die Strömung freilich kühl, und das abendliche Sitzen im Freien ist auch im heißesten Sommer nicht gerade häufig rätlich, denn die Abkühlung durch Hautverdunstung bei der starkbewegten Luft wird empfindlichen Naturen leicht unangenehm. Objektiv aber liegt die Sache so, daß der Talwind als Fallwind nach Art des Föhn sogar eine kleine Temperaturerhöhung bringt; ergibt doch die abendliche Neunuhr-Ablesung am Thermometer regelmäßig höhere Werte als an den übrigen meteorologischen Stationen der Rheinebene. Diese bewegte Luft hat etwas überaus Erfrischendes für den menschlichen Organismus, und in ihr liegt wohl der Hauptreiz des Freiburger Lokalklimas, das im übrigen, was geringe Wärmeschwankung, relative Feuchtigkeit und gemäßigte Winter betrifft, kaum wesentlich hinter den gefeiertsten Orten am Genfer See zurücksteht. Die Frühlingsblüte in ihrer herrlichen Pracht tritt gegenüber dem nördlichen und gar nordöstlichen Deutschland um zwei bis vier Wochen früher ein, die schönen Herbsttage mit ihren wunderbaren Färbungen der Laubwälder dauern zumeist bis tief in den November hinein. Die Nähe der ausgedehntesten Bergwaldungen mit ihrem dichten Netz trefflich gepflegter Fahr- und Gehwege bis zu den höchsten Gebirgsgruppen hinauf — all das sind Dinge, die nicht leicht eine andere Stadt in ähnlich glücklicher Weise zu bieten imstande ist.
Abb. 92. Schönau im Wiesental mit Blick auf den Belchen.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 103].)
Bevölkerung, Bauweise.
Kein Wunder darum, daß Freiburg eine große Anziehungskraft übt. Hatte die Stadt 1812 erst 10100 Einwohner, so war sie bis 1864 auf 19200, d. h. jährlich um 1,2 Prozent angewachsen, seither aber stieg ihre Bevölkerungszahl durchschnittlich um 3,3 Prozent im Jahre, so daß sie an der Jahrhundertwende 61500 und 1910 über 83000 betrug, von denen rund 70 Prozent katholisch sind. Bei dieser starken Zunahme muß aber ganz besonders beachtet werden, daß wir es in Freiburg nicht mit einer Industriestadt im eigentlichen Sinne zu tun haben. Blühen auch Gewerbe und Handel lebhaft, so treten sie doch nicht als beherrschend in den Vordergrund, Fabrik- und Arbeiterviertel fehlen ebenso wie enge, winkelige Stadtteile nach der Art anderer alter Städte, und das, was man Proletariat zu nennen pflegt, das gibt es im landläufigen Sinne nicht in Freiburg. Um den alten, kleinen Kern der Stadt, der sich um das herrliche Münster kreisförmig ausbreitet und dessen Umgrenzung vom Schloßberg aus an den steilen Dächern der älteren Häuser leicht zu erkennen ist, dehnen sich die weit und luftig gebauten neuen Stadtteile in großem Umfang nach allen Seiten. Meist sehen wir hier elegante Villenstraßen mit wohlgepflegten Gärten; die zweistöckigen Häuser überwiegen dabei und bedingen, daß der Raum der Stadt im Verhältnis zu ihrer Volkszahl ein unverhältnismäßig großer ist. Baum- und rasenbepflanzte Plätze sind überall zwischen den Häuserblöcken zerstreut, unter ihnen nimmt der schöne Stadtgarten die erste Stelle ein. Diese weite, luftige Bauweise ist ein weiterer sanitärer und vor allen Dingen auch sozialer Vorzug der Stadt, der uns deutlich zeigt, daß ihr Volkszuwachs wesentlich durch Zuzug besserer Gesellschaftsklassen zu erklären ist. In der Tat darf Freiburg als ein Pensionopolis bezeichnet werden, in welchem Beamte jeder Kategorie, Offiziere, Gelehrte, Kaufleute aus aller Herren Länder sich ein Heim geschaffen haben. Durch diesen Zuzug und seine Bedürfnisse hat sich das Ansehen der Stadt in den letzten Jahrzehnten sehr stark verändert und nicht minder auch der Geist, der in ihr waltet.