Weiter senkt sich unser Kammweg zum Sattel der Wacht (975 m), wo die Straße vom Wiesental nach St. Blasien geschnitten wird, steigt dann wieder auf zum Blößling (1309 m), geht zum Hohen Zinken (1243 m), Hochkopf (1263 m) und Weißenbachsattel (1086 m), von wo bequem nach Todtmoos im oberen Wehratal abgestiegen werden kann. Auf der Höhe gelangt man vom Weißenbachsattel bald zu dem von St. Anton (1054 m), über den wie über den ersteren ein Übergang vom Wehra- ins Wiesental führt. Zumeist durch prachtvollen Wald zieht unser Weg weiter und läßt uns schließlich die Hohe Möhr (983 m) mit ihrem steinernen Aussichtsturm erreichen, der weiten Umblick gewährt über den schmucken Kranz der hohen Waldberge im Westen, Norden und Osten, über die fruchtbaren Auen des nahen Wiesentals, die hügeligen Gelände des Dinkelbergs, hinab zum grünen Rhein und darüber hinaus auf den Schweizer Jura und die strahlenden Häupter der Alpen. Das unmittelbar am Fuße des Berges gelegene Kurhaus Schweigmatt (750 m) gewährt nach der eigenartig schönen aber etwas anstrengenden Höhenwanderung willkommene Rast ([Abb. 77]).

Die Fortsetzung des Höhenpfades über den Muschelkalkrücken des Dinkelbergs dürfte in ihrer ganzen Ausdehnung vielleicht etwas ermüdend sein. Doch bietet der periodische Eichener See nicht alltägliches Interesse als eine Erscheinung, die auf Kalkböden nicht selten ist, wie wir ja von den Karstlandschaften her wissen. Vom Aussichtsturm auf dem Hohen Flum (535 m) ist die Nahsicht auf das Rheintal besonders schön, von der St. Chrischonahöhe (523 m), auf der die Basler Missionsgesellschaft einen Teil ihrer Anstalten unterhält, nicht minder der Niederblick auf die nahe Großstadt und ihre Umgebung.

Talbildungen.

Im Osten der eben durchwanderten Höhenlinie ist der orographische Aufbau unseres Gebirges im Gegensatze zu seinen übrigen Teilen dadurch ein ganz eigenartiger, daß die dem Rhein zueilenden Flüsse Wehra, Murg und Alb, sowie die Wutachzuflüsse Schwarza, Mettma, Schlücht, Steina abweichend vom normalen Flußgefälle, das vom Ober- zum Unterlauf immer geringer wird, ausnahmslos in ihrer Quellregion durch sanftgeböschte, freundliche Wiesenauen oder breite, friedliche Waldtäler strömen und erst weiter abwärts sich tiefer, vielfach geradezu cañonartig in den Gebirgskörper einnagen. In steilem Gefälle arbeitet sich das Wildwasser mächtig rauschend zwischen senkrechten Felswänden durch, die sich oft so nahe treten, daß von oben herab sein Lauf nicht mehr gesehen, sondern nur noch durch weithin vernehmbares Tosen vermutet werden kann. Die meisten dieser Talbildungen, deren Formen manchen ähnlichen Erscheinungen des Hochgebirges durchaus ebenbürtig an die Seite gestellt werden dürfen, haben es erst der neuzeitlich fortgeschrittenen Wegbautechnik zu verdanken, daß sie dem Verkehr erschlossen wurden. Die alten Wege vom Rheintal nach Norden ins Innere des Gebirges führen alle über die Höhen, die auch allein besiedelt erscheinen, während die finstern Schluchten auf lange Strecken unbewohnt sind und höchstens an den seltenen Stellen, wo einer der wenigen Ost-Westwege sie schneidet, ein einsames Wirtshaus oder eine klappernde Sägemühle aufweisen. Zwischen Neustadt und Waldshut erschließt der Höhenweg II viele dieser bisher wenig besuchten, einsamen, aber durch ihre weiten, herrlichen Fernsichten besuchenswerten Gebiete.

Abb. 105. Der Feldberg, vom Schauinsland aus gesehen. Gemälde von Hans Busse. (Zu [Seite 107].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Abb. 106. Schellenmarkt an der Biereck.
Nach einer Photographie von Prof. Dr. Längin in Karlsruhe. (Zu [Seite 109].)

Die eben erwähnte, zunächst befremdende Eigentümlichkeit im Talbau des südöstlichsten Schwarzwaldes ist derselben Ursache zu danken, die wir schon für die Verlegung des Wutachlaufes und die Entstehung der Talwasserscheide bei Zollhaus verantwortlich machten. Als der Rhein allmählich das Schiefergebirge zwischen Bingen und Bonn durchnagte, schnitt sich sein Bett auch im Oberlaufe d. h. von Basel ostwärts tiefer ein. Die Folge davon war notwendig eine verstärkte Erosion der Nebenflüsse, die in den unteren Strecken derselben zuerst und zumeist ansetzte und den Oberlauf bis zur Stunde noch nicht erreicht hat. Die Wasserläufe von der Wehra bis zur Wutach tragen daher alle die Merkmale des Jugendlichen, Unfertigen in hohem Grade an sich, und das Haupterkennungszeichen dieser Eigenschaften ist eben das Nichtausgeglichensein des Gefälles, seine Verstärkung unten, seine Abschwächung oben. All die genannten Täler haben als Ergebnis derselben Entstehungsursache auch eine unverkennbare Ähnlichkeit ihres landschaftlichen Charakters. Es ist darum nicht nötig, hier eine vollständige Beschreibung derselben zu geben. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß sie zu durchwandern nicht ein hoher Genuß sei. Im Gegenteil! Wem es darum zu tun ist, denkbar wechselvolle Bilder großartiger Felsszenerien auf sich einwirken zu lassen, dem kann nur dringend geraten werden, die Kunststraßen längs der Wehra, Murg, Alb, Schwarza, Schlücht behaglich schlendernd zu begehen oder, wenn es ihm mehr Freude macht, sie abwärts zu radeln oder im offenen Wagen zu befahren. Er wird sich reichlich belohnt finden.