Talbildungen. Todtmoos.


Vom Höhenweg I aus haben wir schon den Abstieg nach Todtmoos an der Wehra (821 m) kennen gelernt. Dieses große, weitzerstreute Dorf mit vielbesuchter Wallfahrtskirche liegt vor rauhen Winden geschützt und ist daher ein sehr empfehlenswerter Luftkurort geworden ([Abb. 79]). Das vornehme Sanatorium Wehrawald mit seiner vortrefflichen Einrichtung arbeitet unter ähnlich günstigen Bedingungen für Lungenkranke wie Davos oder Arosa ([Abb. 78]). Unterhalb des waldumrahmten friedlichen Talbodens von Todtmoos schließen sich die Talgehänge bald näher zusammen, und etwa drei Wegstunden lang windet sich nun die Straße durch die Schlucht, immer nahe über dem tosenden Wildwasser. Bei der Ewaldbrücke und dem nicht weit davon entfernten Straßentunnel ist die Landschaft am großartigsten geworden ([Abb. 80]). Oberhalb Wehr, einem Industrieorte mit gegen 3700 Einwohnern, hat sich das Tal wieder freundlich geöffnet, und bald ist von hier mit der Eisenbahn das Rheintal bei Brennet erreicht. Die Bahnstrecke Säckingen-Brennet-Wehr findet ihre westliche Fortsetzung nach Schopfheim im Wiesental; nahe unterhalb des Kurhauses Schweigmatt und des Eichener Sees durchbricht sie den Kalkrücken des Dinkelberges in dem 3169 m langen Großherzog Friedrich-Tunnel; neben dem Tunnel bei Kochem an der Mosel ist dies der längste im Deutschen Reich. Beim Ostausgang des Tunnels liegt die Haseler Tropfsteinhöhle, auch Erdmannshöhle genannt, deren interessante Unterwelt mit ihren vielfach recht phantastisch gestalteten Kalkgebilden verschiedensten Namens ([Abb. 81]) einen Besuch auch dann verdiente, wenn Scheffel seinen Trompeter nicht hierher geführt und den stillen Mann in ihr nicht so schöne Lieder hätte singen lassen. Die Höhle hat seit kurzem elektrische Beleuchtung.

Murg, Alb St. Blasien.

Auch das Tal der Oberen Murg, das am bequemsten von Todtmoos aus erreicht wird und mitten durch den Hotzenwald führt, verdient Beachtung, besonders im wilden Unterlauf, wo die Umgebung des Harpolinger Schlosses uns hervorragend schöne Landschaften vors Auge zaubert. In noch höherem Maße ist das der Fall beim Albtal. Vom Sattel der Wacht oder vom Feldbergerhof führen angenehme Wege durch die Täler von Bernau oder Menzenschwand, der letztere durch eine großartige Moränenlandschaft, nach St. Blasien, das wir auch vom Herzogerhorn auf aussichtsreichem Höhenzugangsweg erreichen können.

Abb. 107. Alte Kuhglocke.
Aus der Sammlung Spiegelhalter.
Nach einer Photographie von M. Ferrars
in Freiburg. (Zu [Seite 109].)

St. Blasien (772 m), ein Städtchen von über 1700 Einwohnern, ist in junger Vergangenheit entstanden um die alte, vornehme Benediktinerabtei, die 1806 aufgehoben worden ist. Sie war von den südwestdeutschen Klöstern weitaus das bedeutendste und hatte ausgedehnten Landbesitz, von dem die Sage ging, daß der Fürstabt während der Reise vom Schwarzwald nach Rom jede Nacht auf eigenem Grund und Boden Quartier nehmen könne.

Das glänzendste Denkmal des alten Reichtums ist die Kuppelkirche, die unter Abt Gerbert 1768–83 als Nachahmung des Pantheons in Rom gebaut wurde. Der Rundbau hat eine Höhe von 64 Metern, die gewaltige, kupfergedeckte Kuppel mißt 35 Meter im Durchmesser. Es ist eines der wunderbarsten Bilder, die man genießen kann, wenn die Abendsonne die mächtige, tannenwaldumhüllte Kuppel zauberisch beleuchtet. Der Kontrast zwischen der himmlisch wohligen Waldeinsamkeit des stillen Hochtales und dem Wunderbau der Gerbertschen Kuppelkirche ist ein völlig überwältigender ([Abb. 83]). Das Klostergebäude ist Baumwollfabrik geworden, der Ort im ganzen aber dient fast ausnahmlos modernsten Kurzwecken. Das vornehme Kurhaus, einige Sanatorien, zahlreiche Villen und Fremdenpensionen haben eine internationale Fremdenkolonie erstehen lassen, deren Mitglieder das Lob der Schönheit und des günstigen Klimas von St. Blasien dankbar in alle Welt verbreiten.

Je weiter abwärts, desto schöner und interessanter wird das Albtal; besonders zwischen Tiefenstein und Albbruck, wo es in das Rheintal ausmündet, wird seine felswilde Großartigkeit derart, daß sie sich im Schwarzwald nicht leicht Vergleichbares an die Seite stellen läßt ([Abb. 82]).