Abb. 120. Hornberg. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 116].)

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GRÖSSERES BILD]

Große Bedeutung hat Offenburg als Weinmarkt für die reichen Rebgelände der Ortenau. Eine Weinfahrt an der gotischen Kirche von Weingarten, ganz in Obstbäumen und Rebhügeln versteckt, vorüber nach den Dörfern Zell, Weierbach, Ortenberg, Fessenbach und besonders Durbach ist jedem dringend zu empfehlen, der gern an der Quelle nippt. Im Frühling, zur Zeit der Obstbaumblüte, gibt es nichts Schöneres als diese reich gesegnete, unendlich liebliche Landschaft; im Oktober, wenn die Geister des „Neuen“ in den Fässern umgehen, kann die Sache etwas gefährlich werden, selbst wenn einem die schöne Melusine am Staufenberg nicht erscheint, deren Sage hier lokalisiert ist. Die prächtigen Waldberge, die über dem Vorhügelland aufragen, das Hohe Horn und der Brandeckkopf (692 m) gewähren von ihren Aussichtstürmen schöne Blicke, besonders auch auf die weite Ebene zu beiden Seiten des Rheines, auf Erwins Wunderbau und die zartgeschwungenen Linien des Wasgenwaldes, ganz abgesehen von dem unendlich lieblichen Vordergrund.

An Ortenberg vorbei, dessen um 1840 neu hergestelltes Schloß die Talwacht hält, bringt uns die Schwarzwaldbahn rasch nach Gengenbach, einem reizenden kleinen Städtchen, das ob der reichen Fruchtbarkeit seiner Äcker, Gärten und Reben, hauptsächlich aber wegen seines überaus geschützten, gleichmäßig milden Klimas nicht ganz mit Unrecht das badische Nizza heißt. Noch stehen Tore und Türme wie einst, als die Stadt reichsfrei war, noch ragt die mächtige Basilika der alten Benediktinerabtei auf. Jedenfalls darf Gengenbach, das heute rund 3200 Einwohner zählt, zu den schmucksten unter den altertümlichen Städten des deutschen Südens gerechnet werden und lohnt in jeder Hinsicht auch längeren Aufenthalt. Josef Viktor Scheffels Vater stammte von hier, wie eine Hausinschrift uns belehrt. Sollte etwa gar der Genius Loci Gengenbachs dem Dichter seine feuchtfröhlichen Gesänge eingegeben haben?

Abb. 121. Brauttracht von St. Georgen.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 118].)

Im Kinzigtal.

Längs der Kinzig geht’s nun im breiten, lichtüberfluteten Tal weiter. Bei Biberach schaut von Westen die Geroldseck von ihrem Porphyrfels herab, ostwärts führt eine Nebenbahn ins Harmersbacher Tal hinauf, und zwar zunächst zu dem unfernen Städtchen Zell am Harmersbach, auch einer alten „Reichsstadt“ mit manchem sehenswerten Bau aus früherer Zeit. Hier zweigt das Nordrachtal ab, dessen oberer Teil seit einigen Jahren vielbesuchte Lungenheilanstalten birgt. Die Bauernschaft von Harmersbach war bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gleich den benachbarten Städten Offenburg, Gengenbach und Zell reichsfrei und bildete den Stand des „Reichstales Harmersbach“. In die seltsamen Verhältnisse und Zustände dieses bäuerlichen Kleinstaates, die des Interesses wahrlich nicht entbehren, erhalten wir lohnenden und wertvollen Einblick durch die Erzählung des Volksschriftstellers Heinrich Hansjakob: „Der letzte Reichsvogt.“