Rasch führt uns die Bahn von diesen Orten, in denen sich dereinst ein gut Teil der Kleingeschichte und Not des alten Reiches abspielte, nach Haslach, das neuerdings durch seinen eben genannten Sohn, den katholischen Stadtpfarrer Hansjakob bei St. Martin in Freiburg, in weiteren Kreisen berühmt geworden ist. Wer die Schwarzwälder Kleinbürger und Bauern in ihrem Denken und Fühlen kennen lernen will, und zwar nicht durch die Brille einer dem Volke fremden Sentimentalität, der lese Hansjakob. Gewiß wird man sich gelegentlich über die oder jene sonderbare Ansicht des Verfassers ärgern oder zum mindesten wundern, aber trotzdem sind seine Erzählungen und Schilderungen eine gesunde Kost, besonders für jeden, der gewillt ist, wahr zu sehen, und der mit der Wahrheit auch gern einmal etwas Derbes in Kauf nimmt, das jedenfalls echter ist als erlogenes Einlullen in Zimperlichkeiten.

Abb. 122. St. Peter.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 121].)

Von Haslach, ebenfalls einem sehr freundlichen Städtchen des ob seines zu allen Zeiten lebhaften Verkehres städtereichen Kinzigtales, führen Wege über Biereck, Heidburg oder Mühlenbach nach Elzach; unsere Bahn aber gelangt in kurzem nach Hausach (241 m), am Fuß einer Burg malerisch gelegen, wo wir nun die Kinzig verlassen, um im Tal der Gutach den Höhen zuzustreben, über welche wir wieder zur Donau hinüber gelangen.

Die Schwarzwaldbahn.

Hier beginnt die eigentliche Schwarzwaldbahn, 1867–1873 erbaut. Ist man von Offenburg bis Hausach bei 34 km Bahnlänge nur um 82 m gestiegen, so lassen uns 9 weitere Kilometer bis Hornberg schon auf 384, also um 143 m steigen. Von hier ab muß bis zur Wasserscheide bei der Station Sommerau (832 m) ein Höhenunterschied von 448 m überwunden werden. Um das zu ermöglichen, wird die Länge des Weges von 14 auf 26 km vergrößert, was durch weitausgezogene Schleifen der Bahnlinie ermöglicht wird. 9,5 km, also mehr als ein Drittel der ganzen Strecke, werden innerhalb der 38 Tunnels zurückgelegt, von denen der letzte, der Sommerautunnel, mit rund 1700 m der längste ist. Hat man ihn verlassen, so senkt sich die Bahn längs der Brigach bis Donaueschingen auf 677 m herab, also bei 31 km Entfernung nur ein Gefälle von 155 m. Wieder tritt uns in diesen Zahlen der Gegensatz zwischen dem West- und Ostabfall des Schwarzwaldes deutlich vor Augen. Kinzigtal und Baar sind zwei ganz verschiedene Welten, der sie verbindende Schienenstrang aber ist eine Gebirgsbahn, die nach der Bedeutung der von ihr überwundenen technischen Schwierigkeiten nicht nur neben oder über die Linien Freiburg-Donaueschingen und Immendingen-Waldshut gestellt werden darf, sondern auch den Vergleich mit den berühmtesten Alpenbahnen kühnlich aushält. Die Windungen der Linie bringen es mit sich, daß man gelegentlich vom Zugfenster aus jenseits des Tales zwei Äste des Bahnkörpers übereinander sieht, und zwar mit entgegengesetztem Gefälle. Eine Orientierung ist hier nur mit guter Karte möglich[2].

Triberg.

Oberhalb Hausach wird das Tal enger, dabei ändert sich sein Charakter fast plötzlich. An Stelle des Lieblichen, Freien tritt das Wilde, Eingeengte. Oberhalb Gutach mit seinem trachtliebenden Völkchen ([Abb. 117]) und seiner Malerkolonie erreichen wir jenseits eines 150 m langen und 24 m hohen Viadukts den Bahnhof Hornberg, von dem wir einen schönen Blick auf das unter uns in engem Tal eingeschlossene und von hohem Schloß überragte malerische Städtchen genießen, das sich lebhaften Gewerbebetriebes jeder Art erfreut und ein Hauptpunkt des Schwarzwälder Fremdenverkehrs geworden ist, für den es die denkbar günstigsten Bedingungen bietet ([Abb. 120]). Nun wird bald das Tal überbrückt, die Kurven und Tunnels beginnen, der großartige Bahnbau fesselt unser ganzes Interesse, jeder Ausblick zwischen je zwei Tunnels zaubert ein neues, überraschendes Bild vor unser Auge, gleichgültig, nach welcher Seite wir blicken. Die Landschaft wird von Minute zu Minute großartiger, wilder. So erreichen wir fast nur zu rasch den Bahnhof Triberg (616 m), von dem aus das gleichnamige Städtchen, welches jetzt 4000 Einwohner zählt, sich steil hinaufzieht bis zur 120 m höher gelegenen Wallfahrtskirche Maria in der Tanne. Zwischen drei Bergen liegt der seit dem Brande 1826 freundlich neu erbaute Ort ([Abb. 118] u. [119]), dessen Uhrenindustrie hoch bedeutsam und dessen Gewerbehalle eine Sehenswürdigkeit ist. Doch mehr lockt neuerdings die windgeschützte, hohe Lage mitten im Walde, der prachtvolle Wasserfall, der die Gutach in mehreren Absätzen 120 m hoch über die phantastischen Granitfelsen heruntertosen läßt ([Abb. 1]), die Fülle herrlich gepflegter Wege nach allen Seiten. All das hat Triberg zu einem stark besuchten Sommerkurort werden lassen, dessen modernes Leben eigentümlich absticht gegen die Stille und Abgeschiedenheit in den Tagen vor der Bahneröffnung. Alle diese Wandlungen sind in letzter Reihe Robert Gerwig, dem genialen Erbauer des kühnen Schienenstranges, zu verdanken. Sein Denkmal ziert darum mit Recht den Stadteingang.