Nordwärts Appenweier wird an Renchen vorbei, wo der Dichter des Simplicissimus, Christoph von Grimmelshausen, als bischöflich Straßburger Schultheiß amtete und nun ein Denkmal besitzt, die Stadt Achern mit fast 4900 Einwohnern erreicht, die sich aller Vorzüge einer ebenso schönen als fruchtbaren Umgebung erfreut. Ins freundliche Kapplertal führt eine Nebenbahn nach Kappelrodeck am Fuß der Burg Rodeck und des Käferwaldkopfes mit seinem Aussichtsturm, und weiter bis Ottenhöfen (311 m), einen für Ausflüge jeder Art sehr günstig gelegenen und beliebten Sommerfrischort. Die nahe Schlucht des Edelfrauengrabes im Gottschlägtal ([Abb. 134]) und zahlreiche andere Punkte der näheren Umgebung bieten die lohnendsten Ziele, die man sich denken mag. Die mancherlei Wege zum Mummelsee, nach Allerheiligen und auf oder über die Kammhöhe, welche die Wasserscheide gegen das Murggebiet bildet, laden zu weiteren Wanderungen ein. Diese Höhen in der Umgebung der Hornisgrinde können von Achern aus auch sonst auf verschiedenen Pfaden erreicht werden, so an Illenau, der unendlich friedlich und stimmungsvoll gelegenen Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke, vorbei über Sasbachwalden, durch die Schlucht der Gaishölle und über die hoch aufragende Ruine des Brigittenschlosses, oder über Sasbach und Lauf. Der Platz bei Sasbach, auf welchem 1675 Marschall Turenne fiel, ist seit lange französisches Nationaleigentum. Ein französischer Invalide hütet das Denkmal des Gefallenen ([Abb. 135]). Das unfern stehende alte Denkmal trägt die Inschrift: „Hier ist Turennius vertödtet worden“, sowie deren lateinische und französische Übersetzung. Ob wohl ein deutscher Invalide auf französischem Boden auch ganz unbehelligt deutsche Heldengräber hüten dürfte? — Zwischen Achern und Bühl ist der Anblick des Gebirges geradezu großartig. Die mächtige Höhe der Hornisgrinde liegt in der Luftlinie kaum 10 km von der Bahn entfernt, ragt aber 1030 m über ihr empor und gewährt in ihrem massigen, steilen Aufbau ein imposantes Bild, besonders durch den schroffen Gegensatz gegen die unendliche Lieblichkeit des reich angebauten und dicht besiedelten Hügellandes im Vordergrunde. Bei Ottersweier mündet das freundliche Neusatzer Tal aus, durch das wir am hoch aufragenden Immenstein vorbei zum Hauptkamm gelangen können. Das hübsche Städtchen Bühl ([Abb. 136]) mit 3600 Einwohnern, das als Wein- und Obstmarkt ähnliche Bedeutung hat, wie Offenburg oder Oberkirch, ist besonders berühmt durch seine Frühzwetschgen. Welchen Wert dieselben im Wirtschaftsleben der Gegend haben, mag aus der Tatsache anschaulich werden, daß schon im Jahre 1900 die Bahnstation Bühl allein an Fracht für den Versand dieses Obstes den Betrag von Mk. 108328 einnahm; seither ist dieser Betrag ganz wesentlich gestiegen. Vom waldigen Berghang winkt die zweitürmige Ruine Windeck hernieder, zu der entzückende Wege durch die reichen Fluren des gesegneten Landes uns ansteigen lassen. Eine Nebenbahn führt nahe an Affental vorbei, wo der gefeiertste badische Rotwein wächst, ins schöne und reiche Bühlertal ([Abb. 138]), durch dessen obere Verzweigungen, besonders durch die großartig wilde, wasserfallreiche Gertelbachschlucht ([Abb. 137]), die prachtvollsten Wege zum Kamm hinauf führen, der hier in weitester Ausdehnung wunderbaren Hochwald trägt und seit einigen Jahren mit einer großen Anzahl von trefflichen Höhenkurhäusern geschmückt ist. Wir werden diese unvergleichliche Höhenwelt noch zu würdigen haben.

Abb. 135. Turenne-Denkmal bei Sasbach.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 129].)

Am Bühler Rebland hin führt uns die Bahn nach dem Städtchen Steinbach. Seinem größten Sohn Erwin, dem Schöpfer des Straßburger Münsters, ist bei dem Ort, am Fuß der Yburg, die auf spitzem Porphyrkegel thront, ein Denkmal errichtet, von dessen Fuß der Blick hinüber schweift über die Ebene des Hanauerlandes zum Rhein, über den Erwins Wunderbau aufragt als Wahrzeichen deutschen Geistes und deutscher Kunst, weither sichtbar von den Höhen des Wasgaues, wie von denen des Schwarzwaldes, und so recht bestimmt dazu, das Symbol zu sein für die Einheit des ganzen gesegneten Oberrheingebietes zu beiden Seiten des Stromes von Basel bis Mainz. Wie ganz anders wirkt das Zeichen heute auf uns ein, als vor 1870, wo es nur an Schande und Schwäche gemahnte und in deutschen Herzen eine reine Freude an der herrlichen Welt zwischen Schwarzwald und Vogesen niemals recht aufkommen ließ.

Wenige Augenblicke, und wir befinden uns in Oos, von wo eine kurze Nebenbahn uns in einigen Minuten nach dem im Oostale gelegenen Weltbade gelangen läßt, das dem Lande Baden den Namen gab.

Baden-Baden.

Die heißen Quellen von Baden (Bahnhof 152 m, Neues Schloß 220 m) oder Baden-Baden, wie die Stadt zur Unterscheidung von anderen ihres Namens bei vielen heißt, kommen aus den Tiefen des Granits und spenden im Tag über 8500 hl Thermalwasser, das in der Brunnenstube 62,5° C mißt und als indifferente Therme mit geringem Gehalt an Kochsalz und anderen Mineralbestandteilen bezeichnet werden muß. Sie sind früh entdeckt und zu Heilzwecken benutzt worden; das römische Aquae, der Hauptort der civitas Aurelia aquensis, war, nach den Ruinen unter der Stiftskirche zu schließen, eine sehr ansehnliche Niederlassung, auf die vom nahen Waldberge, der heute noch den Namen Merkur trägt (670 m), ein Tempel des Handelsgottes herabsah. Das Merkur-Relief neben dem modernen Aussichtsturm erinnert an diese fern liegende erste Blütezeit unserer Bäderstadt. Diese kam nach mancherlei Geschicken um 1110 unter zähringische Herrschaft und gab dem Staate, dem sie seither ununterbrochen zugehörte, den Namen. 1689 ward sie von den Franzosen gründlich zerstört, und es dauerte danach über hundert Jahre, bis das gänzlich zerfallene Bad wieder aufzuleben anfing. Von 550 Gästen um 1790 stieg deren Zahl bis 1820 etwa aufs Zehnfache, 1860 waren es 40000, jetzt sind es über 70000 im Jahre; die Stadt zählt heute mit dem kürzlich eingemeindeten Lichtental 22000 Einwohner und steht an Trefflichkeit der Kureinrichtungen unerreicht und an Schönheit der umgebenden Landschaften unerreichbar da ([Abb. 140]). Das Klima ist überaus milde, die Wärmeschwankungen sind, mit anderen Orten des Rheingebietes verglichen, auffallend gering, rauhe Winde fehlen fast ganz, da sie durch die umgebenden Höhen abgehalten werden; die mäßig feuchte Luft — wohl eine Wirkung der ausgedehnten Wälder weit umher — ist weich und köstlich zu atmen. Daß ein von der Natur so glänzend ausgestatteter Kurort auch alles bietet, was ein aufs höchste verfeinerter Geschmack verlangt und was dem internationalen Badepublikum nun einmal geboten werden muß, das versteht sich von selbst. Aber neben den großen Palasthotels, die auch die unsinnigsten Ansprüche zu befriedigen in der Lage sind, besteht doch die Möglichkeit, auch bei bescheidenen Mitteln sich des Aufenthaltes in Baden zu freuen; und gerade hierin mag ein Hauptvorzug des Ortes liegen, der neben den wertvollen Kurmitteln und neben der reizvollen Lage das Geheimnis des stets wachsenden Besuches erklärt.

Abb. 136. Bühl.
Nach einer Photographie von A. Lohmüller in Bühl. (Zu [Seite 129].)