Abb. 165. Wildberg.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 154].)
Calw.
Calw (348 m) ist eine sehr hübsche und lebhafte Stadt ([Abb. 169]). Sie zählt 5600 Einwohner und nimmt seit lange unter den württembergischen Gewerbe- und Handelsstädten eine bedeutende Stellung ein. Wenn auch die alten Handelskompanien nicht mehr wirksam sind, so besteht doch neben zahlreichen Betrieben anderer Art immer noch blühend die alte Wollindustrie, tätig in Spinnerei, Weberei und Färberei. Besonders sind Wolldecken eine Calwer Spezialität. Auch des sehr tätigen Calwer Missionsschriftenverlages ist hier zu gedenken. Die Stadt teilte 1692 das Schicksal der nahen Feste Waldeck und hat aus der dann folgenden Bauperiode um 1700 eine größere Anzahl hervorragender Gebäude, die ihr ein ganz bestimmtes architektonisches Gepräge geben. Dazu kommen noch die alte gotische Stadtkirche und die malerische Nagoldbrücke mit ihrer Kapelle, kurz, Calw ist ein ganz interessanter Ort. Modern sind das Georgenäum, eine Stiftung zu Belehrungs- und Volksbildungszwecken, und der Stadtpark, von dessen höher gelegenen Teilen der Niederblick auf Stadt, Tal und Umgebung viel Anmutiges hat. An der Ostseite der Nagold steigt die Stuttgarter Bahn hinauf, ihre Windungen sind ähnlicher Art und erscheinen, von Calw aus gesehen, fast ebenso unverständlich wie die der großen Schwarzwaldbahn zwischen Hornberg und Sommerau, oder jene der strategischen Linie zwischen Zollhaus und Stühlingen.
Abb. 166. Nagold. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 152].)
Hirsau.
Die Fortsetzung des Weges durch das Nagoldtal hinab läßt uns bald unterhalb Calw in einer lieblichen Talweitung die wahrhaft großartigen Ruinen der einstigen Benediktinerabtei Hirsau erreichen ([Abb. 170]), deren bedeutsamem Eindruck sich nur ein sehr oberflächlicher Geist wird entziehen können, etwa ein solcher, der auch acht- und stimmungslos an St. Blasien oder Allerheiligen vorüberginge. Lange war Hirsau das mächtigste Kloster nördlich der Alpen; in seiner Blütezeit, dem elften Jahrhundert, entstand die gewaltige Peterskirche, fast so groß wie der Dom zu Ulm. Ihre Umfassungsmauern sind in den letzten Jahren freigelegt worden, so daß der Grundplan des mächtigen Baues gut zu erkennen ist. Von den Westtürmen steht noch der nördliche ungebrochen, ein wertvolles Denkmal romanischer Architektur. Die aus dem Anfange des sechzehnten Jahrhunderts stammende gotische Marienkapelle ist jetzt Ortskirche und birgt in ihrem Obergeschoß eine Sammlung von Hirsauer Altertümern und Erinnerungen. In der Reformationszeit wurde das Kloster aufgehoben, die Räume dienten später lange einem protestantischen Seminar; das um 1592 erbaute herzoglich württembergische Jagdschloß war ein zierlicher, eleganter Renaissancebau. All der monumentalen Herrlichkeit bereitete Melac 1692 ein furchtbares Ende. Aber wie die Ruinen des Heidelberger Schlosses durch die zauberhafte Schönheit ihrer efeuumrankten Romantik dem deutschen Gemüt einen tieferen und reichhaltigeren Eindruck machen als ein kraftvoller Herrschersitz, so hat es auch die Trümmerwelt von Hirsau Tausenden von bewußten und unbewußten Romantikern unseres Volkes angetan. Wer könnte, den Blick auf das schöne Bild von Hirsau gerichtet, Ludwig Uhlands vergessen, welchem die das Jagdschloß überschattende Ulme so schöne Rhythmen zurauschte?