Noch der hochgebildete Xenophon, ein Schüler des Sokrates, kannte keinen Namen für diese Früchte, als sie ihm im Hochlande von Armenien zuerst unter die Augen kamen. Als er im Jahre 400 v. Chr. die zehntausend Mann griechischer Soldtruppen, die dem jüngeren Kyros gegen dessen Bruder Artaxerxes Mnemon zu Hilfe gezogen waren, nach der unglücklichen Schlacht bei Kunaxa über das armenische Hochland zum Schwarzen Meere und von da nach Byzanz zurückführte, fand er im Lande der Mosynoiken bei Trapezunt „unter den Dächern der Häuser große Vorräte von breiten Nüssen, welche durchaus keinen Einschnitt hatten. Diese Früchte bildeten das wichtigste Nahrungsmittel der Einwohner und wurden teils gekocht, teils zu Brot verbacken.“ Daß Xenophon bei der Umschreibung der Kastanien als „breite Nüsse ohne Ritze“ an die Walnüsse zum Vergleiche gedacht hat, ist offenkundig. Merkwürdig aber bleibt unter allen Umständen die Tatsache, daß er kein besonderes Wort für diese ihm fremdartig vorkommenden Früchte anzugeben weiß.

Nach dem trefflichen Pflanzenkundigen Theophrast (390–286 v. Chr.) scheint die einheimische Benennung der Kastanie Zeus-Eichel (Diós bálanos) gewesen zu sein. Und als großfrüchtige Kastanien aus den Ländern am Südrande des Schwarzen Meeres nach Griechenland importiert wurden, erhielten sie die Bezeichnung Eicheln oder Nüsse aus Herakleia, Sinope oder Paphlagonien, oder auch sardische Eicheln, nach Sardes, der Hauptstadt von Lydien. Letztere Bezeichnung gebraucht beispielsweise der aus Sinope stammende, als Dichter der neuattischen Komödie im 3. vorchristlichen Jahrhundert in Athen lebende Diphilos, der sagt: „Die Eicheln von Sardes sind sehr nahrhaft und gesund, doch schwer zu verdauen, namentlich in rohem Zustande“. Sein Zeitgenosse Nikander bezeichnet sie zum erstenmal mit dem Namen, der ihnen später haften bleiben sollte; er nennt sie nämlich „kastanische Nüsse“, doch wußte niemand später anzugeben, wo das Land Kastanis liege. Heute wissen wir, daß diese Bezeichnung gar nicht auf eine geographische, sondern auf eine sprachliche Benennung zurückgeht, die dem Kastanienbaum im Armenischen zukam. Kaskeni bedeutet nämlich im Armenischen Kastanienbaum und kask Kastanie. Aus ersterem entstand dann die griechische Bezeichnung „kastanische Nuß“ (kastanaikón káryon) und später mit Weglassung des Wortes Nuß einfach kastánaion oder kástanon. Letztere Bezeichnung treffen wir beispielsweise in dem Buche des Atheners Mnesitheos, der nach dem um 200 n. Chr. lebenden Athenaios sagt: „Die Kastanien (kástanon) heißen auch euböische Nüsse; sie sind schwer zu verdauen, machen aber diejenigen, die sie gut verdauen können, fett. Übrigens sind sie gleich anderen Nüssen gekocht oder geröstet eine viel gesündere Speise als roh.“

Bild 16. Die Edelkastanie (Castanea esculenta).
a blühender Zweig mit oben männlichen und unten weiblichen Blüten an den Blütenähren, b männliche, d weibliche Blüte; c drei weibliche Blüten in einer Fruchthülle; e drei Samen in einer Fruchthülle, i dieselben im Durchschnitt; f–h junge Kastanien. (Nach Hegi.)

Mit der Frucht übernahmen auch die Römer die Bezeichnung derselben von den Griechen. Wann nun dieser Fruchtbaum nach Italien kam, läßt sich nicht mehr sagen. Wahrscheinlich hat ihn der römische Komödiendichter Plautus (254–184 v. Chr.), der die griechischen Stücke des eben erwähnten Diphilos und seines älteren Rivalen Menandros (342–290 v. Chr.) nachahmte, gekannt. Er spricht nämlich an einer Stelle von einem das Dach beschattenden Baum, der eine „weiche Nuß“ (mollescam nucem) trage. Nun kann darunter sowohl eine weichschalige, als eine weich zu essende Nuß verstanden sein. Allem nach scheint aber ersteres das wahrscheinlichere zu sein, so daß wir also darunter wohl die Kastanie zu verstehen haben. Aber bei dem Mangel eines feststehenden Namens kann wohl von einer allgemeinen Kultur dieser Bäume in Italien vor dem Beginn des 2. vorchristlichen Jahrhunderts keine Rede sein. Noch der ältere Cato (234–149 v. Chr.), der als Zensor die altrömische Einfachheit in der Lebensweise und Sittenstrenge aufrechterhalten wissen wollte, erwähnt in seiner sonst alle in Italien angepflanzten Bäume anführenden Schrift über den Landbau die Kastanien so wenig als Walnüsse und Mandeln, nur die von den Griechenstädten Süditaliens nach Kampanien versetzten großen Haselnüsse, die den Griechen aus dem Pontusgebiet zugekommen waren.

Erst zu Ende der Republik tritt uns der Baum und die Frucht als zweifellos in Italien heimisch entgegen. Unter der von den Griechen übernommenen Bezeichnung „kastanische Nuß“ (castanea nux oder kurz castanea) erwähnt sie zuerst der römische Dichter Vergil (70–19 v. Chr.), indem er an einer Stelle seiner Eklogen sagt „Ich will dir Kastanien (castanea nux) und wachsgelbe Pflaumen (prunum) geben“ und an einer andern: „Wir haben schmackhaftes Obst, auch weiche Kastanien und Vorrat von Käse.“ Dann nennt der Dichter Ovid (43 vor bis 7 n. Chr.) diese Frucht, indem er von seiner Geliebten Amaryllis sagt: „sie liebte Kastanien und Nüsse“.

Der ältere Plinius (23–79 n. Chr.) sagt in seiner Naturgeschichte: „Auch die Kastanien (castanea) werden Nüsse (nux) genannt, obschon es passender wäre, sie Eicheln (glans) zu nennen. Sie sind mit Stacheln besetzt, wozu sich bei den Eicheln nur der Ansatz findet. Obgleich sie die Natur unter ihrer Stachelschale versteckt hat, sind sie doch sehr häufig. Zuweilen stecken in einer einzigen Schale drei Kerne. Die Haut, welche zwischen Schale und Kern liegt, verschlechtert, wie bei den Nüssen, den Geschmack. Man verspeist sie lieber geröstet als roh. Sie werden auch gemahlen und können dann ein Brot geben. Ursprünglich sind sie in Sardes heimisch, und deswegen nennen sie die Griechen auch sardische Eicheln; denn Zeus-Eicheln sind sie erst später genannt worden, als sie durch gute Pflege veredelt waren. Jetzt gibt es mehrere Arten von Kastanien; die tarentinischen sind flach, die sogenannte balanitis ist runder, die pura geht leicht aus der Schale, die salariana ist flach, die corelliana ist gut, ebenso die von ihr gezogene eterejana, doch stellt nur ihre rote Schale sie über die dreikantigen, gemeinen schwarzen, welche auch Kochkastanien (coctiva) heißen. Die besten Kastanien wachsen um Tarent und Neapel. Bei den geringen Kastaniensorten zieht sich die Schale bis in den Kern; sie sind daher schwer verdaulich und dienen nur zu Schweinefutter.“

Sein Zeitgenosse, der griechische Arzt Dioskurides, sagt in seiner Arzneilehre: „Die Kastanie hat verschiedene Namen: sardische Eichel, lópimon, kástanon, auch móton, Zeus-Eichel. Sie sind der Wirkung nach den eßbaren Früchten der Eichenbäume ähnlich; besonders haben die Häute zwischen Schale und Fleisch zusammenziehende Eigenschaften.“ Zur Erklärung der Bezeichnungen corellianische und eterejanische Kastanien schreibt derselbe Autor an einer andern Stelle: „Als eine Merkwürdigkeit mag hier folgendes erwähnt werden: Der römische Ritter Corellius, aus Ateste gebürtig, veredelte einmal im Neapolitanischen einen Kastanienbaum mit dessen eigenem Reise, und aus diesem erwuchs eine vortreffliche Kastaniensorte, die noch jetzt nach jenem Ritter die corellianische heißt. Später veredelte sein Freigelassener namens Eterejus diese Kastanie wieder, und nun zeigte sich der Unterschied, daß die corellianische reichlichere, die eterejanische aber bessere Früchte trug.“

In den Geoponika sagt ein griechischer Autor, daß die (schwarze) Maulbeere auf Kastanie (kástanon) und Speiseeiche (phagós von phageín, essen) gepfropft werde. Und der zur Zeit Cäsars und Augustus’ lebende griechische Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien, daher Siculus zubenannt, schreibt in seinem Geschichtswerk: „In Arabien wird gediegenes Gold in Stücken gefunden, welche die Größe einer Kastanie (káryon kastanaikón) haben“, und an einer andern Stelle: „Im Lande der Ichthyophagen (d. h. Fischesser, bei den Alten zwei Völker, in Gedrosien und Arabien) wachsen viele Ölbäume, deren Frucht einer Kastanie ähnlich ist.“ Der aus Spanien gebürtige römische Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. sagt: „Der Kastanienbaum (castanea) ist der Steineiche (robur) ähnlich und deswegen zu Pfählen für den Weinstock sehr brauchbar. Die Frucht (nux, d. h. Nuß) wird im Herbst in zweimal gegrabenen Boden gesät und keimt rasch. Neben jede steckt man einen kurzen Rohrstab, um beim Jäten zu wissen, wo sie liegt. Sobald die Stämmchen zweijährig sind, verpflanzt man so viele, daß die bleibenden je zwei Fuß auseinanderstehen, damit sie einander nicht schaden. Die Samen werden deswegen dichter gelegt, weil sie durch verschiedene Zufälle am Keimen verhindert werden können, z. B. durch Trockenheit oder ein Übermaß von Nässe, durch Mäuse und Maulwürfe.“ Und Palladius sagt im 4. Jahrhundert n. Chr.: „Versetzt man Kastanienbäumchen (castanea), die irgendwo von selber gewachsen sind, so gedeihen die so schlecht, daß man oft zwei Jahre lang nicht weiß, ob sie am Leben bleiben oder nicht. Besser als im November werden die Kastanien im Februar gesät, nachdem man sie zuerst, im Schatten getrocknet und 30 Tage mit Flußsand bedeckt hat stehen lassen und dann durch Werfen in kaltes Wasser geprüft hat, welche untersinken und somit gut sind und welche schwimmen und damit bekunden, daß sie krank sind. Wenn sie zweijährig sind, werden die jungen Bäumchen versetzt. Wenn sie angewachsen sind, pfropft man sie, und zwar, wie ich selbst probiert, im Monat März oder April in die Rinde; doch kann man sie auch okulieren. Man pfropft Kastanien auf Kastanien oder Weiden (salix). Doch reift in letzterem Falle die Frucht später und schmeckt weniger angenehm. Man hebt die Kastanien in Hürden auf, doch so, daß sie nicht aufeinander liegen, oder man legt sie so einzeln in Kies, daß sie sich nicht berühren, oder man tut sie in neue irdene Töpfe und vergräbt diese an einem ziemlich trockenen Orte, oder man bewahrt sie in Körben auf, die luftdicht mit Lehm bestrichen sind, oder unter feiner Gerstenspreu, oder in Behältern, die dicht aus Binsen geflochten sind.“

Mit den gleich zu besprechenden Walnüssen kamen auch die Kastanien in der römischen Kaiserzeit über die Alpen und daraus wurden in den römischen Kolonien von den sich hier ansiedelnden Veteranen die betreffenden Fruchtbäume gezogen. So fanden sich in den älteren, später von den Soldaten selbst mit allerlei Wegwurf zugeschütteten Brunnen des römischen Kastells auf der Saalburg zahlreiche Walnußschalen, und bei Ausgrabungen in Mainz stieß man wiederholt auf Kastanien, welche von der Beliebtheit dieser beiden Fruchtarten bei den Römern Kunde geben. Venantius Fortunatus, der Freund und Landsmann des fränkischen Bischofs Gregor von Tours in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts n. Chr. sandte seiner Freundin Radegunde ein Körbchen mit Kastanien, das von einem poetischen, uns noch im Wortlaut erhaltenen Billette begleitet war, worin er ihr als ländliche Gabe molles (d. h. weiche) castaneas, „die der Baum auf dem Felde trug“ anbietet. Später verordnete Karl der Große die Anpflanzung von castanearios in den kaiserlichen Krongütern. Nach England kam dieser Baum erst am Anfang des 16. Jahrhunderts.