Im 16. Jahrhundert, als man überall bestrebt war, neue Pflanzen in die Gärten aufzunehmen, hat man die Johannisbeere zuerst nach Italien gebracht. In einem 1561 in Straßburg gedruckten lateinischen Werke des Zürchers Konrad Gesner wird erwähnt, daß in Florenz eine rote Johannisbeere vorkomme mit haselnußgroßen Früchten von sehr saurem Geschmack. Heutigentags wird die Johannisbeere in Italien so gut wie gar nicht kultiviert, denn sie gedeiht dort sehr schlecht. Das gleiche ist in Griechenland der Fall, wo die Früchte tá phrangkostáphyla, d. h. Frankentrauben, genannt werden. Da nun die Griechen alle Westeuropäer Franken nennen, so gibt dieser Name an, woher die Johannisbeere nach Griechenland gelangte.
Die schwarze Johannisbeere (Ribes nigrum), gleich der vorigen mit Blütentrauben versehen, von ihr aber durch schwarze Beeren verschieden, war im Altertum den Griechen und Römern ebensowenig als die rote Johannisbeere bekannt. Sie hat wie diese ihre Heimat weiter nördlich in Mittel- und Nordeuropa, durch ganz Sibirien bis zum Amur und im Westhimalaja und wächst in feuchten Wäldern. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde man auf sie aufmerksam, zunächst wohl durch ihre Ähnlichkeit mit der roten Johannisbeere. Aber die Früchte, die einen entschiedenen Geschmack nach Wanzen haben, fand man zunächst durchaus nicht angenehm. Erst später gewöhnte man sich daran und viele fanden ihn sogar höchst angenehm, so daß man seine Früchte wie diejenigen der roten Johannisbeere zu Konfitüre und Gelee einmachte. R. Dodonaeus gibt in seiner 1583 zuerst erschienenen Botanik eine gute Abbildung von ihr, sagt aber, daß sie nur selten in Gärten angebaut werde. Le Grand d’Aussy berichtet in seinem 1782 veröffentlichten Buche Histoire de la vie privée des Français, daß der von ihm cassis genannte Strauch seit kaum 40 Jahren in den Gärten Frankreichs gepflanzt werde, und zwar nur infolge einer Broschüre, die dieser Pflanze alle nur erdenkbaren guten Eigenschaften andichtete. Aus seinen Früchten wird ein beliebter, sehr wohlschmeckender Likör bereitet.
Wie die rote und schwarze Johannisbeere ist die Stachelbeere (Ribes grossularia) im gemäßigten und nördlichen Europa und im sibirischen Waldgebiet bis zur Mandschurei und Nordchina, ebenso im westlichen Himalaja und auf dem Atlasgebirge einheimisch. Die Griechen und Römer kannten sie nicht, auch nicht in wildem Zustande. Der Strauch wird zuerst in einem Psalmenbuch des 12. Jahrhunderts als groiselier zur Bezeichnung eines Dornenstrauchs und die Frucht vom Trouvère (= dem provenzalischen Troubadour) Rutebeuf im 13. Jahrhundert als groiselle erwähnt. Die Umstände, unter denen dies geschieht, sind aber solcher Art, daß diese Bezeichnung nach den Ausführungen von Fischer-Benzon eher auf den Weißdorn als auf die Stachelbeere zu beziehen sind. Jedenfalls kann in diesen beiden Fällen nur eine wildwachsende Pflanze gemeint sein. Die erste unzweideutige Erwähnung des Stachelbeerstrauchs finden wir im bereits erwähnten, 1536 in Basel gedruckten lateinischen Buche von J. Ruellius, der darin von ihr folgendes sagt: „Die Beere des dornigen Strauches wird im unreifen Zustande wegen einer nicht unangenehmen Säure statt saurer Trauben zu Saucen oder Suppen benutzt. Da sie gleichsam das Aussehen einer Feige (grossulus) aufweist, nennt das Volk den Strauch grossularia (groseillier) und die Frucht grossula (groseille). Nach erlangter Reife wird die Beere so süß, daß sie gegessen werden kann; dennoch wird sie bei üppigen Mahlzeiten verschmäht, wohl aber von schwangeren Frauen begehrt.“ Weiter sagt er, daß die Stachelbeere in den Gärten häufig zu finden sei. Da er 1474 geboren wurde, so reicht seine Erinnerung bis in das 15. Jahrhundert zurück, und wir müssen annehmen, daß er sie allerdings in sehr wenig veredelter Form schon als Kind kannte. In Deutschland erwähnen sie zuerst Hieronymus Bock 1539 und Konrad Gesner 1542 als noch wenig bekannte Gartenpflanze. Sie nennen sie Grosselbeere und grossularis und empfehlen sie in erster Linie als Heckenpflanze. Erst gegen das Ende des 16. Jahrhunderts war die Kultur der Stachelbeere in Deutschland ziemlich allgemein geworden und erzog man bald bessere, großfrüchtige Sorten. Im Jahre 1589 erhielt der Franzose Carolus Clusius, Botanikprofessor in Leiden, von Carolus de Tassis, Bürgermeister von Amsterdam, eine aus England erhaltene Stachelbeere mit roten Früchten und 1514 sah er im Garten zu Leiden eine Sorte mit dunkelroten Früchten, während er vorher nur grüne Stachelbeeren mit größeren Früchten als die wilden Arten gekannt hatte. Das eine steht fest, daß die Stachelbeere als Kulturpflanze von Westen nach Osten und Norden wanderte. In Leiden gedeiht sie schlecht, noch schlechter als die Johannisbeere. Das französische groseillier und groseille bezeichnete ursprünglich den Stachelbeerstrauch und seine Frucht, während die Johannisbeere durch die Zusätze rouge und d’outre mer von ihm unterschieden wurde, heute bedeutet es die Johannisbeere, von der man die Stachelbeere als grosseille à maquereaux unterscheidet. Gegenwärtig werden als reife Speisebeeren die zum Teil taubeneigroßen Formen bevorzugt, welche ursprünglich in England gezüchtet wurden und gern hochstämmig gezogen werden. Hierzu pfropft man die Stachel- wie die Johannisbeeren auf Stämmchen der früher besprochenen, 1812 aus Nordamerika in unsere Gärten verpflanzten goldgelb blühenden Johannisbeere (Ribes aureum). Mehrere amerikanische Stachelbeersträucher werden bei uns als Ziersträucher kultiviert.
Wie Johannis- und Stachelbeere hat der Mensch auch die Himbeer- und Brombeerstaude in Pflege genommen und durch Kulturauslese bedeutend veredelt, während Heidel- und Preißelbeeren nach wie vor nur im wilden Zustande bekannt sind und noch immer wie in der Urzeit dem Menschen reichen Ertrag liefern. Die Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) durchzieht den Waldboden mit ihren unterirdischen braunen Sprossen wie ein dichtes Netzwerk, treibt grüne, kantige Stengel, deren jeweilige Triebspitze bald das Wachstum einstellt, während seitlich unter ihr ein neuer Trieb abzweigt. Dadurch erhalten die beblätterten Stengel ihre eigenartige Verzweigung. Die rötlichgrünen, kugeligen Blüten hängen einzeln an den Ästchen und lassen nach der Befruchtung durch Insekten jene wohlbekannten schwarzblauen, dunkel bereiften Beeren hervorgehen, die vermöge der Färbekraft ihres dunkelroten Saftes vielfach der „Rotwein“fabrikation dienen. Die eiförmigen, dünnen Blätter der Heidelbeere fallen im Herbste ab, während dies bei den lederigen Blättern der immergrünen Preißelbeere (V. vitis idaea) nicht der Fall ist. Letztere ist nicht nur im Walde zu Hause, wie erstere, sondern bedeckt auch weite Strecken auf dürrem Heideboden. Ihre rötlichweißen, glockigen Blüten drängen sich in Trauben am Triebende zusammen. Die leuchtendroten Beeren reifen erst nach den Heidelbeeren und werden weniger frisch verwendet als diese, um so mehr aber in eingemachtem Zustande.
Seltener ist die auf Moorboden wachsende Rauschbeere oder Sumpfheidelbeere (V. uliginosum), deren große, schwarze, hellbereifte Früchte ebenfalls eßbar, aber von fadem Geschmack, wenn auch nicht berauschend sind, wie man früher fälschlicherweise glaubte, weshalb man sie Rauschbeeren nannte. Sie sind indessen narkotisch und bewirken, in Menge genossen, Kopfschmerzen und Erbrechen. Die Pflanze mit viel größeren und kantigen, braunroten Zweigen wie bei der Heidelbeere und bläulichgrünen, ganzrandigen Blättern, trägt viel zur Torfbildung bei. Die Moosbeere (V. oxycoccos) dagegen, die besonders auf den mit Torfmoos überzogenen Moorgründen der Hochmoore gedeiht, ist ein kleines Sträuchlein mit fadenförmigem Stengel, zierlichen, immergrünen Blättchen und an langem Stiele nickenden rosenroten Blüten. Die roten, erst nach einem Froste genießbaren Beeren sind nur für Nordeuropa, wo die Pflanze häufig vorkommt, wichtig und werden wie die Preißelbeeren eingemacht. Eine größere Bedeutung hat neuerdings die in Nordamerika einheimische, unserer Moosbeere sehr ähnliche, nur größere Kronsbeere (V. macrocarpum) erlangt, welche ihrer genießbaren Früchte wegen auch bei uns zum Anbau auf Torfboden empfohlen worden ist. In ihrer Heimat hat man sie, die man dort cranberry nennt, auf feuchtem Gelände in größerem Maße angepflanzt. Sie gibt dort reiche Erträge an Beeren, die größer und billiger als die Preißelbeeren sind. Viel kürzere Zeit sind zwei Brombeerarten in Kultur, nämlich die nordamerikanische Loganbeere, die 4–6 cm lange rotbraune Früchte von angenehmem Geschmack liefert, und die japanische Weinbeere, die hellrote, von einem rotbraun behaarten Kelch eingeschlossene, wohlschmeckende Beeren von der Größe einer Himbeere liefert. Auch um die Veredelung des Beerenobstes hat sich der Amerikaner Luther Burbank in Kalifornien in hohem Maße verdient gemacht. Welch große volkswirtschaftliche Bedeutung die einheimischen Waldbeeren besitzen und welchen Verdienst sie der sie meist kostenlos einsammelnden ärmeren Bevölkerung bringen, kann man aus der Angabe ermessen, daß der Ertrag daran in besonders guten Jahren für das Gebiet einer einzigen Oberförsterei bis 100000 Mark betragen kann.
Tafel 155.
Johannisbeer-Anpflanzung, teils buschig, teils hochstämmig gezogen, mit dazwischen gepflanzten Erdbeeren.
(Anlage der Konservenfabrik Lenzburg.)
Tafel 156.