Zierbäume und Sträucher des Botanischen Gartens zu München. Im Hintergrund der Glaspalast.

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GRÖSSERES BILD]

Von weiteren Beerenfrüchten sind endlich noch diejenigen der Mistel (Viscum album) zu nennen, deren zähschleimiger Inhalt bei uns zur Herstellung von Vogelleim benutzt wird, während in Südeuropa hierzu derjenige der Riemenblume (Loranthus europaeus) dient. Dieser Schmarotzer wächst vorzugsweise auf Eichenarten und Kastanien. Schon im Altertum wurden die Beeren des Loranthus, der bei den Griechen ixía und bei den Römern viscum hieß, in dieser Weise verwendet, weshalb der Vogelleim selbst bei jenen íxos und bei diesen viscum hieß. So schreibt Dioskurides: „Der beste Vogelleim wird von der runden Frucht eines Strauches bereitet, der auf der Eiche wächst und dessen Blätter dem Buchsbaum (pýxos) ähnlich sind. Die Frucht wird zerstoßen, dann gewaschen und in Wasser gekocht. Manche stellen den Vogelleim auch kurzweg durch Kauen der Frucht her.“ Sein Zeitgenosse Plinius drückt sich ihn ähnlicher Weise aus. Er sagt: „Der beste Vogelleim kommt vom viscum der Steineiche (robur). Diese werden zur Erntezeit gesammelt, wenn sie noch unreif sind; denn bei später folgenden Regengüssen wachsen sie zwar noch, aber der Leimstoff nimmt ab. Man trocknet sie, zerstößt sie in einem Holzmörser und kocht sie in Wasser, bis nichts mehr obenauf schwimmt. Die zähe Masse wird dann, bevor sie zum Vogelfang verwendet wird, mit Nußöl zusammengeknetet. Sie wird auch zu erweichenden Pflastern verwendet. Manche glauben, das viscum werde durch religiöse Einwirkung kräftiger, wenn man es nämlich bei Neumond und ohne Eisen anzuwenden von der Steineiche sammle. Es sei dann auch in andern Fällen wirksam, vorausgesetzt, daß es die Erde nicht berührt habe.“

Daß diese Schmarotzer nur auf Bäumen und nicht auf der Erde gedeihen, hat schon die Gelehrten des Altertums beschäftigt. Interessant ist, daß schon Theophrast im 4. Jahrhundert v. Chr. von der Verbreitung dieser Misteln wußte, daß sie durch Vögel (vorzugsweise von der Misteldrossel) bewirkt wird. Er schreibt in seiner Pflanzengeschichte: „Jedenfalls ist es ein Wunder, daß die Ixia-Arten, welche doch eine tüchtige Frucht haben, durchaus nicht in der Erde keimen. Sie wachsen nur auf Bäumen und entstehen jeweilen aus Samen, die von Vögeln verschluckt worden und mit deren Kot auf die Bäume gekommen sind. Manche Eichen tragen sowohl die Riemenblume (ixía) als die Mistel (hýphear), und zwar wächst erstere auf der Nordseite und letztere auf der Südseite des Baumes.“

Die Mistel ist neuerdings dadurch sehr interessant geworden, daß verschiedene, äußerlich nicht unterscheidbare Rassen von ihr festgestellt wurden, die jeweilen nur auf bestimmten Baumarten gedeihen. So geht die auf unsern Apfelbäumen und Schwarzpappeln verbreitete Form wohl auf andere Laubhölzer, am seltensten auf Eichen, nicht aber auf Nadelhölzer über, während die Tannenmistel ausschließlich auf der Weißtanne wächst, Kiefern und Fichten dagegen gemeinsam eine dritte Form zu besitzen scheinen. Daß die mitten im Winter in den kahlen Baumkronen grünenden Büsche in der Mythologie und im Volksglauben unserer Vorfahren eine gewisse Rolle spielten, ist sehr begreiflich. Nach der germanischen Sage wurde der lichte Gott des Sommers, Baldur, vom blinden Wintergott Hödur durch einen Mistelpfeil getötet. Es ist dies der strahlende Sonnengott, der im Winter von der Macht der Finsternis dahingerafft wird, um im Frühling aufs neue in jugendlicher Pracht zu erstehen. Und daß dies der Fall sein werde, dafür bietet der Mistelzweig Gewähr, den man in Nachahmung angelsächsischer Sitte am Julfest neuerdings auch bei uns bei der Wintersonnenwende in den Wohnungen aufhängt; denn der gabelige Mistelzweig ist das Symbol der Wiederbelebung der erloschenen Sonnenkraft, die nach altem Volksglauben in der Mistel allein lebendig bleibt, wie schon äußerlich ihr Weitergrünen auf den im Winter wie erstorben ihrer Blätter beraubt dastehenden Laubbäumen beweist. Daher rührt die allheilende und belebende Kraft desselben gegen alle Übel. Am Tage von Baldurs Neugeburt, wenn die größte Sonnenschwäche vorüber ist, am Julfest oder am Neujahr, sammelte man feierlich die „Allheilende“, um die Wohnung während der Festzeit damit zu schmücken und zu weihen. Ähnliche mythologische Beziehungen haben unzweifelhaft auch zu der außerordentlichen Verehrung Veranlassung gegeben, die die Mistel bei den keltischen Volksstämmen genoß. Ihre Priester, die Druiden, berichtet Plinius, kennen nichts Heiligeres als die Mistel und ehren auch den Baum, auf dem sie wächst, namentlich wenn es eine Eiche ist. Dies ist aber nur äußerst selten der Fall. Hatte man nun ausnahmsweise eine solche auf dem dem Donnergotte heiligen Eichbaum entdeckt, so wurde sie mit großer Feierlichkeit am sechsten Tage nach dem Neumond zu Jahresbeginn eingeholt. Nachdem man unter dem heiligen Baum die gehörigen Opfer dargebracht und die Festmahlzeit veranstaltet hatte, bestieg der in weiße Gewandung gekleidete oberste Druide den Baum, schnitt mit einer goldenen Sichel die Mistel ab und warf sie in seinen Mantel. Diese von den Kelten die „Alles heilende“ genannte Pflanze durfte den Boden nicht berühren und half dann angeblich gegen alle Leiden, wurde nach Plinius insbesondere zur Heilung der Epilepsie verwendet. Derselbe römische Autor bezeichnet das Neujahrsfest als den Hauptsammeltag für die Mistel, und in Frankreich hat sich noch in manchen Gegenden die uralte Sitte erhalten, daß Kinder am Neujahr mit einem Mistelbusch von Haus zu Haus laufen und mit dem Ruf: Aguillaneuf (entstanden aus: au gui l’an neuf) Eßwaren und ein Geldgeschenk verlangen. In Deutschland scheint der Ruf „Guthyl“ und das Neujahrs-„Anklopfen“ mit grünen Ruten dem zu entsprechen. Zum Schluß soll noch die Eigentümlichkeit erwähnt werden, daß auf den faulenden Stengeln der Mistel ein besonderer Pilz (Tubercularia visci) und auf den Blüten ein bestimmter Blattfloh (Psylla visci) lebt.

[4] 2. Band betitelt: Das Leben der Erde mit 380 Abbildungen im Text, 21 Vollbildern und 2 Stammbäumen, München 1908, Verlag von Ernst Reinhardt.

[5] S. Näheres nebst Abbildung in dem Abschnitt über akarophile Gewächse auf Seite 492 ff. in Band II des: Vom Nebelfleck zum Menschen, betitelt das Leben der Erde, Verlag von Ernst Reinhardt, München 1908.

XXXI.
Die Nutzhölzer.