Eines der wichtigsten Rohprodukte des Pflanzenreiches, das auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit die mannigfaltigste Verwendung findet, ist das Holz. Aus ihm hat sich der tertiäre Urmensch neben den aufgelesenen Steinen seine ersten Werkzeuge und Waffen zur Unterstützung und Verlängerung seiner Arme gemacht, bevor er sich noch Geräte aus Feuerstein herzustellen begann. Und je höher er später in der Kultur fortschritt und je mehr er zum Herren der Erde wurde, um so größere Bedeutung gewann für ihn das Holz als unentbehrliches Rohmaterial für alle Bedürfnisse des täglichen Lebens, zu allerlei Hantierung und zum Brennen.

Unter den mannigfaltigen Holzarten, die ihm in verschiedenen Gegenden und zu verschiedenen Zeiten in wechselnder Menge und Beschaffenheit zu Gebote standen, wußte er dabei für die verschiedenen Zwecke eine Auswahl zu treffen, indem er bald die Eigenschaften der verschiedenen Holzarten kennen lernte. Dabei stand ihm gerade in unserm Kontinent gegenüber Ostasien und besonders Nordamerika eine sehr geringe Auswahl von Holzarten zur Verfügung. So setzen kaum 40 einheimische Baumarten den Wald des nördlichen Europa zusammen, den Wald der Vereinigten Staaten dagegen 400. Die Zahl der Eichenarten ist in Europa ganz außerordentlich gering, in den Vereinigten Staaten und in Mexiko dagegen recht groß; die Zahl der Kiefernarten beträgt in Europa 10, in Nordamerika aber 40; selbst Kanada weist noch 15 Nadelhölzer auf.

Aber nicht bloß sind im nordamerikanischen Wald fast alle Baumgattungen des europäischen Waldes in einer größeren Artenzahl vertreten, so Eichen und Eschen in 13 Arten, Ahorne in 8 Arten, Birken in 7 Arten, Ulmen und Nußbäume in je 5 Arten usw., sondern es sind in ihm eine große Zahl von Gattungen vorhanden, die dem europäischen Walde vollkommen fremd sind, darunter die Hickorybäume (Carya) mit 9 weitverbreiteten Arten, die Magnolien mit 7, die Platanen mit 3, die Catalpa mit 2 Arten, der Tulpenbaum (Liriodendron), der Sassafras, die Sequoia mit 2 Arten, die Douglastanne und verschiedene andere. Die beiden zuletzt genannten Gattungen, ebenso wie die Riesentanne (Abies gigantea), die Riesenceder (Thuja gigantea), die Zuckerkiefer (Pinus lambertiana) mit ihren vielfach über 100 m emporragenden und mehrere Meter dicken Stämmen veranschaulichen zugleich am besten, zu welcher Riesenhaftigkeit sich der nordamerikanische Baumwuchs nicht nur in Kalifornien und Oregon, sondern auch im appalachischen Osten gestaltet, wo die Weiß- und Roteichen (Quercus alba und Q. rubra), die Magnolien (M. grandiflora), die Kastanien (Castanea americana), die Platanen und Pappeln vielfach gewaltige Baumgestalten darstellen.

Noch artenreicher als selbst das appalachische Gebiet an der atlantischen Seite Nordamerikas ist das asiatische Florenreich, das zudem eine auffallende Ähnlichkeit mit ersterem zeigt; hat es doch nicht weniger als 250 Arten in 65 Gattungen mit jenem gemein. Beide Florenreiche aber stehen dem tertiären Florenreiche Europas zum größten Teil ziemlich nahe. Zur Tertiärzeit wuchsen nämlich in Europa Riesencedern, Sumpfcypressen, Storax- und Walnußbäume, Liquidambar, Tulpenbäume, Catalpa und Sassafras, die vor der von Norden her vordringenden Vereisung im südlichen Teil Nordamerikas eine Zuflucht fanden und am Leben blieben, während sie bei uns vernichtet wurden, und zwar ganz wesentlich infolge der ostwestlich gerichteten Gebirge, die ein Entweichen nach dem Süden über den Wall der Alpen und Karpaten nicht erlaubten. Auch ein Entweichen nach Osten war durch die Verbindung des Kaspischen Meeres mit dem Mittelmeere verhindert. So war ein Zurückweichen und ein Wiederkehren wie in Nordamerika weder im Süden, noch im Osten Europas möglich.

Als die niederschlagsreichen, kalten Winter der Eiszeit nachließen und die letzte Vereisung wich, drangen in Europa von Süden nach Norden Bäume ein, die geringere Wärmemengen als die einstigen tertiären zur Vollendung ihrer Vegetationsperiode verlangen. So war nach den Ablagerungen in den Torfmooren die Kiefernperiode die älteste Waldperiode der mittel- und nordeuropäischen Länder. Nur in Dänemark scheint der Kiefernperiode eine ganz kurze Übergangszeit mit Espen und Birken vorausgegangen zu sein. Mit dem Wärmerwerden des Klimas folgten der Kiefer die Eiche nebst Spitzahorn, Esche, Mistel und Efeu und gelangten in der jüngeren Ankyluszeit, während noch die Landbrücke zwischen Jütland und Schonen bestand, auch nach Schweden. In diese Eichenzeit fällt die frühneolithische Stufe der Kjökkenmöddinger mit ihren Abfallhaufen von Meereskonchylien, die zu einer Zeit entstanden sein müssen, als das Meer an der Ostsee noch salziger und wärmer war als heute. Auf diese wärmere Eichenzeit folgte mit der Entstehung der vom Meere erfüllten Litorinasenkung eine Klimaverschlechterung, welche zur Folge hatte, daß zunächst die Fichte und dann die Buche immer weiter nach Norden rückten. In diese Zeit fällt die ältere nordische Steinzeit. Während der jüngeren Stein- und Bronzezeit war der häufigste Nadelholzbaum der Schweiz die Weißtanne, die wir neben viel Eichen und besonders auch Buchen, seltener Kiefern, als hauptsächlichstes Nutzholz der Pfahlbauzeit antreffen.

Damals so wenig als in früherer prähistorischer Zeit war übrigens Mitteleuropa von einem geschlossenen Urwalde bedeckt, vielmehr waren die Wälder in großem Umfange von Steppengebieten, Mooren, Heiden und andern waldfreien Flächen durchzogen. Und gerade die Steppenstriche waren für die älteste menschliche Siedelungsgeschichte von hervorragender Wichtigkeit, denn die ältesten Ansiedler folgten durchweg bei der Besiedelung des Landes den waldfreien Strecken. Erst in dem Maße als später die Bevölkerungsdichte zunahm und leistungsfähige Metallwerkzeuge zum Roden und dann Verbrennen des Waldes aufkamen, wurde mit der zunehmenden Waldvernichtung begonnen, die selbst heute noch nicht überall zum Stillstand gekommen ist.

Viel schlimmer als einst unsere Vorfahren haben neuerdings die Nordamerikaner mit dem Walde, dem größten Reichtum ihres Landes, gehaust. Weite Gebiete der Vereinigten Staaten sind durch den größten Raubbau des einst sie bedeckenden Waldes verlustig gegangen, was auch direkt durch Klimaverschlechterung für die Einwohner fühlbar wurde. In Florida, Georgia und Carolina wurden von den Terpentinausbeutern die Wälder der Küstenkiefer, welche unter einer maßvolleren Methode jahrhundertelang die beste Einnahmequelle für die Bevölkerung der Südwestküste hätte bilden können, in einer Weise ausgeraubt, daß 9⁄10 des Terpentingehaltes jedes Baumes weggeworfen und der ausgeraubte Baum gefällt und seinem Schicksal überlassen wurde, bis das ganze Land verödet war. In derselben Weise sind die schier endlosen Pinienwälder von Wisconsin und Michigan, die ausgedehnten Gebiete der weißen Rieseneiche im westlichen Ohio, Indiana, Illinois, Kentucky, Missouri und Arkansas und die unvergleichlichen Wälder der schwarzen Walnuß, welche die Ländereien von Indiana und Illinois bedeckte, vernichtet worden. Aus einer jungen Weißeiche stellte man eine einzige Eisenbahnschwelle her und ließ den Rest verfaulen. Das beste Holz war in solchem Überflusse vorhanden, daß es völlig wertlos schien. Und so wirtschaftete der rücksichtslose Amerikaner gedankenlos weiter, bis das Holz begann selten zu werden; da erst dachte man daran, die Wälder zu schützen. Ginge nun der Raubbau in der bisherigen Weise weiter, so würde in etwas mehr als 25 Jahren Amerika keine Wälder mehr besitzen. Man hat ausgerechnet, daß das Land infolge Schwindens der Wälder mehr als 100 Quadratmeilen fruchtbaren Boden jährlich durch Austrocknung verliert. In genauem Verhältnis zum Raubbau der angrenzenden Wälder vermindern sich die Wassermassen des Mississippi; denn die Wälder sind es, die die rasche Verdunstung des gefallenen Regens verhindern und überhaupt die Niederschläge veranlassen oder wenigstens begünstigen. Nimmt man die Wälder fort, so nimmt man den Flüssen ihre Nahrungsmittel weg, wenigstens das, was ihnen Nahrung mittelbar zuführt.

Was nicht die Gier nach Gewinn am Walde sündigte, das verschuldete in der Union der grenzenlose Leichtsinn und die Schlechtigkeit der Holzarbeiter, Jäger und Abenteurer, denen jedes Verantwortlichkeitsgefühl abgeht. Unfreiwillig oder freiwillig gelegt, entflammt sich alljährlich in der Trockenzeit, bald hier, bald dort der unheimliche Waldbrand, nimmt durch die Lässigkeit der spärlichen Einwohner meist ungeheure Dimensionen an und vernichtet das Baumwachstum vieler Jahrzehnte. In den letzten 20 Jahren sind durch Waldbrände in den Vereinigten Staaten etwa 2000 Menschen umgekommen und ist für verschiedene Milliarden Mark Materialschaden erwachsen. Der jährliche Durchschnittsverlust an Holz durch solche Waldbrände läßt sich auf etwa 100 Millionen Mark schätzen. Der Waldbrand des Jahres 1910, von dem in den Zeitungen zu lesen war, hat hunderte von Menschenleben, zahlreiche Ortschaften, 8 Städte und Wälder im Wert von 50 Millionen Mark zerstört. Er war klein zu nennen gegenüber demjenigen von 1908, der herrliche Wälder in einer Längenausdehnung von 300 km im Werte von 400 Millionen Mark zerstörte, oder gar gegenüber demjenigen von 1871, der für über 8 Milliarden Mark, d. h. mehr als der zehnjährige Holzverbrauch des Landes beträgt, Wald vernichtete.

Zu den Waldbränden kommen noch die gewöhnlichen Feuersbrünste, die jedes Jahr für nahezu 1000 Millionen Mark Gebäude und Einrichtungen in den Vereinigten Staaten zerstören. Natürlich nimmt diese Zerstörung das Kapital der Wälder in entsprechendem Maße in Anspruch. Dazu kommt der stetig wachsende Verbrauch von Holzpapier, der ausgedehnten Waldungen das Leben kostet. Die zahlreichen Zeitungen allein verschlingen jährlich etwa 3000 Millionen kg Holz. Die Menge des jährlich in der Union geschlagenen Holzes ist schon jetzt dreimal größer als der jährliche natürliche Zuwachs. So hat man ausgerechnet, daß das unermeßlich erscheinende Kapital, das die Union in ihren Waldungen besaß, schon in einem oder spätestens zwei Generationen aufgebraucht sein wird, wenn nicht vorher dem unsinnigen Holzkonsum Halt geboten wird.

Während das Holz für unsere Altvordern außer dem Verbrennungswert noch einen gewissen Wert als Bau- und Werkmaterial besaß, ist in unserer Zeit seine Verwendungsmöglichkeit ins Ungeheure gestiegen; denn wir machen nicht nur Papier damit, aus welchem ganze Häuser und selbst Eisenbahnräder hergestellt werden, sondern wir verfertigen daraus sogar Kunstseide, die immer weitere Verwendung findet. Welche Wertsteigerung dabei das Holz erfährt, können wir aus einer diesbezüglichen Zusammenstellung ersehen. Ein Raummeter Holz wiegt nach O. N. Witt 400–500 kg und kostet im Walde 3 Mark. Derselbe Raummeter, als Brennholz an Ort und Stelle befördert, erhöht seinen Wert auf 6 Mark. Durch Kochen mit Soda oder Sulfitlauge lassen sich aus dem Holze etwa 150 kg Zellstoffasern isolieren; da 100 kg davon einen Wert von 15–20 Mark besitzen, läßt sich der Nutzungswert des Raummeters auf etwa 30 Mark schätzen. Wandelt man die Zellstoffaser durch dünnes Ausbreiten auf der Papiermaschine zu Papier um, so ergibt sich ein Wert für die Zellulose des angewandten Raummeters Holz von 40–60 Mark. Verspinnt man die Zellstoffaser zu Zellstoffgarn für Jute- und Baumwollersatz, so erzielt man Verkaufswerte von 50–100 Mark. Überführt man die Zellstoffaser durch Lösen in einer Mischung von Kupferoxyd und Ammoniak (Salmiakgeist) und Pressen durch feine Düsen in eine Säurelösung, in der sie sofort zu einem feinen Faden erstarrt, in künstliche Seide, so kommt man zu einem Werte von 3000 Mark pro Kubikmeter. Und gewinnt man schließlich ein für spezielle Zwecke ganz besonders wertvolles Produkt künstlicher Seide daraus, so stellt sich der Wert auf den angewandten Raummeter Holz, der also ursprünglich 3 Mark wert war, auf reichlich 5000 Mark. Diese Kunstseide wird hauptsächlich zur Herstellung von Spitzen, Borden, Bändern und Quasten verwendet. Auch für Krawatten- und Möbelstoffe, Vorhänge und Tapeten bildet die Kunstseide ein ausgezeichnetes Material, das in immer steigendem Maße in den Handel gelangt. Schon heute wird die Gesamtwelterzeugung dieser jungen Industrie auf 5 Millionen kg — allerdings gegen etwa 50 Millionen kg Naturseide — geschätzt. Allein Deutschland verbraucht etwa 1,5 Millionen kg im Jahresdurchschnitt, und das Inland war 1909 imstande, Kunstseide im Betrage von etwa 10 Millionen Mark an das Ausland abzugeben.