VIII. Das Kamel.
Die Kameliden sind der älteste Zweig der Wiederkäuer, der sich schon im Miozän von der Gesamtfamilie trennte, bevor sich bei ihren Vertretern Hörner oder Geweihe ausgebildet hatten. Sie sind die einzigen Wiederkäuer, die noch im Oberkiefer Schneidezähne — im ganzen vier — besitzen. Mit den ältesten Pferden entwickelten sie sich in Nordamerika, wo während der jüngeren Tertiärzeit die reichste Entfaltung derselben nachweisbar ist. Doch erlosch dort die Gruppe mit dem Eintritt der Eiszeit, während die Kamele nach Asien und die Schafkamele oder Lamas nach Südamerika auswanderten, wo sie sich auf den Höhen der Anden erhielten.
Noch heute lebt ein winziger Überrest der Kamele in ihrer ursprünglichen Wildheit in der innerasiatischen Wüste in der Dsungarei, ebendort, wo auch die letzten Wildpferde zu finden sind. Schon der russische Reisende Przewalski hatte von ihrem Vorkommen im Gebiet des Lob Nor, d. h. im westlichen Teil der Wüste Gobi, berichtet. Doch erhob man damals dagegen den Einwand, es möchten dies einzelne entlaufene und verwilderte Kamele gewesen sein. Indessen hat dann später der schwedische Reisende Sven Hedin auf Grund eigener Beobachtung das Vorkommen von eigentlichen Wildkamelen in jenen menschenleeren Einöden festgestellt. In einem Brief aus Obdal vom Juni 1900 schreibt dieser Autor in der Umschau: „In der Gegend, die wir durchwanderten, kamen wilde Kamele in großer Anzahl vor, und wir sahen und beobachteten sie täglich durch unsere Ferngläser. Sie halten sich längs des Fußes der Berge und in der Wüste auf, begeben sich aber von Zeit zu Zeit zu den schirmenden Quellen, um zu trinken und zu grasen. Es gewährt einen herrlichen Anblick, wenn man eine solche Herde, nachdem man ihr den Wind abgefangen, unvermutet überrascht. Die Karawane mußte, während unsere Jäger sich an die Tiere heranschlichen, in solchen Fällen immer Halt machen. Einige der Kamele standen gewöhnlich aufgerichtet als Späher da, während die andern sich in liegender Stellung ausruhten. Bei Jardang Bulak schoß der Kosake Tjernoff ein prächtiges Kamel, bei Altimisch Bulak unser Führer Abdu Rehim ein anderes. Ich meinerseits zog es vor, mit einem starken Fernrohr bewaffnet, ihre Bewegungen zu beobachten. Es liegt ein märchenhafter Glanz über diesen gewaltigen, stattlichen Tieren, an deren Existenz die Gelehrten bis in die neueste Zeit hinein gezweifelt haben. Es erweckte mein Staunen, daß wir diese Tiere immer nur in den unwirtlichsten, sterilsten und wasserärmsten Wüsten antrafen, wo wir mit unsern zahmen Kamelen Gefahr liefen, vor Durst umzukommen; und doch finden sie nur in solcher Umgebung ihr Fortkommen und sind so scheu, daß sie, wenn sie in meilenweiter Entfernung eine Karawane wittern, tage- und nächtelang fliehen und man nur aus den frischen Spuren ersehen kann, daß sie erst ganz kürzlich aufgebrochen waren.
Wunderschön ist auch der Anblick einer durch unsere Annäherung oder vielmehr durch einen Büchsenschuß erschreckten fliehenden Herde. Sie sehen sich nicht um, sie fliehen bloß und sie fliegen über die Wüste dahin wie der Wind und verschwinden in einigen Minuten am Horizonte, um erst wieder Halt zu machen, wenn sie sich ganz sicher fühlen, weit, weit hinten im Sande.
Es gibt sowohl Mongolen als Muhammedaner, welche nur von der Jagd auf wilde Kamele im Kurruktag und den weiter östlich davon gelegenen Gegenden leben. Diese Jäger sind mit den Gewohnheiten und dem Leben der wilden Kamele durch und durch vertraut. Sie jagen die Weibchen nur während der Brunstzeit, wo die Männchen mörderische Gefechte um ihre Gunst ausfechten. Der Stärkste ist der Herrscher und kann mitunter mit 5–6 Weibchen umherwandern, während die Besiegten, die fürchterliche Wunden davontragen und denen oft große Stücke Fleisch an den Seiten herausgerissen sind, einsam und verschmäht in der Wüste leben und sich den Familienherden nicht zu nahen wagen, wahrscheinlich aber doch der Hoffnung auf Glück das nächste Mal leben. Die Wüste gewinnt durch ihr Erscheinen bedeutend an Leben, und die Männer werden ganz wild, sobald der Ruf erschallt: „java tuga“ (wilde Kamele)!
Einer unserer Jäger verfolgte einmal ein großes schwarzes Männchen, das einen Schuß in das Bein erhalten hatte, aber in südlicher Richtung weiterhinkte, volle zwanzig Stunden lang und kam müde und durstig zurück, ohne daß es ihm gelungen war, das Tier wieder in Schußweite zu bekommen. Wie sonderbar ist doch die Welt, in der diese Tiere leben, und doch müssen sie das Gefühl haben, daß außerhalb ihrer friedlichen Fluren der Feind lauert, denn sonst würden sie nicht eine so stark ausgeprägte Furcht vor den Menschen hegen. Ihre einzige Gesellschaft ist der Buran, der schwarze Sturm, der in dieser Gegend unumschränkt herrscht und mit dem auch wir in intime Beziehung gerieten.“
Diese von der südlichen Dsungarei durch Ostturkestan und Nordtibet verbreiteten wilden Kamele schützen sich wie ihre gezähmten Abkömmlinge vor diesen fürchterlichen Sandstürmen, indem sie ihre Nasenlöcher hermetisch verschließen. Sie besitzen zwei Höcker, wie die von ihnen in direkter Linie abstammenden, in Ost- und Mittelasien als Haustiere lebenden baktrischen Kamele oder Trampeltiere, nur sind sie kleiner als die vom Menschen gezüchteten Höcker. Diese sind, wie der Buckel des Zebus, Ansammlungen von Reservefett, die bei den gezähmten Formen ein Gewicht von 2–5 kg erlangen. Diese Höcker lassen sich durch Mästung wie beim Höckerrind zu extremen Dimensionen steigern, können aber durch längere Zeit fortgesetzte Anstrengung bei knapper Nahrung in wenigen Wochen zum Verschwinden gebracht werden. Das weiter durch Kultur veränderte einhöckerige Kamel oder Dromedar, das sich von seinem Ursprungslande Zentralasien am weitesten westlich nach Afrika hinein entfernte, ist artlich durchaus nicht von diesem zweihöckerigen Kamel oder Trampeltier verschieden. So hat es, wie Lombardini in Pisa 1879 nachwies, während des Fötallebens ebenfalls die Anlage zu zwei Höckern, die sich aber noch im Mutterleibe zu einem einzigen vereinigen. Für die Abstammungsgeschichte ist diese Tatsache von größter Wichtigkeit, indem wir so mit einer einzigen wilden Stammform auskommen, das zweihöckerige Kamel als die ursprünglichere zahme Rasse und davon das Dromedar als jüngere Zuchtrasse ableiten können.
Auch physiologische Gründe sprechen für die Zusammengehörigkeit beider Hauptrassen, indem sich das zwei- und einhöckerige Kamel leicht kreuzen lassen und fruchtbare Bastarde liefern, bei denen sich die Zweihöckerigkeit in ausgesprochener Weise geltend macht. Gleicherweise stimmen die geistigen Eigenschaften bei den Tierarten auffallend miteinander überein. Beide Formen sind wenig begabt, wie es die tiefe Stellung der Familie im Stammbaum der Wiederkäuer mit sich bringt; beide zeigen neben Indifferenz, Dummheit und störrischem Wesen eine auffallend geringe Anhänglichkeit an den Menschen. Immerhin ist das Trampeltier als die ursprünglichere Form gutartiger als das Dromedar, läßt sich leichter einfangen und gehorcht seinem Herrn williger.
Beide Tierarten gedeihen nicht auf üppiger Weide, sondern verlangen im Gegenteil dürre Steppenpflanzen, welche anderen Tieren kaum genügen würden, besonders aber Salzpflanzen. Dabei ist das Trampeltier noch bedürfnisloser als das Dromedar und frißt die bittersten und salzigsten Wüstenkräuter, die von den übrigen Steppentieren durchaus verschmäht werden. Dazu saufen sie selbst das äußerst salzhaltige Wasser der Steppe, das kein anderes Tier anrührt, und sind überhaupt auch darin höchst bedürfnislos. Aristoteles schreibt sogar von ihnen: „Die Kamele saufen lieber trübes als reines Wasser, und trüben es, wenn sie es rein vorfinden, erst absichtlich, wenn sie saufen wollen. Übrigens können sie recht gut vier Tage ohne Getränk aushalten, nehmen aber auch nachher desto mehr zu sich. Sie leben meist 30 Jahre, zuweilen auch bis hundert.“