Während früher der rezente Elefant ausschließlicher Lieferant des seit dem hohen Altertum zu Schnitzereien und Geräten aller Art sehr beliebten Elfenbeins war, kommen in neuerer Zeit mit der Erschließung des noch vielfach von der letzten Eiszeit her vereisten nordöstlichen Sibirien auch die gewaltigen Stoßzähne des ausgestorbenen Mammut (Elephas primigenius) als fossiles Elfenbein in den Handel. Der russische Reisende Middendorf schätzte die Zahl aller seit der Besiedelung durch die Russen von dort ausgeführter Mammutstoßzähne als von etwa 20000 Tieren stammend. Jährlich kommen wenigstens 100 Paar Stoßzähne in den Handel. Dabei sind sie noch so gut erhalten, daß kein Unterschied darin bemerkbar ist, ob das Elfenbein rezent oder fossil ist. Mit diesem fossilen Elfenbein aus dem hohen Norden Asiens allein werden wir auszukommen haben, wenn einmal der Elefant als Wildling ausgerottet sein wird und die letzten Exemplare desselben in völligem Dienste des Menschen oder in einigen Reservationen unter menschlichem Schutze das Gnadenbrot bekommen werden. Diesen fossilen Elefanten hat der Mensch der frühen Nacheiszeit in Europa ausgerottet, indem er ihn nicht sowohl wegen seiner gewaltigen Stoßzähne, als wegen seines Fleisches aufs eifrigste verfolgte und jedenfalls bei seiner armseligen Bewaffnung vorzugsweise in Fallgruben fing und mit Werfen von großen Steinen tötete. Neben dem Knochen und Horn des Renntiers war das Elfenbein des Mammuts ein viel verwendetes Werkzeugmaterial des diluvialen Jägers, das uns in den Überresten seiner Lagerplätze nicht selten entgegentritt.

Bild 42. Oberes Ende eines durchlochten Zierstabs aus Renntierhorn aus dem Lagerplatz der Mammutjäger der frühen Nacheiszeit von La Madeleine mit dem Kopfe eines Mammuts.

Bild 43 und 44. Aus einem Mammutstoßzahn geschnitztes Amulett der Magdalénienjäger mit einem kleinen, jetzt durchgebrochenen Aufhängeloch an der Spitze. Auf der Vorder- und Rückseite ist je eine Saigaantilope mit auffallend langem Gehörn dargestellt. Aus der südfranzösischen Höhle von Mas d’Azil am Nordfuße der Pyrenäen. (1⁄3 natürl. Größe.)

XII. Kaninchen und Meerschweinchen.

Eine ebenfalls junge Erwerbung wie das Renntier ist das Kaninchen (Lepus cuniculus), das sich durch weit geringere Größe, schlankeren Bau, kürzeren Kopf, kürzere Ohren und kürzere Hinterbeine vom eigentlichen Hasen unterscheidet. Es ist gegenwärtig über ganz Süd- und Mitteleuropa verbreitet und an manchen Orten recht gemein. Am zahlreichsten trifft man es in den Mittelmeergegenden, obgleich man dort keine Schonzeit kennt und es das ganze Jahr hindurch verfolgt. Besonders zahlreich muß es im östlichen Teil des Mittelmeergebiets gelebt haben, da die alten Schriftsteller Spanien als seine Heimat bezeichnen. In England und in manchen von dessen Kolonien wurde es der Jagdlust zuliebe in verschiedene Gegenden verpflanzt und anfangs sehr hochgehalten. Noch im Jahre 1309 war es dort so selten, daß ein wildes Kaninchen ebensoviel als ein Ferkel kostete. In Nordeuropa ist es ihm schon zu kalt; so hat man bis jetzt vergeblich versucht, es in Rußland und Schweden einzubürgern.

Das wilde Kaninchen verlangt hügelige, sandige Gegenden, die von niederem Gebüsch bedeckt sind, in dem es sich verstecken kann. In den lockern Boden gräbt es sich am liebsten an sonnigen Stellen und in Gesellschaft einen einfachen Bau, bestehend aus einer ziemlich tiefliegenden Kammer und in einem Winkel dazu gebogenen Röhren, von denen eine jede wiederum mehrere Ausgänge hat. Jedes Paar hat seine eigene Wohnung und duldet kein anderes Tier darin. Mit scharfen Sinnen ausgestattet, ist das Kaninchen äußerst vorsichtig, lebt fast den ganzen Tag in seiner Höhle und rückt erst gegen Abend auf Äsung aus, indem es lange sichert, bevor es den Bau verläßt. Bemerkt es Gefahr, so warnt es seine Gefährten durch starkes Aufschlagen der Hinterfüße auf die Erde, und alle eilen so rasch als möglich in ihren Bau zurück oder suchen sonst ein Schlupfloch zu finden. Wie die Häsin geht das Kaninchen 30 Tage schwanger und setzt bis zum Oktober alle 5 Wochen 4–12 Junge in einer besonderen Kammer, die es vorher mit der Wolle von seinem Bauche reichlich ausgefüttert hat. Einige Tage hindurch sind die Kleinen blind, doch rasch entwickeln sich ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten, so daß sie schon nach dem nächsten Satze der Pflege der um sie sehr besorgten Mutter entraten können. Sie erreichen erst im 12. Monat ihr völliges Wachstum, sind aber in warmen Ländern schon im fünften, in kalten im achten Monate fortpflanzungsfähig.