Durch diese ihre ungeheure Fruchtbarkeit sind die Kaninchen noch schädlicher als die Hasen, indem sie mit Vorliebe Baumrinden abnagen, wodurch oft ganze Pflanzungen eingehen. Wo sie sich vor Verfolgungen sicher wissen, werden sie ungemein frech und vertreiben durch ihr unruhiges Wesen das andere Wild, vor allem Hasen und Rehe. In Gegenden, die zu ihrer Entwicklung günstig sind, können sie zu einer wirklichen Landplage werden und die Bewirtschaftung des Bodens außerordentlich benachteiligen. Wenn sie einmal die Oberhand gewonnen haben, sind sie kaum mehr zu beseitigen. So haben sie sich in manchen Gegenden, so namentlich in Spanien und auf den Balearen, schon im Altertum so stark vermehrt, daß man auf Maßnahmen zu ihrer Zurückdrängung sann. Der griechische Geschichtschreiber Strabon im 2. Jahrhundert n. Chr. schreibt: „In Spanien gibt es wenige schädliche Tiere mit Ausnahme der den Boden durchwühlenden Häschen, welche von einigen Kaninchen genannt werden. Sie zerstören die Pflanzungen und Saaten und sind bis Massalia (dem heutigen Marseille) und auch über die Inseln verbreitet. Die Bewohner der gymnesischen Inseln (Balearen) sollen einmal eine Gesandtschaft nach Rom geschickt und um eine andere Insel gebeten haben, weil sie über die Menge der Kaninchen nicht mehr Herr werden konnten.“ An einer anderen Stelle sagt dieser Autor: „Auf den gymnesischen Inseln sollen die Kaninchen nicht ursprünglich heimisch sein, sondern von einem Pärchen stammen, das von der Küste dahin gebracht wurde. Sie haben in der Folge Bäume und Häuser so unterwühlt, daß sie umstürzten. Jetzt weiß man ihre Zahl so weit zu beschränken, daß die Felder bebaut werden können. Übrigens verfolgt man sie mit Frettchen, die man in ihre Höhlen schickt.“

Nach allem scheinen die Griechen das Kaninchen ursprünglich nicht gekannt zu haben, sonst hätten sie einen besonderen Namen zu seiner Bezeichnung gehabt. Sie lernten es erst von Westen her kennen und nannten es nach dem lateinischen cuniculus kóniklos oder nach dem lateinischen lepus lebērís. Über diese Kaninchen, die den Römern sehr wohl bekannt waren, schreibt der ältere Plinius: „In Spanien und auf den balearischen Inseln, wo die Kaninchen ungeheuren Schaden anrichten, so daß man sich von dort aus einst vom Kaiser Augustus militärische Hilfe gegen diese Tiere erbat, bereitet man deren aus dem Nest genommene Junge als Leckerbissen zu. Der Kaninchenjagd wegen schätzt man dort die Frettchen sehr hoch. Man läßt sie in den unterirdischen, mit vielen Röhren versehenen Bau; die Bewohner fliehen dann eilig heraus und werden gefangen.“ Auf den Pityusen, damals Ebuso genannt, gab es im Gegensatz zu den Balearen, wo sie also nach Strabon in einem einzigen Pärchen von der spanischen Küste eingeführt wurden, keine Kaninchen, wie uns Plinius berichtet, dagegen waren sie nach dem griechischen Geschichtschreiber Polybios auf Korsika vorhanden; er nennt sie kýniklos.

Im Gegensatz zum Hasen, der bei den Römern häufig auf den Tisch kam — nach Lampridius soll Kaiser Alexander Severus täglich Hasenbraten gegessen haben — war das Kaninchen, wenigstens in Italien nur wenig als Speise gebräuchlich. Einzig Martial, freilich ein Spanier von Geburt, führt es mit einigen charakteristischen Versen unter den Küchenartikeln auf. Von einem Halten des Kaninchens als Haustier ist selbst in Spanien, das dieses Tier als für das Land charakteristisch auf einigen Münzen der römischen Kaiserzeit abbildete, im Altertum nirgends die Rede. Sie mag frühestens zu Beginn des Mittelalters in Südwesteuropa ihren Anfang genommen haben und nahm erst im späteren Mittelalter einen größeren Aufschwung, der hauptsächlich den Klöstern zu verdanken ist. So ließ sich der Abt Wibald von Corvey 1149 zwei männliche und zwei weibliche Kaninchen aus Frankreich kommen. Später begann man auch an den weltlichen Höfen Kaninchen in Gehegen zu halten, um den Damen ein müheloses Jagdvergnügen zu gewähren. Da man dabei die Schädlichkeit des Kaninchens kennen lernte, das das andere Wild verjagte, hörte man mit diesem Sport bald auf und begnügte sich, das genügsame Tier auf Inseln anzusiedeln, wo seiner unbegrenzten Vermehrung einigermaßen gesteuert werden konnte. So waren Kaninchen überall auf den Italien umgebenden Inseln vorhanden. Zur Zeit der fränkischen Herrschaft wurden sie auch auf den Kykladen, d. h. den Inseln des Ägäischen Meeres, angesiedelt, wo sie heute noch auf den Inseln vorkommen, auf denen es keine Hasen gibt. Nur auf der größeren Insel Andros hat es sich so mit seinem Vetter in das Gebiet geteilt, daß die Kaninchen den einen und die Hasen den anderen Teil der Insel bewohnen. Nach Olivier gibt es auch bei Konstantinopel im Marmarameer eine Kanincheninsel. Im Jahre 1407 hielt man schon Kaninchen auf der nach ihnen genannten Insel im Schwerinersee. 1684 erfahren wir, daß sie ein Rostocker Ratsherr auf den Dünen Warnemündes ausgesetzt hatte, aber erst nachträglich an den von ihnen angerichteten Verwüstungen sah, welche Dummheit er damit gemacht hatte. Noch im 16. Jahrhundert kannte man weder im Rheinland, noch in Mitteldeutschland wilde Kaninchen, dagegen kannte sie Schwenckfeld 1603 zahm und in den Häusern gehalten. 1612 sah sie der Nürnberger Paul Hetzner auf einem Kaninchenwerder der Königin Elisabeth von England als Merkwürdigkeit. Seit 1596 leben sie auf Helgoland und seit 1699 auf den ostfriesischen Inseln.

Eine besondere Bedeutung erlangten die Kaninchen als leicht zu transportierende Nahrung für den Menschen im Zeitalter der Entdeckungen. Um allfälligen Schiffbrüchigen ihre Existenz zu erleichtern, setzten die schiffahrenden Portugiesen auf kleineren und größeren Inseln, die sie ohne Tiere antrafen, außer Ziegen auch Kaninchen aus. Schon Perestrello, der erste Besiedler der Insel Porto Santo in der Nähe von Madeira, brachte 1418 hierher Kaninchen mit, die sich aber, da Feinde fehlten, in wenigen Jahrzehnten derart vermehrt hatten und solche Verwüstungen auf der Insel anrichteten, daß die Ansiedler zum Aufgeben ihrer Niederlassungen gezwungen wurden. Im Laufe der Zeit bildete sich hier eine Lokalrasse aus, die um die Hälfte kleiner und im Pelz oben rötlich und unten blaßgrau wurde. Sonst kehren die wilden Kaninchen meist zur ursprünglichen grauen Färbung ihrer Ahnen zurück. Auch auf Teneriffe kommen wilde Kaninchen vor; sie sind gleichfalls klein und sehr scheu, graben keine Löcher, was im vulkanischen Boden auch nicht möglich wäre, sondern wohnen in den Spalten zwischen den Lavablöcken. Weiterhin leben welche auf St. Helena, Ascension, dann auf Jamaika und den Falklandinseln.

In der Äquatorialprovinz Afrikas suchte Emin Pascha vor einem Menschenalter Kaninchen einzuführen. In Südafrika haben die vorsichtigen Holländer ihre Einführung auf dem Festland durch strenge Strafbestimmungen zu verhindern gewußt. Nur auf den kleinen Inseln in der Hafenbucht der Kapstadt wurden sie angesiedelt. In Batavia wollten sie 1726 nicht recht gedeihen, da es ihnen wohl zu warm war. Dagegen haben sie neuerdings in den Kulturrassen als Haustier in Japan großen Beifall gefunden. Ganz schlimme Erfahrungen machte man mit den wilden Kaninchen in Australien und Neuseeland, wo sie unbedachterweise zur Frönung der Jagdlust ausgesetzt wurden. Bald wurden sie hier zu einer fürchterlichen Landplage, indem sie die Weideplätze der Kühe und Schafe kahl fraßen. Schon im Jahre 1885 gab die Regierung von Neusüdwales etwa 15 Millionen Mark aus, um dem Übel zu wehren; doch vergebens. Gift, Schlingen, Frettchen, Hermeline, Mangusten und andere Raubtiere, die eingeführt wurden, nützten nichts. Diese Tiere vermehrten sich zwar, hielten sich aber nicht an Kaninchen, sondern an das Hausgeflügel der Ansiedler, so daß sie selbst eine fast ebenso schlimme Plage als die Kaninchen wurden. Selbst der Versuch, eine ansteckende Krankheit unter den Kaninchen zu verbreiten, nützte nichts. Deshalb bleibt die Vertilgung der Kaninchen nach wie vor besonderen Kaninchenfängern vorbehalten, die das Land in Gesellschaften durchziehen und bald hier, bald dort ihr Lager aufschlagen. Um neue Einwanderungen von Kaninchen in die von ihnen gesäuberten Gegenden zu verhindern und bis jetzt kaninchenfreie Ländereien vor ihrer Einwanderung zu verschonen, hat man meilenweite Einfriedigungen aus Drahtnetzen gezogen, unter denen eine im Auftrage der Regierung der Kolonie Viktoria errichtete über 1120 km lang ist. Bis jetzt ist es freilich noch in keiner australischen Kolonie gelungen, der Plage Herr zu werden. An vielen Orten ist der Boden ganz unterwühlt von den Nagern, an andern ist der Wald durch sie eingegangen.

Ebenso wie in Australien spielt unter den in Neuseeland eingeführten Tieren das dort vor etwa 45 Jahren eingeführte Kaninchen eine äußerst verhängnisvolle Rolle. Es hat sich in manchen Gegenden Neuseelands so stark vermehrt, daß man sogar gedacht hat, ihm diese Gegenden ganz preiszugeben. Auch in verschiedenen Gegenden Südamerikas wurden sie eingeführt, doch vermehrten sie sich hier nirgends im Übermaß, da sie die natürlichen Feinde in Schranken hielten. In Mexiko und Peru scheinen sie ziemlich häufig zu sein.

Das Wildbret des Kaninchens ist weiß und wohlschmeckend. Die feinen Haare des Pelzes werden wie diejenigen des Hasen zur Herstellung von Filzhüten verwendet. In der römischen Kaiserzeit stopfte man damit Kissen, bis man von den als Barbaren verachteten Germanen die Verwendung der Daunenfedern der Gans zu diesem Zwecke kennen lernte.

Die Domestikation hat beim Kaninchen eine Reihe von Veränderungen hervorgerufen, auf die schon Darwin aufmerksam machte. Vor allem haben die Hauskaninchen bedeutend an Gewicht zugenommen; während das wilde Kaninchen ein Gewicht von höchstens 2 kg besitzt, gibt es zahme Rassen, deren Vertreter 5–6 kg schwer werden. Dies wurde erzielt durch Zufuhr reichlicher, nahrhafter Kost in Verbindung mit wenig Körperbewegung und infolge der fortgesetzten Zuchtwahl der schwersten Individuen. Dann hat die Länge und Breite der Ohren durch künstliche Züchtung enorm zugenommen, so daß sie infolge ihres erheblichen Gewichtes nicht mehr aufrecht getragen werden können, sondern hängend geworden sind. Bei den größeren Rassen hat der Schädel an Länge zugenommen, aber nicht im richtigen Verhältnis zur Längenzunahme des Körpers. Auch manche Schädelteile weisen erhebliche Veränderungen auf gegenüber denjenigen der wildlebenden Vertreter. Im richtigen Verhältnis zum vergrößerten Körpergewicht sind die Extremitäten kräftiger geworden, haben aber durch Mangel an gehöriger Körperbewegung nicht im richtigen Verhältnis an Länge zugenommen. Die ursprünglich graue Färbung ist verschieden geworden, teils ist sie in Braun, Schwarz, Weiß oder Scheckfärbung übergegangen.

Beim Angora- oder Seidenkaninchen ist ein sehr reichlicher, weicher Pelz von seidenartigem Glanze erzielt worden, der hoch im Preise steht. Es soll ursprünglich in Kleinasien gezüchtet worden sein und kam am Ende des 18. Jahrhunderts nach Europa. Es ist sehr zart und verlangt eine sorgfältige Pflege. Meist wird es einfärbig weiß gezüchtet; doch gibt es auch schwarze, gelbe und graue Sorten.

Das Silberkaninchen gehört zu den kleineren Schlägen. Sein Gewicht beträgt 2,5 bis 3,5 kg. Auf dem rundlichen Kopfe sitzen die aufrechtstehenden Ohren an der Wurzel nahe bei einander. Die Färbung ist gewöhnlich grau mit einem silberähnlichen Anflug; auch blaue, braune und gelbe Nuancen kommen vor. Das Fell spielt als Handelsartikel eine nicht unerhebliche Rolle und wird von den Kürschnern zu Pelzwerk verarbeitet. Ihm nahe steht das graue bis schneeweiße russische Kaninchen, dessen Nasen, Ohren, Pfoten und Schwanz allein schwarz sind. Es besitzt eine herabhängende Wamme am Hals. Aus seinem Pelz werden Hermelinpelzimitationen hergestellt.